Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Erna, daß sie Dich als Schwester liebt und'Dir vertraut, dann wird alles ohne Zwang, ohne Kampf kommen, wie es kommen soll." Liska lächelte. „Mama, Du bist weise." - „Gewiß Törin. Was Du heute nicht Hugo sagen sollst wird er später vielleicht Dir anvertrauen." — Hugo und Erna traten ein, fröhlich wie der junge Tag, Erna von Schwiegermutter und Schwägerin mit einer herzlichen Umarmung willkommen geheißen. Erna legte flink ab und eilte mit Liska hinaus, ihr tausend wichtige Neuigkeiten erzählend, die mit nachsichtigem Lächeln angehört wurden. Das Mittagessen verlief sehr lustig durch die Neckereien der jungen Leute und den Witz Ernas, der den ernsten Damen häufig ein Lächeln entlockte. „Ich muß einige Stunden aufs Bureau; was beginnt Ihr solange?" „Wir bleiben hier, Mama zeigt rnir die Bücher und Andenken vom seligen Papa und erzählt mir von ihm; überhaupt ist es hier so lieb, daß ich gar nicht fort möchte." Ein dankbarer Blick belohnte Erna. Liska aber seufzte : „Papa hätte nicht mehr in die jetzige-Welt gepaßt." „ Erna sagte erstaunt: „So kann ich mir aber Papa gar nicht vorstellen." Die Mama wehrte ärgerlich ab: „Liska beleidigt ja Papa mit diesen: sentimentalen Unsinn. Laß aber nicht zu lange auf Dich warten, Hugo, wir haben heute abend Gäste. Wir erwarten Herrn Professor Schwepp und Frau Pastorin Langstadt mit Tochter." „Hu, eine fromme Gesellschaft, da werden wir uns rasch empfehlen, Schatz." Frau Rode lächelte: „Fürchte Dich nicht, Erna, Hugo hat ein Borurteil gegen den Professor, weil er verschiedene Male gesagt: „Ei, Herr Assessor scheinen wieder vielen Durst zu haben." Abends saß die Gesellschaft um den runden Tisch, wie aus einem Chodowicki'schen Stich gezaubert. Der Professor, ein runder, freundlicher Herr mit weißen Haaren und funkelnden Brillengläsern, welcher Frau Erna eifrig den Hof machte, und Frau Pastorin Langstadt mit ihrer Tochter, Strümpfe siir Heidenkinder strickend. Man plauderte angeregt über Berlin und dessen Sehenswürdigkeiten und nrachte Pläne, wie die junge Frau alles besichtigen müsse. Plötzlich wandte sich die Frau Pastorin an Erna: „Werden Sie morgen ein Stündchen für mich übrig haben, liebe junge Frau, ich möchte als Supplikantin zu Ihnen kommen." „Gewiß," war die artige Antwort, „mit ganz besonderem Vergnügen werde ich Sie bei uns sehen, ich bin der Veranlassung dankbar, welche sie auch sei." „Ach, die Veranlassung ist ja eine gottgefällige. Ich möchte Sie als Mitglied der Mission zur Bekehrung der Juden werben." Erna lachte laut. „Auf diese Mitgliedschaft werde ich allerdings verzichten." „Dürste ich mich nach dem Grund erkundigen?" „Weil ich mich für die Bekehrung der Juden durchaus nicht erwärmen kann, verehrte Frau Pastorin; wenn Sie andere, vielleicht Wohltätigkeitsvereine protegieren, so wird es mir eine besondere Genugtuung gewähren, wenn Sie mich als Mitglied aufnehmen. Damit sind Sie mir stets willkommen." Die Pastorin lächelte stechend. „Auf dem Pfade der Charitas werden wir schon zusammenwandeln, liebe junge Frau." Hugo, der aufmerksam zugehört, sagte nicht ohne Genug-! tuung:! „Ja, Frau Pastorin, meine Frau hat ihr Köpfchen ganz; philosophisch geschult." i Fräulein Langstadt bemerkte mit honigsüßer Stimme:! „Dies ist eine Rüge, aber kein Kompliment. Ein