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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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38 und bedauerlicher Fall, weiter nichts. Auch jetzt fällt uns nicht ein, die Sache an sich zu besprechen, was wir gleich von Vornherein den Zentrumsblättern gegenüber bemerken, die behaupten werden, daß wir uns da in fremde Angelegenheiten einmischen oder gar Persönlichkeiten und Einrichtungen der katholischen Kirche angreifen wollten, was uns — wie jeder Leser dieses Blattes weiß — stets ferngelegen hat. Aber die Sache geht uns doch auch insofern an, als sie überaus charakteristisch ist für die bodenlose Lächerlichkeit des Rasfenantisemitismus. Ein christgeborener hoher Kirchenfürst, dessen Großvater bereits getauft war, und der niemals für die Bekenner der Religion seiner Ahnen eingetreten, hat wegen seiner jüdischen Abstammung zu leiden! Der Fall gibt nach vielen Richtungen hin zu denken. Es wäre aber dringend zu wünschen, daß man den exceptionellen Fall auch als einen ganz und gar individuellen Fall Prüft und beurteilt und ihm keine verallgemeinernde Bedeutung beilegt. Das Judentum als religiöse Gemeinschaft geht die Schuld oder Schuldlosigkeit des Erzbischofs so wenig an wie die Schuld oder Unschuld des Dalai Lama. Fanatiker könnten sogar die Strafe, die den Kirchenfürsten trifft, als eine Strafe für den Abfall feines Vaters oder, wenn wir nicht irren, gar Großvaters ansehen. Wir — überflüssig zu sagen — stellen uns nicht auf diesen Standpunkt, sondern sagen, wenn der Erzbischof, ob er nun Kohn oder Nepomuk heiße, gefehlt hat, so hat er persönlich dafür zu büßen, er und nicht das Christentum, nicht der Katholizismus, nicht das Priestertum, aber ganz gewiß auch nicht die jüdische Religion oder die jüdische Gemeiuschaft haben die Folgen zu tragen. Die Woche. Berlin, 20. Januar, s war zu erwarten, daß die neugewühlten antisemitischen Abgeordneten in den ersten Sitzungen des Reichstags ihre Jungfernreden halten würden. Eine Interpellation zur Handwerkerfrage bot ihnen hierzu in der Sitzung vom 14. die mehr als willkommene Gelegenheit. Die Sorge für den Handwerkerstand liegt ihnen, wenn man glauben darf, ja besonders schwer am Herzen. Die Reden der Herren Böckler und Frölich boten nun in der Hauptsache wenig neues; neu war nur die Schürfe, mit welcher sie gegen die Negierung vorgingen, „die einen Schutz des deutschen Mittelstandes nicht aufkommen läßt." Dabei benutzten sie natürlich die Gelegenheit, um gegen die Warenhäuser zu eifern. Das alles geht uns aber nichts an. Für uns ist höchstens von Interesse, was sie gegen die Juden bei diesem Anlässe vorzubringen haben. Wir zitieren nach einem antisemitischen Blatte aus der Rede des einen Herrn folgenden Passus: „Es ist dahin gekommen, das; unsere höchsten Stellen verbaltinisiert sind, daß bis an die höchsten Stufen des Thrones die Fremdlinge aus Palästina und Amerika Zutritt haben (Große Heiterkeit), aber das schlichte, treuarbeiteude deutsche Volk, unsere Handwerker, Kleingewerbetreibenden, unser Bauernstand, diese Stände, die in schlichter, ehrlicher Treue unser Volk aufgebaut haben, für sie ist der Weg sehr erschwert. Es hat eine Zeit gegeben, da hätte der deutsche Kaiser nicht gewußt,- wo er im Deutschen Reich sein Haupt hinlegen konnte, wenn nicht die Städte ihn in ihren Mauern ausgenommen hätten, die Städte, wo damals Handwerker auf den Ratsbänken saßen und die starken Arme der trutzigen Jnnungsmeister es waren, die den Kern der kaiserlichen Heere bildete;:. Mag nie mehr eine Zeit kommen, wo der Kaiser es nötig hat, an seine Jnnungsleute, an den Mittelstand zu appellierendes ist zu fürchten, daß er dann vor einen Mittelstand kommt, der nicht mehr leistungsfähig ist, und dann: Gute Nacht Kaiser und