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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 68. Jahrgang. No. 4. Berlin, 22. Januar 1904. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Tiarpeles. Begründet von Rabbiner £>*♦ Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsaiemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/44, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lrsbilchok Lahn. Berlin, 20.' Januar. s war vorauszusehen, daß die Antisemiten die Affäre des Erzbischofs Kohn sich nicht entgehen lassen würden und wahrscheinlich werden sie noch lange .mit ihr krebsen. Man kennt ja nachgerade seine Pappenheimer und die Art ihrer Kriegsführung. Zwar der jüdischen Religion, dem Alten Testaruent, dem Talmud und Schulchan Aruch kann man den Olmützer Kirchenfürsten nicht gut aus das Schuldkonto setzen; denn ferner kann ja wohl niemand dem Judentum stehen als ein Mann, der so sehr einer anderen Kirche angehört, daß er in ihr eines der höchsten Kirchenämter bekleidet, und zwar trotz des „ominösen" Namens Kohn. Wie wenig kann dieser Kohn Jude, wie sehr muß er Christ, Katholik, Priester gewesen sein, wenn das.Kapitel ihn trotz jüdischer Abstammung, trotz seinein diese jederzeit verratenden Namen, trotz der Agitation der aristokratischen Partei im Domkapitel, zum Erzbischof gewählt hat. Aber der jüdischen Rasse, gegen die kann man ihn doch wohl als lebendes Zeugnis anführen! Wir wollen uns hier und heute nicht auf die Frage der Rassentheorie im allgemeinen und der Existenz einer „jüdischen Rasse" im besandern einlassen. Unsere Ansicht darüber kennen ja die Leser zu Genüge. Aber man kann doch füglich den Erzbischof Kohn den Juden nicht mehr zum Vorwurf machen, als man die recht lange Reihe von Prälaten, Bischöfen, Erzbischöfen und selbst Päpsten, deren Taten die Weltgeschichte verzeichnet hat, der arischen Rasse zum Vorwurf macht. Ob und wie sehr schuldig der Olmützer Erzbischof ist, wissen wir jetzt nicht, geht uns auch nichts an. Die antisemitischen Blätter werden uns natürlich ebenso beschuldigen, wie sie die „Neue Freie Presse" und andere Blätter beschuldigt haben, daß wir so schreiben, „weil es doch gut ist, wenn man Kohn heißt". Nun, vielleicht besteht die ganze oder ein großer Teil der Schuld jenes Mannes nur in diesem seinem Namen, den er mit merkwürdigem Eigensinn festgehalten hat. Tatsächlich bemerkt das Wiener Hauptblatt der Antisemiten: „Nur wer die tief eingewurzelten Nasseeigenschaften, die dem Judentum eigen sind, negiert, konnte schon damals anders urteilen und nicht voraussehen, daß Kohn ein Knicker sein werde aus ihm angestammtem Bedürfnisse, daß er kindischen Prunk entfalten werde wie jeder jüdische Parvenü und daß er ein Tyrann sein werde wie jeder Jude, dem der Zufall Macht über Nichtjuden gibt. Und weil alle diese Eigenheiten spezifisch jüdischer Natur waren, deshalb vertrug ihn die ihm anvertraute Gemeinde nicht. Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, in dieser typisch jüdischen und deshalb durchaus fremden Erscheinung ihren obersten geistlichen Herrn zu sehen und darum bildet die Geschichte des Olmützer Fürstbischofs Kohn für die Kirche ein sehr lehrreiches Kapitel darüber, daß sie, die sich in erster Linie an das Gemüt ihrer Gläubigen wendet, sich am allerwenigsten über deren Empfindungen und natürliche Gefühle hinwegsetzen darf. Der Falt Kohn, in dem sich das Penetrante jüdischer Rasseueigentümlichkeiten so augenfällig erwiesen hat, daß jeder weitere Versuch, einen jüdischen Abkömmling in den Episkopat einzuführen; wohl als ausgeschlossen gelten kann rc." Wir haben keinerlei Veranlassung, die Berechtigung dieser Klagen zu prüfen. Hätte Dr. Kohn wirklich das getan, wessen er beschuldigt wird, dann würden wir es hier mit einem Fall von Geiz zu tun haben, der aber, soviel wir wissen, ein bei allen Nassen und Religionen zu findender Fehler, wenn er nicht eine Art Geisteskrankheit ist. Aber vielleicht hat Erzbischof Kohn gar nicht in seinem persönlichen Interesse geknickert und geknausert, sondern im Interesse der ökonomischen Entwicklung seiner Diözese. Viel- . leicht ist er nur unnachsichtlich gegen den in slavischen Ländern so häufigen wirtschaftlichen Schlendrian eingeschritten, hat er nur auf wirtschaftliche Ordnung gesehen und sich dadurch mit dem gewohnten Mißbrauch und anderen wenig löblichen Landessitten in Widerspruch gesetzt, und er teilt das Schicksal so vieler auch weltlicher Fürsten und Finanzminister, die sich j den Haß weiter Kreise zngezogen haben, weil sie im öffentlichen I Interesse den Leuten etwas schärfer als üblich auf die Finger! gesehen haben. Wir wollen nicht behaupten, daß Erzbischof Kohn wirklich ein solcher Märtyrer sei; dazu haben wir zu wenig Einblick in die Verhältnisse. Aber er ist jüdischer Abstammung, heißt Kohn, hat, wie ein Antisemitenblatt sich verratend sagt, „wiederholt von seiner hohen Stellung aus den Bannstrahl gegen die; Antisemiten gerichtet"; das ist wohl Grund genug für die antisemitische Gesellschaft, den aus diesen Gründen ihr so verhaßten Mann niederzuhetzen. Leider ist es aber nicht einmal währ. Der Erzbischof von Olmütz hat niemals die so oft ihm dargebotene Gelegenheit ergriffen,. gegen den Antisemitismus. in j seiner Diözese aufzutreten. Die Klagen gegen den Olmützer Erzbischof hätten mehr Gewicht, wenn der Raffen-Antisemitismus in Oesterreich weniger verbreitet wäre, und wenn man nicht durch minder eklatante Fälle, nämlich durch alltägliche Vorkommnisse, wüßte, wie von den Antisemiten alles, was nur irgendwie gegen einen „Juden oder einen Judensprößling" ins Feld geführt werden kann, ungeheuerlich aufgebauscht und entstellt, verzerrt und in zehntausendfacher Vergrößerung dem Publikum aufgetischt wird. Wir haben weder an der Person noch an der Würde des Herrn Dr. Kohn irgend welches Interesse. Lebten wir in normalen Zeiten und Verhältnissen, dann wäre der Fall des Erzbischofs Kohn für uns wie für alle Welt nur ein interessanter

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