Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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39 fibent des Senat Brith-Ordens in Amerika L e o N. L e v i gestorben. Er war ein hervorragender Advokat, der vor einigen Jahren durch fein Auftreten in der Konferenz der amerikanischjüdischen Gemeinden die allgemeine Aufmerksamkeit aus sich lenkte. Er trat dort gegen die übereifrigen Assimilanten zu Gunsten des positiven Judentums in einer wahrhaft zündenden Rede auf, die großes und berechtigtes Aufsehen erregte. Bald darauf wurde er zum Präsidenten des Ordens gewählt, der in Amerika über 18 000 Mitglieder zählt und eine Reihe der wichtigsten Institutionen geschaffen hat. Durch seinen Einfluß kam in den absterbenden und der Neubelebung dringend bedürftigen Organismus der amerikanischen Ordensdistrikte frisches Leben, besonders seitdem — wiederum durch die Initiative Levis — der Orden sein Hauptinteresse den großen Fragen zuwendete, die gegenwärtig das amerikanische Judentum beschäftigen, nämlich dem Einwanderungsproblem und der Rückbeförderung von untauglichen Personen. Auf beiden Gebieten ist durch die Tätigkeit Levis wesentliches erreicht worden. Seit denr Februar 1900 sind mehr als 10 000 Personen von Amerika nach ihren Heimatländern zurückbefördert worden. Das größte Verdienst hat sich aber der Verstorbene durch sein energisches und mutiges Eintreten anläßlich der Greuel von Kischinew erworben. Er war der Verfasser der bekannten Petition an den Zaren; er und Simon Wolf haben die Verhandlungen mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten geführt und noch in den letzten Tagen im Interesse der Verbesserung der Lage der russischen Juden gewirkt. Sein Tod reißt eine tiefe Lücke, und die Teilnahme ist eine allgemeine. Auch der Präsident Roosevelt drückte der Witwe sein Beileid in warmen Worten aus. Mit Leo N. Levi scheidet eine der bedeutendsten Persönlichkeiten aus dem Kreise der Männer, die für die Zukunft des amerikanischen Judentums mit einer Begeistermrg und Tatkraft gewirkt haben, die den europäischer: Juden vielfach als Muster dienen könnte. Sein Andenken wird in der Geschichte des Judentums in Ehren fortleben! lieber die Juden in Japan, das durch die ostasiatische Krisis wieder einmal die Oeffentlichkeit stark beschäftigt, erhalten jetzt verschiedene Blätter folgende sehr interessante Mitteilungen: „Während wir mit Bestimmtheit annehmen dürfen, daß in China schon in den frühesten Zeiten Juden gewohnt haben, die sich aber im Laufe der Zeit mit den Eingeborenen so vermischt haben, daß es jetzt schwer ist, sie herauszufinden, so haben wir dagegen über Ansiedlungen von Juden in Japan in früheren Zeiten nicht den geringsten Anhaltspunkt. Der Grund, daß fast gar keine Einwanderungen selbst ans den nächsten Nachbarländern in Japan stattgefunden haben, wird wahrscheinlich in der Lage des Landes zu suchen sein. Erst seitdem Forscher und Missionäre die Wege nach Japan ebneten, sind auch einzelne Juden eingewandert. Die ersten, deren Namen bekannt sind, kamen in der Mitte des voriger: Jahrhunderts nach Japan; diese waren englische Juden, welche infolge der Geschäftsverbindung zwischen England und Japan dort hinkamerr. Eir: Mann aus der Familie Salomon war der erste, der größere Geschäfte mit Japan machte, und später ließ er sich dort ganz nieder rnrd ließ auch Jeine Bekannten und Verwandter: zu sich kommen, stellte sie als Beamte ir: seinem Geschäfte an rrnd bildete in seinem Hause ein eigenes Minjan. Außer den englischen Juden sirrder: wir jetzt arrch einzelne französische Juden. In Tokio waren irr: Jahre 1880 circa 20 jüdische Familien, indessen haben sie keine eigene Gemeinde gegründet. Die meisten sind nicht religiös, und deshalb liegt ihnen nicht viel daran, eine Gemeinde zu gründen, obwohl ihnen seitens