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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
Seite 44 (sequence 8)
Language
German
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an das ererbte Gut, das Vertrauen zu Gott, die Hoffnung auf schönere .Tage erhielt." Diese von Leopold Zunz (Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden) entworfene Illustration der Hagada, findet volle Bestätigung in dem Bacher'schen Werke, in dem wir die Hagada in allen ihren Bestandteilen > kennen und — schätzen lernen.- -! Man weiß beim Lesen des Buches wahrhaftig nicht, was | man zuerst bewundern soll: ' die außergewöhnliche Belesenheit- > des Verfassers, die geschickte Bearbeitung und geistreiche Anwendung des aus den entlegensten Quellen zusanrmengetragenen Materials, die aus fast jeder Seite des umfangreichen Werkes uns entgegentretende Genialität und Geistesschärfe des Verfassers oder seine klare Diktion und Darftellungsweise, die selbst dem Laien diese Lektüre zum Genüsse machen. Nur zwei Stellen aus dem inhältreichen Buche mögen hier als Beleg für unsere Beurteilung desselben in Bezug auf des Verfassers populäre Textwiedergabe angeführt sein. Im Kapitel VII, das eine Abhandlung über Elieser ben Hyrkanos und Josua ben Chananja enthält, lesen wir Seite 129 unter Kosmologisches: „Aus dem 148. Psalm, in welchem der Himmel und alle Himmelswesen, sowie die Erde mit allen Geschöpfen auf ihr zum Lobe Gottes aufgesordert werden, folgerte Elieserdaß, was im Himmel ist, aus dem Himmel, was auf der Erde ist, aus der Erde geschaffen wurde; nach Josua hingegen haben auch die Erdenwesen himmlischen — in heutiger Ausdrucks- Weise kosmischen — Ursprung, wie aus Hiob 37, 6 ersichtlich sei:' Schnee und Regen, die vom Himmel kommen, werden zur Erde gesandt. Auf dieser Verschiedenheit der Anschauungen beruht auch der Streit über die Entstehung der Erde selbst. Nach Elieser, der sich aus Hiob 38, 38 beruft, ist sie von einem j festen Mittelpunkte aus geworden, „indem der Schöpfer Staub, j zu fester Masse goß und die Erdschollen sich ansetzten;" nach Josua! ist sie von den Seiten her geschaffen, indem, wie er wieder aus! Hiob 37, 6 beweist, die kosmischen Elemente zur Erde sich j verdichteten. Ebenso läßt Elieser das Gewässer der Erde aus j dem Ozean emporsteigen, nach Gen. 2/6, während nach Josua > das Wasser von oben kommt, in die von der Erde sich erz hebenden Wolken, wie in einen Schlauch, sich ergießt, und! von diesen wieder, wie aus einem Siebe, auf die Erde gegossen ' wird. Auf den Einwand Josuas, daß ja das Wasser des Ozeans salzig sei, antwortete Elieser, es werde in den Wolken süß gemacht, nach Hiob 36, 28." Erwähnt sei hier noch eine im Zusammenhang mit dem Obigen vom Verfasser angeführten j Sage, nach welcher Elieser und Josua auf einer Seereise > einen Ort bemerkten, der frei von jeder Strömung war. Sie! füllten ein Faß mit dem Wasser dieser Stelle, und als sie nach! Rom kamen, konnten sie dem Kaiser Hadrian aus seine Frage, > wie es sich mit dem Wasser des Ozeans verhalte — das trotz! des Einmündens aller Ströme nicht mehr würde — mit einem! Experiment antworten. Sie füllten nämlich eine Flasche mit z jenem Wasser und bewiesen, anderes Wasser hineingießend,! ihre These, daß das Wasser des Ozeans anderes Wasser „deri schlinge", d. h. absorbiere, ohne daß sein Volumen sich vermehrte.! Seite 285—86 lesen nur einen Dialog zwischen Israel und j den Heidenvölkern, welchen Akiba mit Zugrundelegung von! Versen des Hohenliedes dichtete. Die Völker der Welt fragen | Israel: „Was ist dein Freund vor anderen Freunden, daß du ■ uns so beschwörst? (Hoh. 5, 9.) Was ist's, daß ihr so für ihm.; sterbet und so für ihn getötet werdet? Ihr seid ja schön/ihr seid ja tapfer, kommt und vermenget euch mit uns." Israel aber erwidert: „Kennt ihr ihn nicht? Wir