Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · p. Seite 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228586--60530-3274302
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

.J, i überdrüssig, als er wegen ' einiger Injurien, gegen drum Bürgerrepräsentanten zu einer Geldstrafe und einem Ja-Hr Zensur verurteilt, wurde, und im Jahre- 1840 verkaufte ckoös, wie wir. bereits erwähnt haben. Eine kurze Mitarbeiterschaft an der Zeitung „Der Tag", welche damals von Christian Komet. redigiert würde, . war ohne alle Bedeutung. Dann schuf er unter dem Jnrpüls von anderen -den „Korsaren", dessen erste Nummer am 8. Oktober 1840 erschien, und den er bald ganz allein aus seine Schultern, nehmen mußte und wesentlich ganz allein während voller sechs. Jahre schrieb und redigierte. Das war sicherlich ein großes Stück Journalistik, aber von so eigentümlicher Art, ganz außerhalb des Rahmens der eigentlichen Presse jener Zeit. Was damals dem Korsaren so große Popularität verlieh, woran man sich heute noch erinnert und was das Urteil, der Zeitgenossen und der Gegenwart bestimmt hat, das waren die pikanten, satirischen kleinen Notizen, wo der scharfe Stachel unter einer angenommenen unschuldigen Form verborgen war. Aber für Goldschmidt selbst waren die Haüptsache die ernsten, stimmungsvollen, man ist sogar versucht zu sagen, lyrischen Artikel, welche die Freiheit, die Republik, die Revolution priesen und den Idealen huldigten. Der Korsar wurde jedoch auf-die Dauer unhaltbar für Goldschmidt, und er trennte sich deshalb 1846 von demselben und zog in die Welt hinaus, um zu sehen und zu lernen. Die Reise entwickelte in hohem Grade die in seiner Naturliegenden Keime zu einer Weltanschauung, erhaben über die engen lokalen und nationalen Zufälligkeiten, trug aber auch dazu bei, ihn etwas fremd und unverständig für die Einzelheiten in jeneur Kampf zu ruachen, welcher nun einmal -in Dänemark durchgeführt werden mußte. Mehr als irgend ein anderer dänischer Publizist hatte er dagegen einen offenen Blick für die großen Weltbewegungen und deren unwiderstehlichen Einfluß auf die eigenen Verhältnisse seines Vaterlandes, und namentlich sah er klarer als irgend ein anderer, daß in der sozialen Bewegung der Schwerpunkt der Zukunft liege. Es war daher eine seltsame „Nemesis", daß gerade er Gegenstand der bittersten und höhnischsten Angriffe seitens des ersten Bahnbrechers des sozialen Gedankens in Dänemark, des Dr. Friedrich Dreier, werden sollte. Aber das lag daran, daß Goldschmidt auch das Soziale als Aesthetiker und nicht als praktischer Politiker auffaßte. Es ging ihm ungefähr wie Heine, der für die Republik schwärmte, aber Widerwillen gegen alle Republikaner hatte. Er dachte sich als Ideal eine Republik, aber — im Mißtrauen gegen den Repüblikanismus des Volkes -- eine Republik mit Diktatur, oder er träumte von einer theokratischen Republik, aber gleichzeitig von der Erziehung des Volkes, von der Verbesserung der Schulen, Hebung und Tätigkeit des Volkes in der Kommunalfreiheit. Diese politischen Ideen, welche praktischer Politik, namentlich wie sie der Augenblick erforderte, etwas ferne lagen, wurden in „Nord und Süd" zum „Königtum mit republikanischen Institutionen"; ein Königtum mit großen Prärogativen gegenüber dem allgemeinen Wahlrecht. Im Dezember 1847, als jene Wochenschrift, Goldschmidts Hauptwerk als Journalist, zum erstenmal das, Licht der Welt erblickte, stand sie vor dringlichen Aufgaben des dänischen Volkes, die nicht durch solche Formeln gelöst werden konnten, und obgleich es unwidersprochen ist, daß Goldschmidt bedeutungsvolle Beiträge zur politischen Tagesdebatte lieferte, blieb er doch gleichsam außerhalb des Ganzen stehen. Sein journalistisches Werk, das des augenblicklichen und aktuellen Charakters der eigentlichen Tagespresse entbehrte, war kein leitendes, sondern nur ein kritisierendes und reflektierendes. - Obgleich