Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Hugo Vogel gemalt, zeigt in vollendet lebenswahrer Darstellung deir^Senior der Verwaltung in etwas borgebeugter Haltung aus einem Lehnstuhl sitzend und trägt die Aufschrift: „Julius Jaeobh anrto aetatis octog'esimo". In aufrichtiger Bescheidenheit lehnte der Jubi lar in seiner Entgegnung die ihm bereitete Ehrung ab. Für ihn bedeute die^Feier seines Amtsjubiläums in der Tat nur die Anerkennung der Leistungen des Gesamtvorstandes, da der einzelne überhaupt nichts leisten könne und nur in Gemeinschaft mit seinen Kollegen nützliches lind dauerndes zu schaffen in der Lage sei. Mit den Leistungen und Erfolgen meine er nicht die täglichen Arbeiten in der Gemeinde, wi'e die Ausführung von Beschlüssen, wenn auch diese allerdings einen Umfang erreicht hätten, wie er in der Regel nicht auf ehrenamtlich tätige Männer entfalle, sondern er meine diejenigen Schwierigkeiten, die zwischen Vorstand und Repräsentanten in ihren Verhandlungen bei ihrer gemeinschaftlichen Tätigkeit zum Wohl der Gemeinde in Erscheinung treten, Schwierigkeiten, die sich in den letzten Jahren dadurch erhöht hätten, daß bei den Repräsentantenwahlen der Minorität der Sieg zugesallen sei. Der Gemeindevorstand habe die Verpflichtung und das ernste Streben, den Wünschen der Repräsentanten-Versammlung gerecht zu werden, die höhere Verpflichtung aber noch, nichts zu beschließen, was etwa eine Spaltung oder Zersplitterung in der Gemeinde herbeisühren könnte. Der Vorstand habe in seinen Empfindungen den Weg der Mitte gesunken, beiden Parteien gleich nahe zu stehen und in dieser Weise das Gemeindefahrzeug in Ruhe und Frieden zu geleiten. Die Wohltat dieser Stellung des Gemeinde- Vorstandes sei von hervorragenden Mitgliedern des Kollegiums auch anerkannt worden. „Wir wollen uns freuen", so schloß der Jubilar, „daß Vorstand und Repräsentanten kollegialisch in der Tat für unsere - Gemeinde günstiges gewirkt, daß der Friede der Gemeinde ungestört ist, und wir wollen uns freuen, daß wir heute eine Feier haben, in welcher die guten Erfolge zur Anerkennung gelangt sind. In dieser Anerkennung liegt der Hauptwerk der heutigen Feier. Ich bin glücklich, auf Grund dieser Empfindungen die Feier entgegengenommen zu haben. Ich bin Ihnen zu unendlichem Danke verpflichtet und weiß auf Ihre Wünsche nicht besser zu antworten, als daß es mir von der Vorsehung beschieden sein möge, nach Kräften in Ihrer Mitte mich in bisheriger Weise betätigen zu können." Damit hatte die kurze, aber innige und eindrucksvolle Feier ihr Ende erreicht, und nur nach kurzer Pause läutete die Glocke des Vorsitzenden zum Beginn der Sitzung, an welcher der Jubilar auch heute fast bis zum Schluffe teilnahm. Zum geschäftlichen Teil lag ein Antrag von den Herren Professor B l a s ch k e, Louis Sachs, Adolph Mäher und Kommerzienrat Friedländer vor, den Gemeiudevorstand aufzufordern, dahin zu wirken, daß in den Religionsschulen der jüdischen Gemeinde in den einzelnen Klassen oder in einigen ad hoc vereinigten Klassen in bestimmten Zeitabständen unter Aufsicht der Lehrer, der Unterrichtszeit entsprechend, Morgenrespektive Nachmittags-, eventuell auch Abendgottesdienste abgehalten werden. Alsdann folgen, wie üblich in der ersten Sitzung des neuen' Jahres, die Wahlen der Vorsitzenden und der Schriftführer. Zum ersten Vorsitzenden werden von Professor Geiger Herr Louis S a ch s,- von konservativer Seite wiederum HerrL ö wenberg vorgeschlagen, der jedoch sich außer stände erklärt, mit Rücksicht auf sein körperliches Befinden eine Wahl anzunehmen. An seiner Stelle wird alsdann' Geheimrat Blumenthal vorgeschlagen, der auch mit neun Stimmern gegen sechs Stimmen, die aus Louis Sachs entfallen, gewählt wird:' Zum ersten Stellvertreter wurde einstimmig wiederum Kommerzienrat? Friedländer, zum zweiten Stellvertreter Herr Aron Hirsch mit elf unter vierzehn Stimmen gewählt. Für die beiden bisherigen Schriftführer Dr. Ignatz C o h n und Isid o r Sachs wurde- Akklamation vorgeschlagen und genehmigt. Alle Gewählten bis anf* Kommerzienrat Fri edländ er, welcher der Sitzung nicht beiwohnt, nehmen die Wahl an. Eine Zuwendung des Herrn Julius Wolfsohn im Betrage von 2000 Mark an das Krankenhaus zur Erricht tnng einer Stiftung, ferner zwei.Zuwendungen des Herrn Louis Aaron in Höhe von 15000 Mark und 3000 Mark zum Zwecke der- Erhaltung von Erbbegräbnissen werden debattelos genehmigt. Eine, längere Debatte rief die Vorlage betreffend eine neue Ausgabe des'/ Gebetbuchs für die neue Synagoge hervor. Der Ausschuß III war, wie der Referent mitteilt, der Ansicht, daß es richtiger sei, die Vorlage einer