Frauen-! topf darf nicht philosophisch grübeln. Die Frau soll nur > Liebe zu Gott und ihren Mitmenschen im Kopfe und Herzen I haben." Der Professor, der sich über diese Wortplänkeleien zwar amüsierte, aber der jungen Frau, die ihm sehr gut gefiel, zu Hilfe kommen wollte, sagte: „Unserer gemütlichen Versannnlung am Teetisch sollten; derartige Erörterungen doch fern bleiben. Da sich die Damen; noch zu wenig kennen, könnten dadurch leicht Mißverständnisse j entstehen und den herzlichen Verkehr, der sich doch bilden soll,! beeinträchtigen. Wir wollen lieber einen gemeinschaftlichen j Ausflug besprechen." Die Stimmung blieb aber etwas frostig; recht bald erhob sich die Frau Pastorin und ihre Tochter, und dadurch wurde der Aufbruch allgemein. Erna nahm herzlichen Abschied von : ihren Verwandten, verabredete mit ihnen ein Zusammensein für den folgenden Tag, und so schied man. (Forts, folgt.) Literarische Mitteilungen. | — Unter den vielen Unternehmungen, die in letzterer Zeit zur! Förderung der hebräischen Literatur ins Leben gerufen wurden, verdient die von M. A. Luncz, Redakteur des Palästina-Almanachs und des Lehrbuchs Jerusalem, geplante Herausgabe einer Palästina- Bibliothek (Ozar Saphrutli Erez Israel) besondere Würdigung. Der! Plärr geht dahin, eine korrekte Ausgabe von den wichtigsten, zum! Teil vergriffenen Werken zu schaffen, welche die Geschichte, Literatur; und Geographie Palästinas behandeln. Zwei wertvolle Werke dieser; Art, welche wahrhaft klassische Beiträge zu der historischen Geographie des heiligen Landes enthalten, liegen bereits in der von M. A. Luncz - unternommenen, mit Anmerkungen und Zusätzen versehenen neuen , Ausgabe im Drucke vor: Kaftor Woplieracli von Estori Parchi! (zwei Bände), der im 12. Jahrhundert lebte, und Tebuoth Haarez I von Joseph Schwarz, das 1845 erschienen und längst vergriffen ist. > Diesen soll eine ganze Reihe nicht minder nützlicher und wertvoller i Werke folgen, von welchem neben der augekündigten Encyklopädie! Palästinas die bereits vorbereitete kritische Ausgabe des Talmud! Jeruschalmi besonders erwähnt zu werden verdieilt. Wie aus dem I uns vorliegenden Prospekt zu ersehen ist, wird die neue Ausgabe j des jerusalemischeu Talmud genau denselben Text enthalten wie i die erste in Venedig 1522—1524 erfolgte Edition, nur mit der! einen Abweichung, daß die Gemara nicht nach dem ganzen Perek l (Abschnitt), sondern gleich nach der Mischnah folgen wird, was ent- > schieden als eine willkommene Neuerung angesehen werden darf.; Neben einem populären Kommentar wird: die neue Ausgabe durch : Randbemerkungen die analogen Stellen im talmudischen Schrifttum j bezeichnen, auf die verschiedenen Lesearten in seltenen Manuskripten j Hinweisen und schwierige Ausdrücke erklären. — Der Teil ©erahn : und Traktat Sota sollen zuerst zur Veröffentlichung gelangen. Nach; dem uns vorliegenden ersten Druckbogen zu urteilen, dürfen wir hoffen, daß auch die äußere Ausstattung des Werkes entsprechend sein wird. Der Subskriptionspreis ist auf 40 Mark festgesetzt. Das Unternehmen des Herausgebers, an dessen Durchführung nicht gezweifelt werden darf, verdient neben ungeteiltem Beifall auch weitgehendste Förderung. A—tz.; Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. verantwortlich für die Redaktion: Max Lauch wltz in Berlin.