Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
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Lrjrk aus Lelterreich. Anfang Januar. er Vorsteher der israelitischen Kultus-Großgemeinde Wien, kaiserlicher Rat Klinger, hat seine Würde, die ihm zur unerträglichen Bürde für seine alten Schultern geworden, niedergelegt. Das Defizit besagter Großgemeinde beträgt in diesem Jahre 108000 Kronen; der Kultusvorstand versprach, der Koscherfleischfrage sein besonderes Augenmerk Zuzuwenden; täglich finden in Wien Judentaufen statt; eine alte, mehr als 40 Jahre bestehende jüdische Zeitschrift geht kläglich ein; die neuernannten Rabbiner in Wien halten Vorträge über jüdische Geschichte; die jüdischen Modedamen füllen die Theater und Kaffeehäuser — da haben Sie ein kleines Bild von den Zuständen unseres Judentums in dem Königreiche des Advokaten Dr. Lueger, des Bürgermeisters von Groß-Wien, des allmächtigen Herrschers in dieser schönen Stadt am Donaustrande. — Nichts ist so bedauerlich wie der finanzielle Niedergang, und insonderheit der einer Kultusgemeinde. Woher nehmen, um die täglich sich steigernden Bedürfnisse einer solchen Gemeinde zu befriedigen? Pumpen wäre schon recht, wenn man nicht gar so viele Schulden schon hätte. Die Gemeindeumlagen erhöhen, d. h. heute die Leute aus dem Judentum Heraustreiben. Die Verhältnisse Wiens sind typisch für gar viele größere und kleinere Gemeinden in unserem Oesterreich. Was die letzteren anlangt, so spricht man wohl keine Phrase aus, wenn man sagt: „sie gehen ein". Der Erwerb in unseren kleineren Städten ist für den Juden geradezu zu einem furchtbaren Kampfe geworden. Meine uralte Großmutter, die vor einen: halben Säkulum lebte, sagte schon damals: „Heute ist die Parnossoh schwieriger als Keriath- Jam-Ssuf", als die Spaltung des Roten Meeres. Was würde die ehrwürdige, bibelfeste Frau erst heute sagen? Nun findet der große Zug nach den volkreichen Städten statt. Hier werden die Gemeinden von Tag zu Tag größer — quantitativ, aber nicht qualitativ. An den hohen Feiertagen z. B. möchten gar viele Glaubensgenossen luftige, geschmackvolle Gotteshäuser, mit Predigt, Chor und Orgel; wenn es aber heißt: Leistet dazu auch euere Kultusbeiträge, dann wird mit Erklärung der Konfessionslosigkeit, wenn nicht mit dem Austritt aus dem Judentum und der Taufe gedroht. Was ist den meisten dieser „Auchjuden" ihr Judentum? Ein Bleigewicht, das, wie sie sagen, mitgeschleppt wird, das sie an der vollen Entfaltung ihrer nach großen Zielen strebenden Persönlichkeit hindert. Und begeben wir uns nun in die jüdischen Gemeindestuben. Da sitzen sie beisammen, gewiß ehrenwerte Leute, Rechtsanwälte, Fabrikanten, Millionäre — natürlich fehlen auch die obligaten Streber nicht —, die hier in der Gemeindestübe ihr Lichtlein leuchten lassen wollen, das man sie anderwärts nicht entzünden ließ. In diesen Gemeindestuben sprechen meist diejenigen, die nichts zu sagen haben. Das Heil erblickt man gar oft in der Anstellung von Rabbinern, denen während des ganzen Jahres kein Mensch zühört, weil ja an gewöhnlichen Sabbaten die Synagogen meist vor Oede und Leere starren, von denen man aber verlangt, daß sie an drei bis vier „hohen" Feiertagen schrecklich geistreich, tief, philosophisch sprechen, so daß sie die große Volksmenge nicht versteht, während der Gewaltige der Gemeinde sein „religiöses Bedürfnis" durch eine solche Rede des Rabbiners vollauf befriedigt fühlt. Das ist ein Grundübel unseres Judentums, an dem es schwer krankt. Die wahrhaften Bedürfnisse unseres Judentums kennen nur wenige unserer Gemeindevertreter, sie stehen oft außerhalb des Judentums und haben es zu wenig kennen