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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
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„Nord und Süd" glitt imitier mehr fort ' von der Politik, und als die Zeitschrift 1859 aufhörte zu erscheinen, war der letzte Band nur noch von dem bekannten Roman . „Heimatlos" erfüllt. Auf der politischen und journalistischen Arena trat (Soldschmidt nach dieser Zeit so gut wie gar nicht mehr auf. Enttäuscht und mißmutig reifte er 1861 nach London, halb entschlössen,' Dänemark aufzugeben oder doch zu versuchen, englischer Schriftsteller zu werden. Eine Danebrogflagge, die er bei einem Fest in dem Arbeiterzug auf der Ausstellung im Jahre-1862 wehen sah, erweckte jedoch bei ihm — dem Stimmungsmenschen, der er vor allem war — wieder die Liebe zu seinem Vaterlande und die Sehnsucht nach demselben, und er kehrte zurück. Aber es war die Literatur allein, welche die Früchte d ieser seiner Heimkehr erntete. Für die Journalistik und Politik hatte er zu seinem Heile nunmehr für immer zu wirken aufgehört. * * (Soldschmidt verheiratete sich 1848 mit Marie Sonne, aber diese Ehe war keine glückliche und von kurzer Dauer. Er lebte mit seiner abgöttisch verehrten Mutter und seiner hochbegabten Schwester Ragnild zusammen, die — nach dem Tode der Mutter — ihn: bis zu seinem Tode das Haus führte und die regste Sorgfalt für ihren geliebten und liebenswürdigen Bruder an den Tag legte. Goldschmidt erhielt 1675 den Titel eines Professors und genoß als Schriftsteller vom Staate eine jährliche „Dichtergage" in der Höhe von 2000 Kronen. Nach kurzem Krankenlager starb er am 15. August 1887 allgemein betrauert in Kopenhagen. Da seine Schwester Ragnild einen großen Einfluß auf ihren Bruder ausgeübt hat und ebenfalls literarisch und sozialistisch tätig gewesen und große Anerkennung gefunden hat, lassen wir hier eine kleine biographische Skizze über diese folgen. Ragnild Goldschmidt wurde am 8. Februar 1828 in Valbh bei Kopenhagen geboren und war die jüngste der fünf Geschwister des Dichters. Bis zu seinem Tode teilte sie stets das Haus mit ihm, und durch ihre feine, klare, durchgeistigte Natur, ihr wahrheitsliebendes, mutiges Urteil und ihr warmes Gemüt bekanr sie, da er stets seine Arbeiten vorlas, eine nicht geringe Bedeutung sür ihn. Im Jahre 1871 war sie Mitbegründerin der Stiftung des weiblichen Lesevereins, und von 1875 bis zu ihrem Tode war sie dessen Vorsitzende. Es war ihr Plan, daß die Frauen hier ästhetisch-literarisch und sozial entwickelt und für das Leben geeignet gemacht werden sollten. Mit ihrer lebensvollen und ideenreichen Persönlichkeit füllte sie diesen ihren Platz völlig aus, arbeitete allen Aeußerlichkeiten entgegen und rief verborgene Talente zum Leben hervor. In ihren späteren Jahren hielt sie oftmals Vorträge über die Tätigkeit ihres Bruders. In einem hinterlassenen Exemplar einer Frauengeschichte, erzählt von einem Anonyurus, 1875, hat sie sich als Verfasserin dieses Buches genannt. Es erschien . mit einer Vorrede von ihrem Bruder, und in dieser sagt er: „Literarisch genommen, ist hier Talent vorhanden, sowohl zur Beobachtung als zur Darstellung, aber hier ist noch viel mehr: ein ernstes Gemüt; man begegnet auf den Seiten dieses Buches feinen Bemerkungen, Psychologischem Sinn, wirklichem Talent zur Charakterzeichnung und einem warmen Herzen mit dem Kennzeichen der Aufopferung!" — Fräulein Ragnild Goldschmidt starb ziemlich Plötzlich am 17. Oktober 1890. Der weibliche Leseverein hat ihre Büste in Marmor in seinem Lokal aufgestellt. Kinder rnihrtr 2tit. Roman von Jacob Lcvy. Kapitel 15. mit einem eleganten kleinen Wohnzimmer saß Frau Erna' Rode mit ihrem Gemahl, beim Frühstück. Die junge Frau sah glückstrahlend aus. Ihre Gestalt, war voll erblüht, ihr Auge leuchtete. Ihr Gatte sah ihrem anmutigen Walten vergnügt zu, Plötzlich ergriff er ihre Hand und küßte sie und den vollen Arm lange und bedächtig. , „Hugo, Du bist unverbesserlich," schält sie, „ich verschütte ja den Kaffee." Mit diesen ernsten Worten jedoch zugleich hatte si> ihn umfaßt und lehnte ihre weiche Gestalt an ihn, ihm innig in die Augen schauend: „Hugo, jetzt sind wir schon acht Tage zu Hause. Ist es denn nicht wonniger wie in den langweiligen Hotels?" „Wo man sich vor jedem Kuß umschauen muß," fuhr er scherzend fort. Sie nickte errötend und Zustimmend. „Hugo, Schatz, bist Du mit Deiner kleinen Frau auch glücklich?" „Unsagbar glücklich, so daß ich den. neidischen finsteren Mächten etwas opfern möchte, um mir mein Glück zu erhalten. 'Und Du, mein Lieb, hast Du«kein Heimweh?" „Mein Heim ist bei Dir, bei Dir lebe ich, bei Dir sterbe ich." Er klopfte an, ein schmuckes Dienstmädchen trat ein. „Ein Brief für die gnädige Frau." Er fragte neugierig: „Wer schreibt Dir denn schon, Schatz?" „Eine Einladung von Mama; höre: Wir bitten Dich und Deinen Liebsten auf heute Mittag zu uns. Du bleibst auch den ganzen Tag bei uns und Dein Gemahl kann Dich abends äbholen, wenn er nachmittags auf sein Bureau muß." > Er lachte. „Mama versteht^ zu kommandieren." — ' Frau Gerichtsrat Rode saß in ihrem altmodisch gemütlichen Zimmer mit einer Häkelei beschäftigt. Ihre Tochter Liska ging hier und da ordnend auf und ab. Die beiden Damen sähen sich auffallend ähnlich, beide große Gestalten mit vornehmen, kalten Zügen, die bei der Tochter noch durch einen gewissen verbissenen Zug Verschärft waren. Das Mädchen blieb stehen. „Mama, ich kann mir nicht helfen. Mit dieser Erna ist etwas Fremdes in unser Dasein getreten. Ich glaube nicht, daß diese junge Person zu uns paßt oder überhaupt zu uns gehören will." „Liska," sagte ihre Mutter streng, „ich ersuche Dich ernstlich, Deine Ausdrücke zu mäßigen. Hugo ist durch seine Heirat so überaus glücklich, daß es eine Sünde wäre, an der Liebe seiner jungen Frau zu zweifeln. Du glaubst Hugo noch immer als ältere Schwester bevormunden zu können; die Zügel sind aber Dir und auch mir entwunden, wir müssen - vor der jungen Frau zurückstehen." Liska's Lippen zitterten. „Mama, ich denke weiter für Hugo's Karriere. Die übergroße Toleranz ist nicht mehr angebracht. Die Beamter: des christlichen Staates sollen christliche Familien haben." „Liska, wolle nicht Vorsehung*'spielen. Beunruhige /die jungen Leute nicht in ihrem jungen Glück, sei gütig gegen

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