Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Strohmännern getragen, deren Namen sehr oft wechselten; > denn bereits die dritte Nummer des Korsaren wurde von einer Beschlagnahme betroffen, und von der Zeit an folgten Preßj anklägen Schlag auf Schlag, zunächst mit der Wirkung, daß das j Interesse für das Blatt und damit dessen Verbreitung mit; steigender Schnelligkeit zunahm, sodaß es bald dreitausend! Abonnenten hatte. War „der Korsar" auf diese Weise damals! eins der verbreitetsten Blätter des Landes, so war er absolut j beffeit begehrteste und gelesenste Zeitung, deren Erscheinen an! jedem Freitag mit gespannter Erwartung wegen der Kühnheiten entgegengesehen wurde, welche der neuen Nummer gelungen war, an den scharfen Augen des Zensors vorbeizuschmuggeln, und deren Ausbleiben infolge einer Beschlagnahme war, wenn auch keine Landestrauer, so doch eine Entbehrung für das ganze Land. Der Inhalt des Blattes zerfiel in zwei Hauptteile, die schon durch typographische Ausstattung auseinandergehalten wurden. Die Korpusspalten waren den rüsonnierenden Artikeln gewidmet, den heutigen sogenannten „Leitern", den großen Kompositionen, den positiveren Auslassungen, von welchen wohl die Satire nicht ausgeschlossen war, die aber doch sehr häufig einen Pathetischen Schwung und rhetorischen Klang hatten. Diese waren es, welche deutlich den politischen Standpunkt des Blattes angäben: eine ideelle Schwärmerei für die republikanische Staatsform; Anerkennung des sonst so allgemein herbeigesehnten Konstitutionälismus höchstens als Uebergangsfornr aus Furcht, daß derselbe als dauernde Institution ein Schlupfwinkel für eine Bourgeoistyrannei von nicht weniger unerträglicher Art als der Absolutismus selbst werden würde; Sympathie für die kommunistischen itrib sozialistischen Ideen, für allgemeine Aufklärung und die Emanzipation der niederen Stände; endlich eine kosmopolitische Totalanschauung, die das Blatt der nationalen Selbstverteidigung, welche in jener Zeit stark hervorbrach, skeptisch kritisierend gegenüberstellte. Die Petitabteilung des Blattes dagegen brachte ein Gemisch von kleinen Witzen und Ausfällen, die besonders dein Korsaren seinen Charakter verliehen und jedenfalls mehr Aufmerksamkeit und Furcht vor demselben erregten und zugleich den größten Haß auf ihn häuften, infolge des scharfen Witzes der Persiflage und rücksichtslosen Verleugnung alles Ansehens der Person. Diese Angriffe setzten die Gerichte in Bewegung, aber viele öffentliche Männer krümmten sich in der Stille unter dem Spott des Korsaren, der umsomehr gefühlt wurde, je talentvoller dessen ätzender Saft gemischt war, und man beklagte es kaum allgemein aufrichtig, als das höchste Gericht im Juni 1843 dem Kern der Sache auf den Leib ging, die Strohmänner beseitigte und Goldschmidt als vermeintlichen Redakteur und Herausgeber des Korsaren für vier beschlagnahmte Artikel zu sechsmal vier Tagen Gefängnis bei Wasser ltttb Brot, außer lebenslänglicher Zensur und zweihundert Riksbanktaler Strafe verurteilte. Goldschmidt erfuhr den Ausfall dieses Richterspruchs in Malmö auf der Heimreise von der Studentenversammlung in Upsala. Er saß die Strafe unter recht komfortablen Umständen ab, und unter einer so milden Auslegung des Wortlauts des Urteils, daß es ihm sogar schwer wurde, einen Trunk Wasser 'aufzutreiben, wenn es ihm wirklich einmal wegen Kopfschmerzen wünschenswert erschien, Wasser zu trinken. Nach der ersten Gruppe der Strastage begab sich Goldschmidt direkt aus dem Gefängnis nach der italienischen Oper im Hoftheater, wo die Redakteure des nationalliberälen Blattes „Fädrelandes", Ploug und Giödwad, sich ostentativ erhoben und ihm die Hand reichten, um „gleichsam allgemein zu zeigen, daß die Urteile des