wollen euch einen Teil seines Ruhmes verkünden! „Mein Freund ist glänzend re." (Hoh. 5, 10). Wie mm die Völker seinen Ruhm hören, sagen sie zu Israel: „Wir wollen mit euch gehen; wohin ist Dein Freund gegangen, wohin wandte sich dein Freund, wir wollen ihn mit dir suchen." (Hoh. 5, 1.) Israel aber spricht: Ihr habet keinen Anteil an ihm, sondern „ich gehöre meinem Freunde und mein Freund gehört mir." (Hoh. 6, 3 und 2,16.) Indes können wir uns nicht immer mit der deutschen Textwiedergabe des Verfassers befreunden. Sie ist an einigen Stellen fast pedantisch wörtlich, was, wie der Autor wohl selbst iveiß, schon der Talmud (Kiduschin 49 a) für unzulässig hält, manchesmal wieder zu frei, was besonders dem Laien auffällig erscheinen könnte. So lesen wir S. 272 Söhne anstatt Kinder seid ihr dem Ewigen euerem' Gotte . . . S. 288, Was ist dein Freund vor anderen Freunden, daß du uns so beschwörst? anstatt: Was ist dein Freund vor jeglichem Freund, daß du so uns beschworen? S. 272, Gewöhne dich nicht, an Gastmählern teil zu nehmen, damit du nicht einmal aus der Armenkasse essen müssest. „Talmid Chacham" ist wörtlich wohl mit Weisenjünger richtig wiedergegeben, doch versteht man darunter gewöhnlich den Gelehrten. Indessen tun diese und ähnliche Ausstellungen dem wissenschaftlichen Wert dieses Werkes, das schon bei seinem ersten Erscheinen berechtigtes Aufsehen in der Gelehrtenwelt erregte, nicht den geringsten Abbruch. Sehr angenehm berührt der in ihm zum Ausdruck kommende Respekt vor der Tradition, welcher der Verfasser, soweit sie in den verschiedenen Quellen übereinstimmt, gleich Zunz unbedingten Glauben schenkt. Weit mehr noch als der Laie kann der mit der rabbinischen Wissenschaft Vertraute aus diesem Buche lernen und Anregungen für neue Arbeiten schöpfen. Jede Note, jede noch so unbedeutend erscheinende Anmerkung des Verfassers, ist von unschätzbarem Werte, ein hoher Gewinn für die Wissenschaft. Sv wird hier die Behauptung gewisser Historiker, Josua ben Ehananja wäre nach Gamliel II. Vorsitzender des Synhedrions gewesen, durch einen einfachen Hinweis auf einen analogen Ausdruck rektifiziert. Bei der Anführung der Aeußerung Hadrians zil Rabbi Josua (S. 74): „Bist du der Aelteste der Juden," bemerkt der Verfasser in Note 1: „Siehe S. 167 Anm. 2: der Weise der Juden", und zwar im Zusammenhang mit einer Sage von den „Alten von Athen", die nicht als Athens Aelteste, sondern als Athens Weise gelten. Besondere Beachtung verdienen die der neuen Ausgabe als Anhang beigegebenen zwei Abhandlungeil, über den Ursprung des Wortes Agada (Hagada) und über die Agada als Zweig der alten jüdischen Traditionswissenschast, von denen die eine im Jahre 1891 englisch, die andere 1899 französisch erschienen ist. Beide, nnn mit erweitertem, hier und da berichtigtem Inhalt, sind, wie der Verfasser mit Recht bemerkt, geeignet, aus die gleichsam vorgeschichtliche. Grundlage des agadischen Schrifttums einiges Licht zil werfen. Der Verfasser schließt sein Vorwort zu der neuen Ausgabe mit der Bemerkung: „Die erste Ausgabe war Dr. Zunz, dem Altmeister jüdischer Wissenschaft, zmn 90. Geburtstag gewidmet. Diese neue Ausgabe widme ich hiermit seinem, von allen, denen das Gedeihen und die Ehre unserer Wissenschaft am Herzen liegt, gesegneten Andenken." Wir können nicht umhin, hier hinzuzufügen: In gleicher Weise lvie der unvergeßliche Zunz mit seinen grundlegenden Werken hat auch der Verfasser mit diesem seinem Werke, von dem hoffentlich auch die weiteren Bände bald als neue Ausgabe erscheinen werden, der Wissenschaft des Judentums ein unvergängliches Denkmal errichtet und sich damit ein nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst erworben: das Judentum hat allen Grund, auf den Autor und sein Werk stolz zu sein.

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