Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · p. Seite 45

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228586--60529-3274301
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

45 Meyer Aron Galdlchmidt. Von Emil Jonas. II. er Roman „Ein Jude" erschien unter dem Pseudonym „Adolf Meyer", und derselbe Name stand auf dem Titelblatt des schon berührten nach der Zeit des Korsaren herausgegebenen Bandes von Erzählungen, welche unter anderm vorzüglich wiedergegebene Eindrücke arrs seiner Kindheit und dem Provinzialleben enthielten : „Erinnerungen aus dem Hause meines Onkels", „Die unterhaltende Erzählung", „Für acht Schilling Weißbrot" und „Ein Maifest", zwischen deren Zeilen schon ein Funke der Lebensidee hervorglimmt, die Goldschmidt in späterer Zeit zu der leitenden seiner dichterischen Kompositionen machte und in seinem eigenen Leben realisiert sehen wollte: Nemesis. 1853 erschien der erste Teil des umfangreichen Romans „Heimatlos", der 1857 abgeschlossen wurde. Wie die rein äußere Einteilung des Werkes eine höchst ungleiche ist, so verrät auch die Art und Weise der Behandlung, daß es nicht aus einer abgeschlossenen und gesammelten Arbeit hervorgegangen ist; der Grundgedanke hat sicherlich von Anfang an klar vor dem Verfasser gestanden, aber während der Ausführung hat er sich oftmals denr Zufall anvertraut und vorübergehende Erscheinungen zu großem Einfluß auf sich üben lassen, so daß inan den Eindruck empfängt, daß er sich mehr für die Staffage als für die Hauptpersonen interessiert habe, die nun auch kein großes Interesse für sich zu erwecken vermögen und auch keine typische Bedeutung haben, während in den Einzelheiten viele geistvolle Betrachtungen hervorsprudeln und in Zeitbildern eine feine satirische Schilderung des Bestehens und des Fortschreitens der politischen wachthabenden Partei gegeben ist. Nachdem er eine sehr ernste Krankheit überstanden hatte, reiste Goldschmidt im Winter 1858 nach Italien, England und Frankreich und hielt sich auch später zu wiederholten Malen und für längere Zeit im Auslande auf, meist in London und Rom. .Von 1863 ab begann eine umfangreiche, über viele Gebiete verbreitete schriftstellerische Tätigkeit: 1863—65 erschienen drei Bände Erzählungen und Schilderungen, 1865 ein Tagebuch einer Reise von der Westküste von Vendsyssel und Thy; 1866 „Eine Heidereise in der Viborger Gegend" und die Erzählung „Der Erbe"; 1867 „Liebesgeschichten aus vielen Ländern", „Ein Roman in Briefen", „Der Wankelmütige auf der Graähede" und „Der Rabe"; 1866—69 „Kleine Erzählungen"; 1873 „Avrohmche Nachtigal". Man kann mit Fug und Recht von diesen Arbeiten sagen, daß sie, je geringer ihr Inhalt ist, desto gewichtiger sind. In der kleinen Komposition ist Goldschmidt ein Meister wie wenige. Eine jede dieser Erzählungen und Schilderungen — nicht zum wenigsten diejenigen mit jüdischen Motiven, wie „Maser", „Levy" und „Jbäld", „Avrohmche" — ist ein Diamant, funkelnd von Geist und in einer Fassung des feinsten ziselierten Stils. Wo die Handlung ein ganzes Leben oder ein verwickeltes Geschick umspannen soll, wird man niemals seine Darstellung ohne eine Ausbeute an geistreichen Beobachtungen und zum Nachdenken anregenden Gedanken lesen; allein der Faden ist hier manchmal zu dünn ausgesponnen oder die gesunde Natürlichkeit des Lebens verflüchtigt worden. Zwischen seinen beiden großen Arbeiten „Ein Jude" und „Heimatlos" und den kleineren Bildern bilden „Der Erbe" und „Der Nabe" einen Uebergang, zusammengesetzt und doch übersichtlich in der Konrposition des Stoffes aus der Wirklichkeit, mit Wurzeln in Zeit und Land, aber zugleich auf eine eigentünrliche Weise an ein phantastisches Element geknüpft, eine Vereinigung, die von dem