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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-15 · Heft 3 (15.1.1904) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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„Wenn das Leben Dich nur nicht in eine härtere Schute nimmt!" " Zu seiner Frau gewandt fuhr er fort: „Achte auf Dich und aus Deine Tochter, daß Eure überspannten Ideen sie nicht unglücklich machen." Heinrich, der inzwischen auf den: Svpha eingeschlafen war, wurde geweckt und die Familie begab sich zur Ruhe. Erna nahm ihre Mutter mit in ihr Zimmer und schüttete ihr das Herz aus. Sie gestand, daß sie den Assessor Rode liebe und niemals einen anderen heiraten würde. „Hat er Dir denn seine Liebe gestanden?" „Noch nicht. Aber aus jeden: seiner Worte, in jeden: Blick von ihm lese ich, daß er mich liebt." „Deine Wahl mißfällt mir nicht, und ich glaube auch, daß sie Vater sympathisch sein wird, er hält viel vor: dein Assessor. Doch gibt es noch manches zu bedenken. Schlafe mm aber ruhig, mein Kind, es wird alles gut werden." Kapitel 14. Ein halbes Jahr ist vergangen. Es ist gekommen, wie es kommen mußte, der Assessor Rode hat um die Hand Ernas angehalten. Er sagte zu ihrem Vater: „Mir steht eine glänzende Laufbahn bei der Regierung offen. Ihr Fräulein Tochter wird die Stellung einnehmen, die ihrem Geiste, ihrer Schönheit gebührt. Ich werde jetzt befördert und nach Berlin versetzt, jetzt kann ich meiner Gemahlin eine Stellung in der Gesellschaft bieten,' und deshalb verehrter Herr, habe ich jetzt den Mut, um Ihr Fräulein Tochter zu werben." „Aber der Unterschied in der Religion! Ich weiß, Herr- Assessor, wie man in Ihren Kreisen über die Juden denkt, und ineine Tochter wird ihren Glauben nicht wechseln." Der Assessor erwiderte mit seinen: Lächeln: „Meine Kreise sin^ viel toleranter, als man glaubt. Wir haben manche Jüdin in der exklusivsten Gesellschaft. Und ich werde Ihre Tochter niemals mit einen: Glaubenswechset Plagen, da mir die Konfession ganz gleichgültig, ist." „Aber wie werden Ihre Angehörigen, Ihre Mutter und Schwester die Jüdin aufnehmen?" Der Assessor nah:::, einen Brief aus der Tasche und reichte ihn Herrn Berger. „Hier die Antwort!" Herr Berger las laut: „Lieber Sohn, wir werden Deine Erwählte von ganzen: Herzen als Tochter und Schwester begrüßen. Deine Frage, ob wir die Andersgläubige lieben können, ist eigentlich demütigend für uns, Du weißt doch, daß wir nicht an Formen hängen, und ich das Mädchen, das meinen Sohn beglücken wird, mit voller Mutterliebe umfangen werde." Er gab den Brief zurück und sagte: „Dies hebt mein letztes Bedenken. — Da ich nun die Veranlassung Ihrer wiederholten Besuche ahnen nmßte, war es meines Pflicht, Sie näher kennen zu lernen, und so erfuhr ich auch, daß Sie Schulden haben." Der junge Mann erhob stolz sein Haupt. „Das sind Herr Berger unterbrach ihn. „Ich weiß, daß es keine Spiel- oder sonstige Kavalierschülden sind. Mir wurde ferner bestätigt, was mir auch meine Menschenkenntnis, mein Herz von Ihnen gesagt, daß ich Ihnen mein Kind anvertrauen darf, und so heiße ich Sie als Sohn willkommen. Eine Mitgift von einer halben Million wird Sie in den Stand setzen, Ihren Hausstand ohne materielle : Sorgen zu gründen. Machen Sie meine Tochter glücklich, sie i verdient es."! Der junge Mann sagte, die Hand Herrn Bergers ergreifend,; bewegt: ' „Ich bin glücklich, in Ihnen meinen leider früh verlorenen,! liebevollen Vater wiederzufinden. Glauben Sie mir, daß ich! nur für das Glück meiner geliebten Erna leben werde." — - Die Hochzeit wurde in Berlin, dem künftigen Wohnort des jungen Paares, glänzend gefeiert, und dabei hatte Frau j Berger endlich die Genugtuung, in höheren Kreisen als! gleichwertig anerkannt zu werden. Ein dicker Hauptmann! machte ihr sogar den Hof. Bald schrieb das junge Paar glück-! trunkene Briefe nach der Heimat. Heinrich bestand das Abiturientenexamen und nah::: nun in den: üblichen Abiturientenkommers Abschied von der Schule.! Die Professoren sahen ironisch drein, die Väter lächelten etwas säuerlich, als der Redner der Schüler feierlich erklärte,! daß sie von jetzt an — da sie Männer geworden — nur noch dem ernsten Studiun: leben würden. ' Die jungen Leute, die schon etwas heiter wurden, gaben begeistert ihre Zustimmung und schworen dabei, ewig Freunde zu bleiben. Beim Heimweg, der morgens ziemlich früh erfolgte, gingen Heinrich und sein Freund Hans Arm in Arm, aber — es muß leider ausgesprochen werden — ziemlich schwankend. Die beiden jungen Leute, die neun Jahre lang zusammen das Gymnasiun: besucht hatten und immer Freunde waren, ' wollten auch auf der Universität sich nicht trennen. Sie beabsichtigten, vorerst nach Heidelberg zu gehen und natürlich zusammen zu wohnen. „Heinz, wir lassen uns in dasselbe Korps aufnehmen, :vorin auch mein Vater war." „Ja," meinte Heinrich bedenklich, „ich würde wohl gern, aber ich glaube, daß sie keine Juden aufnehmen." „Ach Unsinn, bei unserer Empfehl:n:g ::nd der Deines Schwagers wird niemand daran denken, Dich zurückzuweisen." „Das würde rnich sehr freuen, selbstredend werde ich mich; nicht aufdrüngen." Philipp, der fast :::it zur Fanülie zu zählen war, studierte; an der technischen Hochschule zu Charlottenburg.! Herr Berger, der den jungen Mann im Interesse seiner? Familie versichern lassen wollte, schickte ihn zu diesem Zweck zum Inspektor Meyer. Dieser stutzte und erkannte den Helden des Kneifers wieder. Als er nun hörte, daß Philipp nach Charlottenburg wollte, lächelte er und sagte: „Jetzt kann ich Ihnen den Finderlohn abstatten. Ich habe -eine Schwester in Charlottenburg, die mit ihrem Mann in kinderloser Ehe lebt und Sie auf meine Empfehlung , gern in Pension nehmen wird. Nötig hat sie es gottlob nicht, aber , sie hat Zeit, Raum und Bedienung, und da Herr Berger Sie i empfiehlt, kann ich Sie auch empfehlen. Sie werden das! Elternhaus nicht vermissen." Philipp sagte froh überrascht zu, und erzählte später vergnügt seinen Eltern, wie ihm der Kneifer noch nach so langer Zeit genützt habe. So wurde es in: Sommer still im Berger'schen Hause. (Fortsetzung folgt.)

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