Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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43 Jus dem Garten der Hagada. Von Albert Katz. enn derjenige Teil des talmudischen Schrifttums, der unter dem Namen Halacha bekannt ist, uns mit der jüdischen Gesetzeslehre vertraut macht, so ist die Hagada, die Sagenwelt des Talmud, ein Spiegelbild der Denkungsart unserer Gesetzeslehrer, der Ausdruck ihrer Gefühle und Empfindungen, in denen wir nicht selten die Erklärung für manche ihrer uns sonderbar erscheinenden Gesetze finden. Darum sind Publikationen, welche dieses Gebiet behandeln, stets als eine schätzenswerte Gabe zu betrachten, insbesondere, wenn deren Autoren uns die Gewähr bieten, daß ihre der Oeffentlichkeit vvrgelegten Arbeiten das Produkt langjährigen Forschens, das Ergebnis eigener Quellenstudien bllden. Denn fast kein zweites Gebiet unseres reichhaltigen Schrifttums hat eine solche Menge unberufener Bearbeiter aufzuweisen, wie gerade die talmudische Hagada, die von nur wenigen verstanden und gebührend gewürdigt, von vielen aber entstellt, ja auch falsch und willkürlich wiedergegeben wird. Als ich vor kurzem einige Lebensbilder berühmter Tanaiten in jüdischen Blättern veröffentlichte, sagte mir ein jüdischer Schriftsteller: „Wissen Sie, Sie sind mir mit diesen Ihren Arbeiten zuvvrgekommen; ich hatte nämlich die Absicht, eine Sammlung solcher Biographien als Lesebuch für unsere Jugend herauszugeben." Auf meinen Einwand: „Aber mein Herr! Dazu reichen doch Ihre jüdischen Kenntnisse nicht aus, ich weiß ja, daß Sie nicht einmal eine Zeile im Talmud lesen können", erhielt ich die naive Antwort: „Ach was! Das ist ja auch gar nicht notwendig; es sind soviel Anthologien aus der Hagada des Talmuds erschienen, die mir Stoff im Ueberfluß für diesen Zweck bieten." Was nun dieser Schriftsteller, der, nebenbei bemerkt, in Kürschners Literaturkalender als Verfasser von über zwanzig Schriften, zum größten Teil religiösen Inhalts, aufgesührt ist, in seiner Ehrlichkeit mir eingestand, wird von vielen anderen ähnlichen Antoren nicht bloß verheimlicht, sondern sie geben sich durch Umschreibung und Entstellung des Textes der ursprünglichen Uebersetzer den Anschein, als wären sie an die Quellen herangegangen und Hütten aus dem Vollen geschöpft. Was aber daraus entsteht, welche Quellenvergiftung diese Herren sich zu schulden kommen lassen, wird selbst einem Sach- und Fachkundigen, dem es an Zeit mangelt, diese Art Werke immer auf ihre Authenzität zu prüfen, nur dann klar, wenn er ein Werk in die Hände bekommt, das schon bei oberflächlichem Blättern in dessen Inhalt die Gewißheit in ihm erweckt: Hier ist alles Kern, alles Selbsterforschtes, alles das Resultat gewissenhafter Quellenstudien, echt, klar und gediegen. Ein solches Werk ist das kürzlich in zweiter, verbesserter und vermehrter Auflage erschienene Buch von Professor Dr. Wilhelm Bacher: „Die Agada der Tanaiten" (Straßburg, Karl I. Trübner 1903). In 13 Kapiteln behandelt der Autor die Agada der Tanaiten in chronologischer Reihenfolge von Hillel bis zu den Zeitgenossen und älteren Schülern Akibas, und gewährt uns so einen Einblick in die Werkstatt des Talmud, in die Geschichte seiner Entstehung und Fortentwicklung. Mit einer großen Menge neuer Einzelheiten, mannigfachen Zusätzen und Varianten bereichert, bietet die neue Ausgabe in höherem Maße als die erste dem Theologen, Altertumsforscher, Kultur- und Literarhistoriker eine wahre Fundgrube von unentbehrlichem Material zum Zwecke ernsten Studiums, als Substrat für ehrliche Arbeit. Wir können dem Verfasser nur zustimmen, wenn er im Vorwort sagt: „Insofern die Agada in erster Reihe Schriftauslegung und Schriftanwendung ist, sind die folgenden Kapitel ebensoviel Kapitel aus der