gemischten Deputation zu überweisen, der zwei Aelteste, vier Repräsentanten und zwei Rabbiner angehören sollen, denen gleichzeitig die Ausgabe'zufallen soll, ein einheitliches Gebetbuch für die drei Orgelshnagogen auszuarbeiten. Professor Blaschke habe den Eventualantrag eingebracht, das Buch in zwei Bänden erscheinen, zu lassen, die Abweichungen des Textes der. Synagogen Lindenstraße und Lützowstraße vom Normalgebetbuch nicht gesondert zu drucken und das Gebetbuch auch uneingebunden zum Verkauf zu stellen. Herr Professor Blaschke begründet seinen Antrag. Er wünscht, das Gebetbuch im Format um V/% Centimeter niedriger zu gestalten, die abweichenden Gebete in den Text mit einem besonderen Hinweise aufzunehmen, um das störende llmblättern zu vermeiden. Er spricht sich gegen den Wunsch des Gemeindevorstandes aus, das Gebetbuch in vier Bänden drucken 31t lassen, da alsdann der Anfang des Morgengebetes "irr zwei Bänden fehlen würde. Die Herausgabe einer Miniaturausgabe (17:11), wie sie der Gemeindevorstand angeregt hat, verwirft er völlig, um nicht die Möglichkeit- .zu schaffen, das Gebetbuch in die Tasche stecken zu können. Laudgerichtsrat Loewe teilt mit, daß der Wunsch einer Miniaturausgabe auf die Anregung des Rabbinats zurückzusühren sei. Er sieht darin keine Gefahr, daß das Buch etwa in die Tasche gesteckt werden könnte, gibt aber zu, daß die Form tze» Gebetbuches in zwei Bänden sich bewährt habe. Professor Bagin Skis wünscht eine fernere Aenderung des Gebetbuches und bittet nicht zu fürchten, daß er etwa eine Nückwärtsrevision der Gebete beantragen wolle. Ihm persönlich sei die Form der Gebete ganz gleichgültig, er mache sich ziemlich frei von den vorgeschriebenen Gebetbuchformen. Doch könne er sich nicht frei machen von den „schauderhaften Uebersetzungen". Landgerichtsrat Loewe weist darauf hin, daß, wenn die Uebersetzungen nicht immer den hebräischen Text treffen, so hätten die Verfasser in wohlerwogener Absicht nach einem dem deutschen Empfinden mehr adäquaten Ausdruck gesucht. Ob sie darin Erfolg gehabt hätten, wisse er nicht; deshalb dürfe man aber durchaus nicht von schlechterUebersetzung sprechen. Prof. Blaschke hält den Namen Ueberfetzung für die Verdeutschung des hebräischen Textes nicht für angebracht, Die Herren Vorsteher Julius Jacoby, Martin Simon und Syndikus Justizrat Lilien thal fordern einen formelleil Beschluß, in ivelcher Weise der Geineindevvrstand die Gebetbücher drucken lassen könne. Der Vorsitzende Geheimrat Blumeuthal beantragte darauf plötzlich Uild ohne Motiviernug die Verweisung der Vorlage in die geheime Sitzung. Der Grund dieser Verlegung der Beratung ist, ivie wir erfahren, ein ganz eigenartiger. Der jetzige Drucker des Gebetbuches, Herr Sittenseld, ist nämlich kein Jude! Man hat scheinbar ganz vergessen, daß der frühere jüdische Drucker nur nach Bewilligung eines namhaften Zuschusses - seitens der Gemeinde die Drucklegung des Gebetbuches übernommen hatte und daß bei der Ausschreibung einer neuen Submission Herr Sitten selb der einzige war, der auf einen Zuschuß der Gemeinde völlig verzichtete. Daß das Interesse der Gemeindemitglieder, wenn der Drucker trotz des Verzichtes auf eine Subvention das Gebetbuch zu. einem mäßigen Preise zunl Verkauf stellt, aufs beste gewahrt wird, dürfte doch Wohl über jeden Zweifel erhaben sein. — Die Satzungen für die Sy na - g 0 g e n v 0 r st ä n d e , freiten jetzt etwas größere siechte als in dem früheren Statut von 1862 eingeräumt find, werden genehmigt. Zum Schluß wurden die turnusmäßig ansscheidenden Mitglieder der W a i s e n k 0 m m i s s i 0 n sämtlich wiedergewählt. S2 Berlin, 7. Januar. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums hat ihre 3. Sitzung am 21. und 22. v. M. und ihre Generalversammlung am 6. fr. M. abgehalten. Die Ausschuß-Sitzung fand in den Räumen des D.-J. G.-B. statt. Anwesend waren die Herren Professor Dr. Bacher, Dr. Baneth, Dr. Braun, Geheimrat Cohen, Professor Dr. Geiger, Dr. Guttmann, Dr. Karpeles, Dr. Lucas, Professor Dr. Maybaum (I. A. der. Znnzstiftung), Professor Dr. Philippfon, Professor Simonsen, Dr. Werner. Der Schriftführer erstattete, nachdem Professor Philippsou um 10^ Uhr die Sitzung eröffnet hatte, den Jahresbericht der Gesellschaft: zur endgültigen Redaktion desselben wurde eine Kormnission erwählt, bestehend aus den Herren Brann, Cohen und Lucas. Der Jahresbericht wird bald im Druck erscheinen und allen Mitgliedern der Gesellschaft zugestelltwerden. Sodann referierte der Vorsitzende, Professor Philippsou, über die Verhandlungen betreffend den „Grundriß". Nach einigen Auseinandersetzungen über die Auswahl der zur