Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
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Verwaltung und des Hofes hinauf Freunde, und von dieser Gunst getragen, gelang es ihnen, nicht nur ein erhebliches Vermögen anzusammeln, sondern sich auch die allgemeine Achtung zu erwerben. Aber von einem Millionenkapital war bei ihnen keine Rede. Dieses zu erringen, war erst ihrem Sohne Moritz, dem „Hofbankier", möglich. Allgemein bekannt ist, die romanhafte Erzählung, daß Moritz Cohn dem damaligen Prinzen von Preußen, als er 1848 nach England emigrierte, die Reise dadurch ermöglicht, daß er ihm sein ganzes Vermögen zur Verfügung gestellt habe. Für diese angesichts der Gefahren des Ausstandes riskante Betätigung seiner Treue habe ihm der Prinz, als er König von Preußen und dann deutscher Kaiser geworden, steten Dank bewahrt und ihn daher zum Hofbankier gemacht. Indessen ist die Erzählung nur ein Märchen, obwoh allerdings die Dankbarkeit des ersten deutschen Kaisers allen denen gegenüber, die ihm Gutes getan, wie die innige Anhänglichkeit des Baron Cohn an seinen Kaiser gut beobachtet ist. In Wirklichkeit hatte der' in Dessau wohnende Graf Henckel-Donnersmarck, der den jungen Cohn kennen und schützen gelernt hatte, vielleicht anfangs der vierziger Jahre, dem Prinzen von Preußen bei einem Zusammentreffen in Weimar, als dieser einen verläßlichen Mann zur Behandlung seiner Finanzen kennen zu lernen wünschte, auf denselben aufmerksam gemacht. Der Prinz von Preußen beorderte ihn nach Koblenz, seine damalige Residenz, und war nicht wenig erstaunt, als Moritz Cohn zum bestimmten Zeitpunkt eintraf, obwohl infolge Eisganges der Verkehr auf dem Rhein, der damals mangels Eisenbahn das Hauptverkehrsmittel war, gesperrt war. Moritz Cohn hatte eben das Unmögliche möglich gemacht, und durch diese seine Pünktlichkeit das Herz des Prinzen im voraus gewonnen. Von da ab blieb Moritz Cohn fest in der Gunst des Prinzen und späteren Königs und Kaisers; er war etwa von der Mitte der fünfziger Jahre ab bis zu seinem Tode dessen Hofbankier. Ich möchte mich im übrigen gerade für die Zeitangaben nicht verbürgen und, wenn auch die Tatsachen selbst mir von zuverlässiger Seite angegeben sind, so bedürften doch die Daten der Nachprüfung. In seiner Stellung als Hofbankier war es Moritz Cohn nicht schwer, unter vollster und stets dankbar anerkannter Wahrung der Interessen seines fürstlichen Gebieters durch Klugheit und weitsichtige Ausnutzung seiner Kenntnisse der politischen und wirtschaftlichen Lage sein Vermögen zu vergrößern. Bald verwaltete er auch das Vermögen des anhaltischen Herzogshauses, das, wie schon seine Eltern, so auch ihn mit Gunstbezeugungen überhäufte. Die Fürstenhäuser von Sachsen- Koburg-Gotha wie von Hessen verwandten ihn in vertraulichen Diensten, und nach dem reichen Ordenssegen zu urteilen, der sich über ihn ergoß, blieb wohl kaum ein europäischer Fürst übrig, der seiner Dienste entraten konnte. Seine Verschwiegenheit und vor allein seine nie wankende Treue hielten ihn im Verein mit seiner Klugheit, seinen reichen Erfahrungen und seinem weiten, wirtschaftlichen Blick auf der Höhe der gesellschaftlichen Stellung, zu der ihn gleichermaßen das Glück wie eigene Arbeit emporgetragen hatten. In all seinen Ehren blieb er aber der Religion seiner Väter fest zugetan. Bis in die letzten Jahre seines Lebens hinein war er an den hohen Festtagen der erste, der zur Synagoge kam, der letzte, der sie verließ. Er starb hochbetagt vor wenigen Jahren mit Hinterlassung eines Vermögens, das von Eingeweihten auf etwa 45 bis 50 Millionen Mark geschätzt wird. Seine einzige. Tochter Julie war, da er ein Testament nicht errichtet hatte, feine alleinige Erbin. Sie hatte in