er in seiner innersten Seele und seinen innersten Gedanken vollkommen dänisch gesonnen war, nur daß bei ihm, wie er selbst sagt „Däne und Jude" fest miteinander verknüpft gewesen, war seine Haltung der nationalen Frage gegenüber, wie sie damals vorlag, erst schwankend und später so abweichend von derjenigen der leitenden Kreise, daß sie ihn in eine Polemik hineinziehen mußte, wobei er sich wohl mit Talent verteidigte, aber nicht genügend Gleichgewicht des Gemüts besaß, um die Angriffe erdulden oder richtig verstehen zu können. An „Nord und Süds" beste Periode knüpft sich seine Verbindung mit der Aristokratie, in dem sogenannten Grundbesitzerverein an. Die Alliance hatte ihren natürlichen Anschluß in seinen politischen Auslassungen, aber auch etwas in feinem eigenen Charakter, was er an einer Stelle wie folgt ausdrückt: „Aian hält es entweder mit der Aristokratie oder nrit der Demokratie oder auch mit beiden, insoweit sie persönlich und leidenschaftlich sind, aber auch von Herzen gegen die Bourgeoisie eingenommen sind, welche den festen täglichen Gang der Dinge und den Genuß derselben vertritt." Die dänische Aristokratie hatte sich nach 1848 und dem Grundgesetz vom 5. Juni von denr öffentlichen Leben zurückgezogen, allein ungefähr 1850 suhlte sie ein Bedürfnis, sich wieder geltend zrl machen, und sie bedurfte ja sehr einer talentvollen Feder, welche. ihre Sache in der Presse zu führen vermochte. Als Goldschmidt, der den reichen Grasen Frijs-Frijsenborg irr der Normandie getroffen hatte, zum erstenmal in dem Grundbesitzer- Verein mit diesem erschien, trafen sie dort Baron Blixensinecke, Haffner, Meergaard und Graf Holstein-Holsteinborg, und er begann damit, von ihnen ihr Ehrenwort zu verlangen, daß sie nicht mit der schleswig-holsteinischen Ritterschaft in Verbindung ständen und daß sie das Grundgesetz und das Wahlgesetz respektieren wollten; es beweist, welchen Wert diese hervorragenden Männer darauf legten, Goldschmidt zu gewinnen, daß sie wirklich dieses Ehrenwort gäben. Goldschmidt hat später dieses Verhältnis dahin bezeichnet, daß er es nicht übernahm, ihre Anschauungen zu verteidigen, sondern daß sie sich erboten hätten, die seinigen zu stützen. Er schrieb für sie eine Einladung zu einer Preisschrift über die.Verbesserung der öffentlichen Schulen, das Wesentliche von einer Adresse an den König über den Gesarutstaat mit bürgerlicher Freiheit, eine Erklärung wegen freiwilliger Uebereinkünft zwischen Gutsbesitzer und Hintersassen. In „Nord und Süd" entwickelte und verteidigte er ferner das Programm des liberalen Gesamtstaats, wogegen er Blixenfineckes Anerbieten - ablehnte, ein Tageblatt zu gründen, das er redigieren sollte; „ich antwortete, daß ich auf keinen Fall ein Tageblatt herausgeben würde, weil es mich von der eigentlichen literarisch-poetischen Tätigkeit, worauf ich großen Wert lege, äbziehen würde." Es wird kaum einem Zweifel unterliegen, daß Goldschmidt in dieser Periode von einer politischen Karriere träumte, die derjenigen Disxaelis in England ähnlich sehen konnte; wohl sagt er in seinen „Lebenserinnerungen", daß es ihm niemals eingefallen wäre, etwas anderes als Schriftsteller zu sein, aber er bekennt auch: „Bei allen Gelegenheiten, wo ich käinpsen mußte, bin ich in den Kampf mit der instinktmäßigen Forderung gegangen, Nummer Eins zu werden." Aber wie die dänische Aristokratie nicht ganz den Tories entspricht, ebenso war der Reichstag kein englisches Parlament, und daher mangelten Goldschmidt bei all seinem Talent und nicht geringen äußern Aehnlichkeiten die wesentlichsten Eigenschaften, welche Disraeli in den Stand setzten, „educale bis party“ und so ein Lord Beaconsfield zu werden, der zweimal Premierminister war. Die Alliance verlor an Wärme und Festigkeit, je nachdem die Jahre vergingen und die Verhältnisse sich entwickelten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.