Nemesisgedanken wie von dem lebenspendenden Geisteshauch durchströmt wird. Im zweiten Teil seiner „Lebenserinnerungen und Resultate". (1877) hat Goldschmidt seine Nemesislehre begründen und deren Ursprung auf so frühe Kultur wie die ägyptische Gottesverehrung zurückführen wollen, eine Untersuchung, welche von Fachgelehrten als geistvoller Dilettantismus gestempelt worden ist, wie auch sein Vertrautsein mit jüdischer Theologie von der kompetentesten Seite bestritten worden ist. Die Lehre steht und fällt indessen nicht mit dem Beweise ihres Alters, und daß sie fruchtbare Impulse zu dichterischem Beschauen und Eindringen enthält, davon zeugt Goldschmidts poetische Meisterschaft, wie deren ethischer Wert für die oberen Zehntausend gewiß unbestreitbar ist; denn bei der großen Menge wird die Aufmerksamkeit, die eine ihrer Hauptforderungen ausmacht, nicht vorausgesetzt werden können. Nemesis ist eine Selbstkritik, ein offenes Auge für die Uebereinstimmung oder den Mangel an Uebereinstimmung des Jchs mit den schönen, gesetzlich bestimmten, recht wiegenden Worten, welche das Ganze des Lebens bildet, Aufmerksamkeit dafür, daß man bei jedem Schritt auf eine Glocke tritt, „welche einen Laut in dem fernen und doch stets anwesenden Reiche der Gerechtigkeit erweckt", die Ueberzeugung davon, daß das „heimliche Gericht" stets wacht, sein Urteil fällt und es vollstreckt, wenn die Zeit gekonunen ist. Schon früh kann man wie gesagt diese Anschauung in Goldschmidts Werken und in seinen späteren Schriften mit all der Deutlichkeit spüren, mit welcher der Gedanke nach seiner ungreifbaren Natur überhaupt erfaßt werden kann; in seinem Schauspiel „Ein Gebrechen" (aufgeführt 1867 tun königlichen Theater in Kopenhagen) ist diese Idee fast konkret vorhanden, da die Forderungen der dramatischen Darstellung sie gezwungen haben, sich in einen sichtbaren Körper zu kleiden, und in denr später, 1869, aufgeführten Drama „Der Rabbi und der Ritter", einer Umarbeitung des früheren „Rabbi Elieser", verspürt man gleichfalls ihren Hauch. lieber seinen Stil sagt Goldschmidt irgendwo, daß, da derselbe zwischen den Zeilen liegender Ausdruck der Persönlichkeit ist, er sich im Laufe der Zeit hat formen und verändern rnüsferr. In feinen „Lebenserinnerungen" ist er zur Mystik geworden, denn diese eigentümliche Biographieist weniger eine Geschichte als die Philosophie der Geschichte, weniger Enthüllung als Verschleierung, und die Darstellung ist infolge dessen reicher an Vorbehalten, Andeutungen und psychologischen Winken als an klarer Erzählung; der Stoff ist hinter rücksichtsvoll geordnete Betrachtungen aus der späteren Zeit gestellt, so daß er fast von denselben verdeckt wird, und wo derselbe hervorgezogen werden kann, muß man ihn eum grano salis gebrauchen und verstehen. Die „Erinnerungen" bilden als ein mit der zartesten Sorgfalt geordnetes Kunstwerk alles andere als eine gleichmäßige, natürliche Mitteilung. Obschon die journalistische Seite eine so große Rolle in Meyer Goldschmidts ganzem Schaffen spielte und sie es auch war, welche seinen Namen zuerst bekannt machte, war bei ihm der Politiker und Journalist von Anfang an von dem Aesthetiker stark in den Schatten gestellt, um schließlich ganz hinter demselben zu verschwinden. Es ist bereits bezeichnend genug, daß sein erstes journalistisches Unternehmen, das er in seinem achtzehnten Jahre mit dem „Nästved-Wochenblatt" begann, nicht im entferntesten dem Wunsche entsprang, an der öffentlichen Diskussion teilzunehmen, sondern entstand, wie er selbst bezeugt, „aus ästhetischem Drang", unr nämlich eine Stelle zu haben, wo er seine ersten unreifen Novellen äbdrucken konnte; er wurde dieses Unternehmens

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.