Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Litersrilchr Mitteilungen. — M. Friedländer, Geschichte der jüdischen Zlpologetik als Vorgeschichte des Christentums. Zürich, Caesar Schmidt, 1903. „Die jüdische Apologetik ist die Geschichte des Judentums," sagt Friedlander in der Einleitung zu seinem Werke mit vollem Rechte.- Das Judentum hat eigentlich niemals Zeit gehabt, rein aus sich selbst heraus sich geistig zu entwickeln, es stand vorn ersten Augenblicke seines Entstehens an entweder in der Defensive oder in der Offensive bis auf den heutigen Tag. Die Geburt des israelitischen Monotheismus war der vehemente Angriff eines für seine religiöse Idee kämpfenden Volkes aus die es umgebende Idolatrie. Von da ab sehen wir im Leben Israels im Grunde genommen nichts anderes als einen ewigen Wechsel zwischen Defensive und Offensive in seinen religiösen Kämpfen gegen die Außenwelt. In dieser keineswegs monotonen, sondern höchst dramatischen Abwechslung sind die interessantesten Momente die Offensive des ersten Entstehens ■ und die gegen das Griechentum. Während aber die erste nur inehr wissenschaftlichen Reiz hat und die Bedeutung des Mosaismus zu schmälern nicht im stände ist, hat die zweite Offensive, die gegen das Hellenentum, auch heute noch aktuellen Wert, da sie geeignet ist, Judentum und Christentum der nentestamentlichen Zeit in das richtige Licht zu rücken. Besonders zwei Fragen sind da von höchster Wichtigkeit: 1. welchen Einfluß hat das hellenisch-jüdische Schrifttum auf die Entstehung des Christentums genommen; 2. welchen auf das Judentum ausgeübt? Für die zweite Frage haben wir bis heute noch keinen Forscher gefunden, der in voller Beherrschung des ungeheuren Materials die Frage befriedigend hätte lösen können. Eines ist mir, der ich mich dieser Frage eifrigst zugewendet habe, schon heute sicher: Wenn es gelungen ist, den Geist des Judentums in der Gesetzeshänsung doch noch unversehrt zu erhalten, so danken wir das zum großen Teil der Gedankenarbeit der hellenisch-jüdischen Schriftsteller. Koheleth lind Daniel, Targum und Midrasch, Eschatologie und Messianismus, Sentenzen und Sittenlehren zeigen an allen Ecken und Enden die. Spuren des gewaltigen jüdisch-hellenischen Geistes. — Viel eingehender wurde hingegen die Frage nach dem Einfluß des hellenisch-jüdischen Geistes auf das Christentum behandelt und zwar von unserem Friedländer, ben wir hierin nach mancher Richtung hin als Pfadfinder anerkennen müssen. Wohl haben die bedeutendsten Erforscher der neutestamentlichen Zeit teils auf Grund eigener, teils auf Grund der Friedlüuder'schen Forschungen einen gewissen Zusammenhang zwischen Christentum und jüdisch-hellenischem Geist zugestanden, trotz allem wird bis auf ben heutigen Tag mit großer Emphase bekundet, das Christentum sei die Korrektur des Judentums, das sich in den Gesetzessumps verloren hat, die Korrektur als ureigene schöpferische Idee Jesu, der Glauben und Moral nicht nur über, sondern gegen das Gesetz gestellt habe. Friedländers Verdienst ist es nun, nachgewiesen zu haben, daß diese Gesetzesfeindlichkeit, diese Voranstellung der Sittenlehre ein Werk des jüdischen Hellenismus sei, daß daher das Christentum nicht der Schöpfer, sondern nur der Aneigner dieser Idee gewesen sei, mit der es ihm geglückt ist, die heidnische Welt für die religiösen Gedanken des Judentums zu erobern. Friedländer hat unentwegt an dem Nachweise gearbeitet, daß der jüdisch-hellenische antionomistische Geist in Palästina in die Gelehrtenschulen mit großer Macht eingebrochen, mit schwerer Mühe, unter den größten Kämpfen da unterdrückt und in die Diaspora zurückgedrängt worden sei. Ob wir eine antinomistische Partei annehmen oder nicht, darüber, daß unter den Minim bis weit in das zweite Jahrhundert hinein nur antinomistische Inden gemeint sind, nicht Jndenchristen, darf meiner Anschauung nach gar nicht mehr debattiert werden. Nun geht Friedländer in seinen! vorliegenden Werke urn einen mächtigen Schritt weiter; das letzte