gelernt, ehe sie sich auf das Altenteil zurückzogen, das ihnen die Würde in der jüdischen Gemeinde gewährte. Wir kennen Männer, die in früheren Jahren davon sprachen, es sei gegen ihre Ueberzeugung, in die Synagoge zu gehen, und die jetzt über unsere wichtigsten Kultusltnb Gemeindeangelegenheit beraten, lange Reden halten und vermeinen, durch ihre Worte das Judentum retten zu können. Ueber Koscherfleisch sprechen, mag ja vielen unserer Glaubensgenossen für sehr wichtig gelten, was soll man aber von jenen sagen, die über diese rituellen Angelegenheiten reden und aus ihrem Hause alles „Koschere" verbannt haben? Ueber Anstellung von Rabbinern, Erbauung von „Bothe Kenesioth" reden, ist gewiß sehr löblich, was soll man aber von jenen Herren Rednern sagen, die „schandenhalber" ein- bis zweimal im Jahre in die Synagoge kommen, um ihrer „teuren Dahingeschiedenen" zu gedenken? Ein furchtbarer Abgrund gähnt bei uns zwischen Wörter: und Taten, zwischen Reden und Leben. Wir haben gegen die Herren, die uneigennützig sich mit der Beratung jüdischer Angelegenheiten — gewiß eine höchst undankbare Aufgabe — beschäftigen, nichts. Wir müssen dafür danken, daß sich noch heute Männer finden, die dies neben ihren gewiß wichtigen : Berufsgeschäften tun; aber eines rnuß verlangt werden: Wer sich mit jüdischen Angelegenheiten ir: der Genreindestube besaßt, der muß ein Jude sein, d. h. er rnuß das Judenturr: kennen, er muß auch ein religiöser Jude sein. Will rrran die Unarten gewisser Vertretungskörper in unsere Gemeindestuben! übertragen? Hier vielleicht der: Schönredner, der: Sozial- ' Politiker, der: Allesbesserwiffenwoller, den Debatter, den Parlamentarier spielen? Unsere Alten, sie haben von allen diesen; Lastern unseres heutigen öffentlichen Lebens nichts gewußt, i und wie blühte damals das Gemeindeweser:, welch' eine Freude! war es zu sehen, wie das Judentum in den Herzen der Jugend! erstarkte! Heuchlerische Streberei, die mit Rabbiner- und ' Koscherfleischfrager: herumwirft, und ganz andere Ziele vor Augen hat, möge aus unseren Genreindestuben verbannt bleiben. Am 28. und 29. Dezember des verflossener: Jahres tagte : in Wien der Verband der jüdischen Religionslehrer an unserer:! Mittelschulen. Die Religionslehrer sind ehrlich bestrebt, den Unterricht an unseren Gymnasien und Realschulen zu heben,! umsoweniger darf es ihnen vorgeworfen werden, wie es aus den Reden eines Vertreters der Wiener Kultusgemeinde : hervorklang, wenn sie den mächtigen Schutz und das Wohlwollen der Regierung suchen, die ihnen sehr entgegenkommt.; Mit schönen Worten, und wenn diese auch stundenlang ertönen, j mit pathetischen Versicherungen, die eben so rasch verfliegen j als sie vorgebracht werden, ist wenig geholfen. Die Negierung i zeigt durch ihre Tat, daß sie den Neligionslehrerstand an 1 unseren Mittelschulen heben will; kann man es diesen: verargen, l wenn er sich der mächtiger: Tat zuwendet, da ihm doch die! schönen Worte nichts helfen? Nochmals also ergeht-unsere Mahnung, die namentlich an j unsere Großgemeinden gerichtet ist: Wählet in eure Vorstände; nur Männer mit jüdischen Herzen, die das Judentum kennen, i Männer, die nicht allein rede:: und viel reden, sondern solche,! die von allem persönlichen absehend, nur unsere große Sache! im Auge haben. Diesen Männern wird sich auch die große; Menge gerne anvertraueu, sie wird ihnen willig Gefolgschaft ' leisten. Maybaum..sagt in seiner Homiletik sehr gut: „Die schönste Predigt ist die, die der Rabbiner lebt." Dies gilt auch : von unseren Gemeindevorständen. Reden werden überall genug ■ in: öffentlichen Leben gewechselt, lasset uns nun auch eure j Taten sehen. Iwri.