Reich! (Bravo!). Das antisemitische Blatt erwähnt nur einmal in Parenthese „Heiterkeit". Die anderen Berichte aber wissen mehr zu verzeichnen. Nach jener Rede „Große Heiterkeit", Zuruf links: „Gute Nacht!" und dann noch einmal „Schallende Heiterkeit". Auch nach der Rede des Abgeordneten Frölich konstatieren die Berichte „Heiterkeit". Wir müssen uns darauf gefaßt machen, daß die kommenden Reichstagssitzungen, wie in der Blütezeit Ahlwardts, recht oft Reden der neuen antisemitischen Abgeordneten bringen werden, und wir können zufrieden sein, wenn sie stets denselben Erfolg haben werden wie die ersten. * Also Herr Plehwe bleibt. Die offiziöse „Russische Telegraphen-Agentur" verkündet es aller Welt: „Petersburg, 15. Januar. Die Nachricht, daß der Minister des Innern Plehwe amtsmüde und leidend sei und um einen längeren Urlaub einzukommen beabsichtige, der als Uebergangsstadium zum vollständigen Rücktritt des Ministers betrachtet werden dürfe, entbehrt ebenso wie die daran geknüpften weiteren Bemerkungen jeglicher Begründung. Minister Plehwe erfreut sich, wie die genannte (offiziöse) Agentur erklärt, nach jeder Richtung hin vollkommenen Wohlbefindens." Allerdings wenn nmn den fast stets bewährten Grundsatz, offiziösen Mitteilungen nur wenig, russisch - offiziösen aber gar nichts zu glauben, auch hier festhalten wollte, so müßte man nach dieser Meldung annehmen, daß Herr Plehwe ernstlich krank nnd sehr „amtsmüde" sei. Als Stimmungsbild bleibt deshalb die Korrespondenz des deutschen Blattes, gegen das sich jenes Dementi in erster Reihe richtet, auch nach demselben noch interessant. Es heißt darin: „Herr v. Plehwe steht augenblicklich im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses in Petersburg sowohl, wie auch in ganz Rußland. Wohin man gehen mag, überall hört man die ungeduldige Frage: „Nun, wie fühlt sich Herr v. Plehwe? Ist seine Stellung noch immer fest?" Jedes Gerücht von seiner bevorstehenden Entlassung verbreitet sich wie ein Lauffeuer, fliegt von Petersburg nach aller: Nichturrgen der Windrose und erfüllt die Genrüter mit erwartungsvollem Sehnen nach Befreiung von schwerem Alpdrücke. Herr v. Plehwe ist nicht nur der bestgehaßte Beamte im Zarenreich — das ist von jeher das Schicksal der Leiter der inneren Politik in Rußland gewesen —, sondern auch persönlich sehr unbeliebt, sowohl unter seinen Kollegen, wie auch unter seinen Untergebenen, von den oppositionellen Kreisen gar nicht zu sprechen. Er ist ein Mann, der überall, wo er es nur karrn, gerr: seine Macht fühlen läßt. Nicht entmutigt durch die vielen Schwierigkeiten und Hindernisse, die er auf seinem Wege findet, immer gefaßt und lebensfroh, nie in seinen Mitteln verlegen, schreitet er mit ungetrübter Seelenruhe durch, das gefahrvolle Leben. Die Welt zerfällt für ihn in drei Teile: erstens Bekannte und Gesellschaftsgenossen; ihnen gegenüber ist er immer heiter und liebenswürdig; zweitens Gegner, mit diesen verfährt er schlau und rücksichtslos; drittens Leute, die in den Bereich seiner Macht fallen; dieser Kategorie gegenüber gilt es für ihr: vor allem, sich vollständig auszuleben. Man fürchtet ihn, wenn er offen spricht, und man haßt ihn, wenn er Liebenswürdigkeiten sagt. Die Stimmung in der gebildeten Gesellschaft ist äußerst unruhig. Die oppo-. sitionellen Bestrebungen haben eine Verbreitung gesunden, wie noch nie zuvor. Die Leute, die noch vor ein Paar Jahrei: ga::z abseits standen, sind zu aktiven Gegnern der Regierung geworden, die den gewaltigen Strom der politischen Unzufriedenheit nicht aufhalte,: kann und ihn wenigstens einzudämmen sucht." 4p Die amerikanische Judenheit hat einen ihrer hervorragendsten Führer, das Gesamtjudentum einen feiner besten Männer verloren. In Newyork ist am 14. d. M. der Prä-

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