der Regierung kein Hindernis in den Weg gelegt wurde. Denn seit 40 Jahren sind alle gesetzlichen Unterschiede zwischen den Angehörigen der verschiedenen Religionen geschwunden. Zwar gibt es noch politische Ausnahme:: für die Ausländer, besonder? in den Hafenstädten, doch in religiösen Fragen herrscht dort völlige Freiheit. Aber die Aufhebung selbst dieser politischen Einschränkungen ist nur noch eine Frage der Zeit. In Tokio und Dokohama finden wir gegenwärtig eine ansehnliche Zahl jüdischer Kaufleute, die das Recht und auch die Mittel dazu haben, Gemeinden zu gründen, aber der innere Trieb fehlt ihnen. Als Ansiedlungsland für die Juden ist Japan nicht geeignet, weil das Land so klein ist, daß es kaum die Eingeborenen fassen kann. In der letzten Zeit hat Japan sich mehr der Industrie zugewandt und könnten daher jüdische Unternehmer dort ein Arbeitsfeld finden; aber es dürfte doch sehr schwer halten, den tüchtigen und aus der Höhe der Zeit stehenden Japanern Konkurrenz zu machen. Dagegen gibt es dort ein großes Gebiet für Handeltreibende, und in den Grenzstädten, wie Korea rc. können auch jüdische Handwerker Beschäftigung finden. In Korea sind nur wenige Juden, welche in den letzten Jahren eingewandert sind. Auch in Söul gibt es einzelne Juden, aber in Folge der seit Jahren herrschenden Unruhen ist die Tätigkeit dort gehemmt." Dir neue Drllsurr Stiftung. Bon Rechtsanwalt Dr. Cohn-Dessau. 1. Entstehung?) nt 10.Januar 1904 Ijat sich dieBaronin von CohU- Oppenheim-Stiftung der Israelitischen Kultusgemeinde zu Dessau konstituiert. Die altbekannte Dessauer Gemeinde, der es vergönnt war, der Welt einen Moses Mendelssohn zu schenken, in der fast zuerst in Deutschland die Predigt in deutscher Sprache erklang, in der die Franzschirle lange Jahrzehnte hindurch eine reiche Quelle der Belehrung namentlich für jüdische Kaufleute bildete, ist damit von neuen: zu einem Mittelpunkt des Interesses für weite Kreise des deutschen Judentums geworden. Denn von der mit reichen Mitteln ausgerüsteten Stiftung erwartet man in diesen Kreisen, daß sie sich gerade zu Nutzen des Judentums, vor allem des deutschen Judentums, betätigen werde. Ein Blick aus die Entstehung, die Verwaltung und die Verwendung der Stiftung wird zeigen, inwieweit diese Erwartungen Aussicht aus Erfüllung haben. Die Mittel der Stiftung entstammen dem großen Vermögen, das der Vater der Stifterin, Baron Moritz v. Cohn, in jahrzehntelanger Tätigkeit an gesammelt hat. Der Grundstock war freilich schon durch die Arbeit seiner Eltern, des Geheimen Kommerzienrats I. H. Cohn und seiner Frau Marianne, geschaffen worden. Beide waren einfache - Leute, die sich in dem idyllischen Wörlitz, der Lieblingsschöpfung des weitberühmten Fürsten Franz von Anhalt-Dessau, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die Hand zun: Ehebunde gereicht hatten. Ihre Trauung fand im Freien statt und der Fürst, „Vater Franz", wie ihn fein Volk nannte, wohnte ihr zu Pferde bei. Er gab der Sage nach dem jungen Ehemann gute Ratschläge über seine Lebensführung und bedeutete ihn, „fein Ruf müsse so rein bleiben wie ein weißseidenes Tuch". Bald siedelte das Ehepaar nach Dessau über, und hier erteilte ihm der Fürst die Konzession zur Einrichtung eines Leihhauses. Die reelle und solide Art des Geschäftsbetriebes verschaffte dem Ehepaar in den Kreisen der Bürgerschaft bis zu den höchsten Kreisen der ') Wie wir bereits mitgeteilt, sind die Schwierigkeiten, die sich der Konstituierung der Baronin Cohn-Oppenheim-Stiftung entgegenstellten, behoben, und die Stiftung ist bereits ins Leben getreten. Eine genaue Darstellung derselben aus der Feder des Herrn Landtagsabgeordneten Rechtsanwalts Dr. Cohn, der selbst Mitglied des Kuratoriums ist, wird daher sicher für alle Kreise von höchsten: Interesse sein. Die Red.