Absolutismus nicht beflecken". Aber was umsomehr befleckte und schließlich, die ganze Korsarwirtschaft ihm verleidete, war das moralische Urteil, das der bekannte Gelehrte Sören Kierkegaard über diese fällte. Unter den guten Namen des Landes war derjenige Kierkegaards einer der wenigen, die der Korsar geschont hatte; ja, er hatte ihn sogar mit Pietät in einer Besprechung der pseudonymen Verfasserschaft behandelt. Umsomehr überraschte es, als. der Schlag kam, da Kierkegaard herausfordernd eine Gelegenheit ergriff, um seine Indignation über das Blatt zu ergießen. Der später bekannte Dichter P. L. Möller, der. einer der Mitarbeiter des Korsaren gewesen war, hatte im zweiten Jahrgang seiner „Gea" einen „Besuch in Sorö" als Rahmen für einige kritische Auslassungen in betreff der berühmten Werke Kierkegaards „Entweder — Oder" und „Stadien auf den: Lebensweg" fingiert. Inr „Fädrelandet" vom 27. Dezember 1845 bezeichnete „Frater Taciturnus" (S. Kierkegaard) den Schluß dieses Artikels als „einen der widerlichsten Korsarenangriffe auf friedliche respektable Männer, die in ehrenhafter Zurückgezogenheit ihren Beruf im Dienste des Staates erfüllen", und sprach den Wunsch aus, daß er nicht sobald in den Korsar kommen möchte, denn „es ist wirklich hart, für einen armen Verfasser in der dänischen Literatur, auf solche Weise hervvrgehoben zu werden, daß er der Einzige ist, den »um nicht ausschelten könne." In seiner folgenden Nummer erfüllte der Korsar diesen Wunsch in einem witzigen Artikel über den; herumwandernden Philosophen und seine Entdeckung des wirk- | lichen Redakteurs des Blattes, — >udi Spiritus, ibi ecclesia“; hatte Kierkegaard geschrieben, ,.ub! P. L. Möller, ibi Gorsar“.! Die Sache in das Geleise einer witzigen Polemik zu bringen, > gelang dem Korsaren jedoch nicht. Zur Herbstzeit verkaufte Goldschmidt den Korsar, dessen letzter Jahrgang ihn: 4000 Riksbanktaler eingebracht hatte', für eine Summe von 1500 Talern. Diese wurde durch das Honorar für einen Band Erzählungen vermehrt, und auf solche Weise ausgerüstettrat Goldschmidt eine Reise ins Ausland an, „um den Witz los zu werden und etwas zu lernen". Die Reise ging über Hamburg und Leipzig, wo er mit radikalen Politikern, wie Robert Blum, Arnold Rüge und Julius Fröbel znsammenkam, nach Wien, wo er mit Castelli, Kompert, Grillparzer und Saphir zusammen lebte, und von dort ging er weiter über Venedig und Florenz nach Rom. Nach einem Aufenthalt hier und auf Sizilien kam er inr Juni 1847 nach Genf, und hier wurde durch ein Gespräch mit dein reformierte!: Prediger Piquet ihm selbst unbewußt „die Grundlage zu feiner späteren Zeitschrift „Nord und Süd" gelegt. Im Oktober 1847 war Goldschmidt wieder in Kopenhagen und inr Dezember desselben Jahres kam das erste Heft dieser Monatsschrift heraus, die kurz darauf, als der Thronwechsel der Zensur und den Preßprozessen ein Ende machte, als Wochenblatt herauskam. Die vielen Bände von „Nord und Süd" enthalten zürn Teil ästhetische Produktionen und zahlreiche kritische Artikel, aber ihre wesentliche Bedeutung verdankt die Zeitschrift ihren sozialen Auslassungen rmd ihrer politischen Haltung. Die Charakteristik Goldschmidts in dieser Beziehung — auch was die spätere periodische Schrift „Daheim und Draußen" (1861) betrifft — werden wir später berühren, während wir uns hier zunächst zu Goldschmidts dichterischer Produktion wenden. Diese hatte bereits während der Zeit des Korsaren mit der Erzählung „Ein Jude" begonnen, die in den Jahren 1843—45 geschrieben wurde. Goldschmidt inaugurierte mit diesem Buch ein neues Gebiet in der dänischen Literatur, aber freilich ein Gebiet, das er ganz allein in Dänemark beherrschte: das häusliche und religiöse Leben des orthodoxen Inden. . Diese