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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-15 · Heft 3 (15.1.1904) · p. Seite 32

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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ihre verheirateten Söhne und Töchter mit ihren Frauen und Männern in einer bemerkenswerten Abhängigkeit zu halten. Äas jüngste Kind des Ehepaars war Goldschmidts Vater Aaron Goldschmidt (geb. 1792, gest. 1848), welcher im Januar 1819 Lea Rothschild (geb. 1801, gesk. 1869) ehelichte. Sie war eineTochter des alten Israel Rothschild, welchen Namen dieser im Hinblick auf die Verordnung vom 29. Mürz 1814wegen bestimmter Familiennamen für die Juden nach der Stadt annähm, wo er seinen Ansenthält hatte; er war nämlich Kaufmann in RoeskildeJ) wohin das Geschlecht von Deutschland über Fredericia und Nakskov gekommen war. Das Neuvermählte Paar ließ sich in der Stadt Vordingborg nieder, wo Aaron Goldschmidt ein Kaufmannsgeschäft gründete und zwar mit dem sogenannten „groben Handel" , das heißt Eisen, Holz, Teer, Salz usw. in Verbindung mit etwas Ackerbau, Brauerei und Brennerei, und in dieser südseeländischen Stadt kam Meyer Goldschmidt am 26. Oktober 1819 zur Welt,, sechs Wochen nachdem die Judenfehde in Kopenhagen gerast und mit einem schwachen Nachklang auch Vordingborg wie andere Provinzialstädte Dänemarks, wo Familien „jüdischer Nation" wohnten, berührt hatte. In seinem vierten Jahre wurde Goldschmidt bei einem ruhigen älteren Manne in die Schule gegeben, der nach zweijährigem Unterricht .seinen Schüler für so weit vorgeschritten erklärte, daß er ihn nichts mehr zu lehren imstande sei. Fast von seiner Geburt an war es von seinen Eltern be-. stimmt worden, daß er studieren und „ein berühmter Arzt wie Rabbi Moses ben Maimon werden sollte", und vermutlich, weil der. Vater wünschte, ihm eine orthodoxere Erziehung zu verschaffen, als sein eigenes vom Geschüstsleben abhängiges Haus bieten konnte, sandte er seinen Sohn zu einem Schwager in Kopenhagen und brachte ihn dort in eine kleine Knabenschule, wo er die Anfangsgründe der lateinischen'Grammatik erlerntes Etwa ein Jahr später gab der Vater nach einem Brande, dev ihn heimgesucht hatte, sein Handelsgeschäft auf und kaufte einengrößeren Bauernhof in Vätby bei Kopenhagen, der zürn größten' Teil von der persönlichen Arbeit der Familie betrieben werden mußte. -Täglich fuhr ein Wagen mit Milch und Sahne nach Kopenhagen, und die außerordentlich feine Butter gelangte so-' gar aus die Tafel des Königs und einiger der fremden Diplomaten. Allein dieser Umsatz war weder sonderlich einträglich,-' noch war der Hof groß genug, um „eine Familie außerhalb - des Bauernstandes" in aller Dürftigkeit ernähren zu können: nachdem er den Hof drei Jahre lang besessen - hatte, verkaufte er denselben und legte sich dann auf Kornausfuhr undden Handel mit Häuten und Fellen. Als seine Mutter gestorben war, erbte er soviel, daß er eine Brauerei und Brennerei in Nästved erwerben konnte, wo-' hin er im Jahre 1833 verzog; aber zuvor wurde sein Sohn,; der. während einiger Jahre das Schouboesche Institut besucht - hatte, in die von Westen-Schule gesetzt, die damals von den ' Professoren Borgen und Nilssen geleitet wurde und tut Rufe der allerbesten Unterrichtsänstält der Hauptstadt stand. In einem. Alter von vierzehn Jahren hatte Goldschmidt ' daher bereits ein sehr wechselvvlles Dasein geführt, bald in einer Provinzialstadt mit offenem Horizont und Spielplätzen, bald in der vierten . Etage einer engen Straße Kopenhagens, zu einer Zeit in ländlicher Umgebung mit Frühlingsahnung und Herbstarbeit, Viehbestand und Meiereibetrieb als - Gegenständen für die Gedanken des täglichen Lebens, zu anderer Zeit umsponnen von geschäftlichen Spekulationen und Handelsinteressen. Er hätte an den: