Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Schilderung mußte daher etwas neues und fesselndes bringen, und es war gleichzeitig eine Glut und Kraft der Jugend darin-, die unbedingt mit sich sortriß :mb die schwachen Seiten' der Darstellung vergessen ließ. Die Kritik begrüßte dieses-vielversprechende Debüt mit großer Anerkennung, und selbst Kierkegaard unterschied ausdrücklich den Verfasser dieser Erzählung von dem Herausgeber des Korsaren und nannte es „ein guteß Buch". Am wenigsten Anklang fand dasselbe bei den eigenen Glaubensgenossen des Verfassers; einige betrachteten es aiß unkluge Politik, auf solche Weise die Juden als eine besonders scharf abgegrenzte Grrrppe der Staatsgesellschaft hervorzuheben, andere fanden das intime häusliche und Glaubensleben vor Unbeteiligten profaniert, und sie waren wohl auch nicht zun: wenigsten indigniert über viele treffende kleine Züge der parvenuartigen Kleinlichkeit unb des Neides in dein täglichen Umgang. Noch viele Jahre später ertönte derselbe Vorwurf gegen Goldschmidt als eine Warnung davor, „fortwährend seine Großmutter mit scharfer Sauce zu servieren" (Georg Brandes). 'j asnuiLecn^ xzuvsi-g Linder unserer Leit. Roman von Jacob Lebt). Kapitel 13. ...... sah glücklich, strahlend und geputzt aus. Ihr ^J Bräutigam, ein schwarzlockiger, stämmiger Jüngling, der noch keinen aus der Gesellschaft kannte, schaute etwas gelangweilt darein. ' Dr. Weil, der außergewöhnlich munter war, hatte als Tischdame Erna Berger, die einen stolzen und unzufriedenen Eindruck machte. Heinrich saß mit den: jüngeren Volk unten an der Tafel, nnt Entzücken der Unterhaltung einiger älterer Herren lauschend, die sich auch in seiner Nähe niedergelassen hatten. Der eine erzählte von seiner Lehrzeit bei einen: armen Schneider anno dazumal. „Trotz unserer großen Armut ernährten Nur uns ein viertel Jahr lang von Kuchen." „Wie war dies denn möglich?" „Der Bäcker borgte uns nichts mehr, da mußten wir zum Konditor gehen." Es ertönte allgemeines Gelächter. Ein anderer bemerkte eben seinem Nachbarn: „So soll es Ihnen gut gehen, Rosenberg, wie er mir nur Schkorim erzählt hat." ~ Inzwischen sagte ein älterer Herr mit Nachdruck: „Es ist mir mies." Der so apostrophierte erwiderte: „So sagen sie immer, Herr Doktor. Es soll Ihnen so mies bis zu hundert Jahren sein." Das gute und überaus reichliche Essen wickelte sich in hergebrachter Weise ab. Die glückliche Frau Meyer nötigte unaufhörlich. „Herr Doktor, nehmen Sie doch noch ein'Stückchen Gans. Sie haben zwar schon zweimal genommen, aber es ist Ihnen gegönnt." Diese und ähnliche Bemerkungen hatten laute Freudenausbrüche zur Folge. Doktor Weil und Erna unterhielten sich ernsthafter. Er schilderte ihr den Beruf eines Arztes mit beredten Worten. Er sprach auch von der Frau eines Arztes, von deren segensreichem Wirken, wie sie ihrem Gatten den schweren Berus erleichtern könne. „Fräulein", sagte er leise, sich zu ihr beugend, „ich lese auch in Ihren: Auge das echt weibliche Mitgefühl mit fremden Leiden, Sie sind der. Engel, der einem Arzt sein schweres Wirken leicht machen könnte." „Ach," antwortete sie leicht, „Sie können mir dies niemals fynrpathifch machen. Die Tätigkeit eines Arztes ist für mich so gruselig, daß ich gar nicht hören möchte, was damit zusanunenhängt. Sie dürfen mir darob nicht zürnen," fuhr sie treuherig fort, „ich kann meine Natur nicht verleugnen. Ich bin nicht für eine ernsthafte Laufbahn geschaffen." Er erwiderte mit vollkommen ruhiger Stimme: „Ich wünsche Ihnen von Herzen, gnädiges Fräulein, daß das Leben Ihnen nur die sonnige Seite darbieten möge." Er hielt nun, nach einigen gleichgültigen Worten mit seiner Nachbarin, eine brillante Tischrede und entzückte die Gesellschaft durch seinen Geist und Humor derart, daß er der Mittelpunkt des ganzen Kreises wurde. Beim Abschied sagte er der Familie Berger: „Jetzt werde ich im ganzen Winter keine Gesellschaft mehr besuchen, meine wissenschaftlichen Arbeiten litten zu sehr darunter." Zu Herrn Berger gewandt fuhr er fort: „Ich bitte, meinen ans morgen angekündigten Besuch nicht zu erwarten, ich habe die Auskunft, um die ich Sie bitten wollte, bereits erhalten." Mit einem kurzen Gruß war er verschwunden. Die Darnen hüllten sich fröstelnd in ihre Pelze und mm: eilte heim. Heinrich hängte sich an den Arm seiner Mutter und markierte einen Rausch. Er rief lustig: „Es ist nur mies, mieser, an: miesesten. Euch auch?" Der Witz fand keine Gegenliebe, wahrscheinlich weit jeder die Frage bejahend antworten konnte. Zu Hause angelangt, machte Herr Berger den Vorschlag, noch eine Tasse Kaffee zu trinken, und er fand begeisterte Zustimmung. Der belebende Trank war auf der Maschine rasch bereitet. Der Vater sagte, an seiner Taffe nippend: „Ich begreife Doktor Weil nicht. Erst bittet er mich ::::: eine Audienz, und nach einigen Stunden besinnt er sich eines anderen. Ich ahnte ja, Ums er will, aber jetzt ist nur altes unverständlich. Vermagst Du nur Ausschluß zu geben, Erna? Sie konnte ein Erröten nicht unterdrücken. „Ich kann nichts darüber sagen." „So werde ich morgen den Doktor selbst befragen. Ich schätze ihn so hoch, daß ich nichts störendes zwischen uns dulde." Die Mutter, der Erna auf den: Heimwege ihre Aussprache nnt dem Doktor anvertraut, sagte: „Du brauchst den Doktor nicht zu fragen, Erna hat durchaus' taktvoll gehandelt." Der Vater inquirierte weiter: „Ich will alles wissen, Erna: hat sich der Doktor Dir erklärt?" „Nein, Vater, aber er deutete mir eine Erklärung an. Da ich ihn als Ehrenmann hochachte, ihn aber nicht liebe und deshalb die Seine niemals werden kann, ließ ich es nicht zu einer Erklärung kommen, und schnitt ihn: zugleich jede Hoffnung ab." „Mögest Du nie bereuen, einen Mann, aus den jede Frau,, jede Familie stolz sein kann, zurückgewiesen zu haben. Bei ihn: hätte ich Dich geborgen gewußt." „Vater, ich kann ihn nicht lieben. Ich fühle auch nicht die Kraft in mir, die Pflichten einer Doktorsgattin zu erfüllen. Wir wären beide unglücklich geworden."