Kapitel seiner Apologetik, das „die Polemik nach innen" behandelt, ist der Griff eines genialen Menschen, der uns hier mit einem Male einen dichten Schleier lüftet und ein bis heute dunkles Gebiet hell erleuchtet. Nun stehen sie vor uns da, diese zudringlichen, übermütigen Antinomisten, diese gottlosen Gesetzesleugner, unendlich geschlossener als irn Tatniud und Midrasch. Die 2^, der Psalmen, die so niederträchtig gottlos tun, die,-Frommen verhöhnen und bedrücken; über die unsere Psalmendichter so bekümmerten Herzens ungezähltemale zu Gott ihr Wehe äusschutten, mit denen sich' auch die Danielapokälypse oft gleichlautend mit dem Psalmisten beschäftigt, es sind dieselben Minim und Sedilit, über die unsere Tannaiten so häufig Klage führen. Wenn wir in Friedländers „Zlpologetik" vielleicht zu viel Wiederholungen aus seinen früheren Werken gefunden haben, dies letzte Kapitel hält uns vollkommen schadlos. Die ersten, sechs Kapitel des Werkes befassen sich eingehend mit der jüdisch-apologetischen Tendenz der Verschiedenen jüdisch-hellenischen Schriften, ganz besonders der Apologie in den Werken des Philo und des Josephus, hierbei in sehr verdienstvoller Weise ununterbrochen darlegend, wie die Patristik in ihrer christlichen Apologetik mit erborgten Waffen kämpft, indem sie nichts besseres zu tun weiß, als dem jüdisch-hellenischen Schrifttum Geist und Symbolik zu entlehnen und für jüdische Zwecke zu verwerten. Wir wollen hoffen, daß Friedländers „Geschichte der jüdischen Apologetik" die verdiente Würdigung allenthalben finden werde, und daß dem Manne, der als jüdischer Gelehrter seit Jahrzehnten beinahe einsam die verschlungenen Wege des griechisch-jüdischen Schrifttums wandelt, um sie zur Ehre des Judentums für alle Welt gangbar zu machen, recht bald tüchtige, strebsame Jünger folgen werden, die über die ganze neutestamentliche Zeit, die sich in Wahrheit vom 3. Jahrhundert ante bis zürn Ende des 3. Jahrhunderts pv8t hindehnt, neues Licht verbreiten und der Wahrheit über die Entstehung des Christentums volle Anerkennung schaffen werden. Karlsbad. Dr. I. Ziegler. Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! estatten Sie mir, einige Bemerkungen zu dem.Bielschvwsky- Artikel in der letzten. Nununer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", der von einem „deutschen Oberlehrer jüdischen Glaubens" unterzeichnet ist. Soviel Sätze, soviel Unrichtigkeiten. 1. Albert Bielschowsky war getauft und liegt auf einein christlichen Kirchhofe begraben. Wann er zum christlichen Glauben übergetreten ist, weiß ich nicht; in dem letzten Mitglieder-Verzeichnis der hiesigen jüdischen Gemeinde steht sein Name nicht. . 2. Wie lange Bielschowsky auf eine Anstellung gewartet hat, ist mir nicht bekannt: daß er je an einer jüdischen Schule, insbesondere am Philanthropiu gelehrt hat, wird allgemein bestritten. 3. Bielschowskys Anstellung in Brieg war nicht kümmerlicher als die jedes anderen Oberlehrers. 4. Nicht wegen Krankheit ist Bielschowsky vorzeitig aus dem Dienste geschieden. Die Gewerbeschule in Brieg wurde von der Stadtverwaltung aufgelöst; die Lehrer, auch Bielschowsky, blieben im vollen Genüsse ihres Gehaltes. Dieser Urnstand machte es Bielschowsky möglich, in Berlin seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu leben. Hochachtungsv allst Berlin, im Januar. T. * Geehrter Herr Redakteur! ^^>ie in der Nununer 2 unter „Bon Näh und Fern" gebrachte Meldung Ihres geschätzten Blattes, daß mit der erfolgten Wahl der Stadtrats Glaser in Blankenburg a. H. der erste jüdische Abgeordnete in den Braunschweigischen Landtag einziehe, ist unzutreffend, denn es gehört demselben bereits seit einigen Jahren der Vorsitzende' der Braunschweiger Handelskammer, Kommerzienrat Max Jüdel in Braunschweig an, langjähriges Mitglied des Stadtverordnetenkollegs und Repräsentant der hiesigen Gemeinde. In Hochschätzung Braun schweig, 10. Januar 1904. Beruh. Me Hers feld. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Lauch witz in Lerltn.