Ge-' schichte der alten jüdischen Exegese und Homiletik, und insofern in der Agada die verschiedensten Fragen des religiösen Glaubens und Erkennens behandelt werden, darf man meine Arbeit auch als Beitrag zur Geschichte der religiösen Anschauungen innerhalb des Judentums betrachten." Da aber die Hagada, oder wie der Verfasser sie nennt: Agada, uns auch über historische Vorgänge und kulturelle Ereignisse berichtet, so bietet das uns vorliegende Werk auch nach dieser Richtung hin viele interessante und wissenswerte Atomente. Die Hagada der Tanaiten, wie Bacher sie uns vvrsührt, verbreitet nicht nur Helles Licht über den Sinn und die Bedeutung der Gesetze, sondern sie gewährt uns auch einen tiefen Einblick in die sozialen und politischen Verhältnisse jener Epoche, welche die Schöpfung und Dekretierung dieser Gesetze notwendig machten. Wir wollen uns des Verfassers eigener Worte bedienen: „Manche Atomente weisen darauf hin, daß in der Zeit, in welcher die beiden Schulen Hillel und Schmnmais die nationale Wissenschaft des Judentums vertraten, die Auslegung der heiligen Schriften in dem Vordergrund des allgemeinen Interesses stand. Es ist dies jene Zeit, in welcher das Christentum entstand, bei dessen Stifter und bei dessen Begründern, den Aposteln, man eine genaue Bekanntschaft mit der heiligen Literatur ihres Volkes antrifft. Es ist dies jene Zeit, in welcher Josephus Flavins sich zum Geschichtsschreiber der Juden heranbildete, mit deren Schrifttum er eine achtungswerte Vertrautheit bekundet. Aus seiner Archäologie allein könnte man ein Bild über den Stand der Bibelexegese in jener Epoche zusammenstellen und manche Auslegung des späteren Midrasch erweist sich durch Josephus als schon zur Zeit des Tempelbestandes gelehrt" (S. 19—20). Bedenkt man, daß die großen religiösen und politischen Umwälzungen, welche die jüdische Geschichte aufznweisen hat, hauptsächlich in dem Zeitraum zwischen Hillel und den ältern Jüngern Akibas vor sich gegangen sind, so kann man dem Verfasser nicht dankbar genug dafür sein, daß er die hagadischen Aussprüche der Zeugen jener Vorgänge in so erschöpfender Weise uns darbietet. Ja, die Hagada ist nicht bloß, wie j Heinrich Heine geistreich witzelnd sagt, ein blühender, hochphantastischer Garten, in welchem der Talmudjünger „vom Gezanke der Halacha, vom Dispute über das fatale Ei, das ein Huhn gelegt am Festtag", sich erholt und erfrischt, sondern in erster Reihe ein Kommentar zu der Religions- und Leidensgeschichte des jüdischen Volkes, wie nicht minder ein sicherer Führer durch das Labyrinth seiner Gesetze und Lebensvorschriften. „Das Machtgebot der Gegenwart, das überall die stärkste Herrschaft übt, zumal bei unterjochten Rationell, lirußte auch auf die Entwicklung und Gestaltung der Hagada Einfluß üben. Zahllose Veranlassungen mußten sich darbieten, den Sinn der Schrift zu erforschen, ihren Inhalt für die Bedürfnisse des Tages zu benutzen, ihre Worte zu verteidigen, ihren Ruhm zu verherrlichen. Reben dieser Gewalt der Zeit, bot auch der Reiz, der für bessere Köpfe in der freien Entlvicklung eigener Ideen lag, eine Macht dar. In der Halacha fand nur Gedächtnis und Scharfsinn einen Wirkungskreis, in der Hagada aber konnte das Talent sich noch anderweitig entfalten: Man suchte in den Geist des lleberlieferten einzudringen, die Worte der Schrift mit neuen Reizen auszustatten, neue Belehrungen an das Verkündete zu knüpfen, aus dem alten Trost neue Hoffnung heraus zu schöpfen, und fand Gelegenheit, hierbei Darstellungstalent und Kenntnisse zu zeigen. Je anhaltender die Leiden Israels wurden, desto stärker fanden edlere Naturen sich hingezogen zu jener Betrachtung des überlieferten Wortes, welches mit frischem Mute beseelend, die Liebe für die Gesalntheit, die Anhänglichkeit