jungen Jahren einen Bankier Oppenheim aus angesehener Breslauer Familie geheiratet, der nach langem Siechtum vor ihrem Vater verstorben war. Kinder waren aus ihrer Ehe nicht hervorgegangen. Als Frau Julie Oppenheim das fürstliche Vermögen übernahm, da sah sie sich augenscheinlich von vornherein in der Hauptsache als Verwalterin desselben im Interesse der Allgemeinheit unter besonderer Berücksichtigung der Juden an. Es ist allgemein bekannt, wie sie reiche Geschenke dem Anhaltlande, der Stadt Dessau, der Stadt Wiesbaden und anderen deutschen Städten schon bei Lebzeiten zugewendet hat. In den wenigen Jahren, in denen es ihr beschieden war, über das Vermögen schalten und walten zu können, hat es sich um eine ganze Reihe von Millionen durch diese ihre edle Art des Gebrauchs vermindert. In aller Erinnerung ist, wie sie aus freier Entschließung den Hypothekenbanken, in deren Verwaltungsrat ihr Vater gesessen, nach dem Zusammenbruch annähernd sieben Millionen Mark ..zuwandte, lediglich um das Ehrenschild des väterlichen Namens auch nur vor der Möglichkeit des Angriffs zu bewahren. Sie tat aber noch mehr; sie ersetzte den Beamten der Bank, die durch den Zusammenbruch um die Möglichkeit der Pensionszahlungen gekommen waren, das zu diesem Zwecke aufgespeichert gewesene und ebenfalls verloren gegangene Kapital, und gab so zahlreichen arbeitsmüden Männern die Versorgung für die Tage des Alters. Mit besonderer Rührigkeit sorgte sie für die Bedürftigen ihrer Heimatsstadt Dessau, deren Ehrenbürgerin sie war, wie schon ihr Vater die gleiche Auszeichnung genossen hatte. Sie stiftete ihr 250 000 Mark zur Errichtung eines Armenhauses, sie gab ihr annähernd 100 000 Mark zur Ausschmückung des Saales in dem neu erbauten Rathause, der denn auch eine Perle unter den Erzeugnissen des modernen Kunstgewerbes geworden ist. Dem Lande Anhalt schenkte sie eine Million Mark zur Unterstützung bedürftiger Anhaltiner. Hierzu kam die Schlichtheit ihres Auftretens, die Einfachheit ihres Verkehrs mit hoch und' niedrig, und so konnte es nicht , fehlen, daß auch ihr die Gunst des Hofes wie der Bürgerschaft^ sich zuwandte. Der Herzog Friedrich von Anhalt, ein bewährter Freund und Gönner ihrer Familie, verlieh ihr den Titel einer Baronin von Cohn-Oppenheim und gab ihr den Titel einer Exzellenz. Diese letzte Abzeichnung des Exzellenzranges wurde ihr zu Teil, als sie schon um Weihnachten 1902 an der letzten Krankheit darniederlag. Am 5. Januar 1903 stand ihr Herz still, das, so lange sie int Besitz des väterlichen Vermögens und damit in der Möglichkeit gewesen war, Wohltaten großen Stils auszuüben, /nicht ausgehört hatte, für die Interessen der Armen zu schlagen. Auch sie war mit allen ihren Ehren und Würden Jüdin geblieben und hatte sich stets stolz als Jüdin bekannt. Ihrem Wunsche gemäß wurde ihre Leiche in Gotha verbrannt und die Asche in einer einfachen Urne auf dein israelitischen Friedhof zu Dessau vor den von ihr errichteten Prachtollen Grabmonumenten ihres Vaters und ihrer großväterlichen Eltern beigesetzt. Was sie bei Lebzeiten getan, würde genügen, um ihr Gedächtnis in der Erinnerung aller Menschenfreunde festzuhalten, aber sie hat sich durch die Art, wie ihr Testament über ihren Nachlaß, der immer noch an die 30 Millionen Mark betrug, verfügte, ein Denkmal errichtet, dauernder als die Generation, die sie überlebt hat, dauernder als Marmor und Erz. Nach ihrem Testament hat die Baronin etwa zwei Drittel ihres Vermögens zu Vermächtnissen verwandt. Davon ist ein Teil zu Vermächtnissen für die Verwandten und Freunde bestimmt. Zwei Millionen Mark sind dem deutschen Kaiser vermacht, mit der Bitte, im Vermächtnis den Ausdruck des Dankes finden zu wollen, den sie für die zahlreichen Ehrungen