christlichen Religionsunterricht . l) Roeskilde ist direkte Uebersetzung von „Quelle des Riesen No", im.Deutschen in „Rothschild".korrumpiert.. I der Schule teilgenommen, und in einem orthodoxen jüdischen! Hause den ganzen äußern Ritus kennen gelernt, ohne.'dessen i innere Bedeutung erklärt zu bekommen, gerade ebenso wie er! hebräisch lesen gelernt hatte, ohne den Sinn der Worte zu verj stehen; er hatte seine skeptischen Anfechtungen gehabt-, fühlte ' aber auch extatische Augenblicke, wo er einen sublimen Inhalt in das Ceremonielle hinein dichtete; so, als der Judenhaß ihn traf, mischte sich in ihm mit. der Demut eines Wehrlosen ein heimlicher Stolz darüber, daß er dem auserwählten Volke angehörte, aber auch ein Gewimmel von leidenschaftlichen rachsüchtigen Gedanken, die die milderen und reineren Phantasier: durchblitzten, in welchen sein lebhafter Geist sich tummelte. In der neuen Schule kam jedoch bald mehr Zucht und Ordnung in seine Gedanken wie in sein Gefühlsleben; seine Gaben gelangten zur regelrechten Verwendung, und mit brennendem Ehrgeiz strebte er dahin, sich selbst und seine Familie dadurch auszuzeichnen, Nummer Eins in jedem Wettstreit zu werden, wobei er gleichzeitig „von dem ihn lebhaft beschäftigenden, zündenden konfessionslosen Frieden erquickt wurde, den das Gemüt in der Schule fand." In das Konfessionslose kam jedoch ein Bruch in der obersten Klasse der Schule, wo P. Roerdam, der spätere Prediger im Flecken Lungby-bei Kopenhagen, den Religionsunterricht mehr als eine Einübung des Christentums denn als Lehrfach leitete. Er wollte mit diesem Blick auf die Sache Goldschmidt im Lehrbuch nicht examinieren, sondern nur in der Bibelgeschichte, während er ihn doch als Zuhörer bei der Exegese anwesend sein ließ; manch ein schweigender Protest, manch ein beschämendes Gefühl, außerhalb der Gemeinde und der Gesellschaft zu stehen, rührte sich bei Goldschmidt während dieser Stunden um so stärker, als er die Persönlichkeit seines Lehrers in hohem Grade bewunderte. Und beim Abitnrientenexamen in: Jahre 1836 erwies sich diese Ordnung der Dinge als schicksälsschwanger. Goldschmidt hatte am Tage zuvor acht Prae und drei Land, er sollte nun zur letzten Prüfung, also reichlich zur Auszeichnung ausgerüstet, gehen. Das letzte Fach war Religion, und der Prediger H. N. Clausen, der später in: Jahre 1848 eine große politische Rolle spielte, stellte ihn: eine Frage aus den: Lehrbuch. Auf Goldschmidts Bemerkung, daß er Jude sei, nahm Clausen keine Rücksicht. Der Examinand wurde verwirrt, beantwortete zögernd die folgende bibelhistorische Frage und bekam Laud. Dadurch war sein Prae vernichtet und, was mehr war, seine Lust, die akademischen Studien fortzusetzen, gebrochen. Er machte Wohl das zweite Examen, begann aber im Oktober 1837, achtzehn Jahre alt, die Herausgabe des „Nästved-Wochenblatt oder Prästö-Amts-Zeitung", die in Kopenhagen geschrieben und gedruckt wurde und vom Neujahr 1839 ab dort unter den: Namen „Die Seelands-Post oder Nästveds und Kalunbvrgs Wochenblatt" erschien. Aus dieser Tätigkeit entstand ein Prozeß, der Goldschmidt eine Geldstrafe und ein Jahr Zensur einbrachte, worauf er das Blatt beim Jahreswechsel 1840 für eine Summe von zweihundert Riksbanktaler r) verkaufte, und mit dieser kleinen Summe gründete er das weitberühnrte KopenHagener.Wochenblatt „Der Korsar", dessen erste Nurnmer an: 8. Oktober 1840 erschien. Den: Justizrat Reiersen,. den: königlichen Zensor, dem alles Gedruckte vorgelegt werden mußte, gestand Goldschmidt sofort, „daß er mit dem Korsaren zu tun haben würde", und es war bald ein öffentliches Geheimnis, daß er dessen Redakteur und der Verfasser fast des ganzen Inhalts sei, aber offiziell wurde die Verantwortung den: Gesetz gegenüber von gemieteten i) 450 Mark.

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