Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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MWM ü - 31 - Line ungerechtkertigtr Mndlsgr gegen Gesetz. Von Professor D. Simonsen. n dem vor kurzer Zeit erschienenen Werke des Herrn Klausrabbiner Eduard Duckeß „ Jwwöh lemoschaw“ (Altona 1903) findet sich ein Angriff auf meinen Lehrer Professor H. Graetz, den ich als gänzlich ungerechtfertigt zurückweisen muß. Herr Dnkeß bespricht ausführlich den Streit über das Auftreten des R. Jonathan Eybeschütz, den Versuch, den Graetz gemacht hat, den Sabbathianismus des Erwähnten nachzuweisen, sowie den Versuch, den andere, welchen Duckeß zustimmt, gemacht haben, R. Jonathan von dem Verdacht loszusprechen. Duckeß bespricht auch das Dokument, das Graetz in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1877, S. 17 ff. abgedruckt hat, in dem bekanntlich R. Jecheskel Landau sich sehr scharf gegen R. Jonathan ausspricht. Das Schriftstück befindet sich in dem Archiv der jüdischen Gemeinde in Prag. Und nun wagt Herr Duckeß a. a. O., deutsche Abteilung, pag, XXII. (angeblich auf eine Mitteilung des Herrn Oberräbbiners M. Hirsch in Hamburg, früher in Prag, sich stützend) zu behaupten, daß Graetz eine Fälschung dieses Aktenstückes begangen habe. Sein Gewährsmann habe (etwa 1880) in Prag das Aktenstück untersucht und „sofort sah Rabbiner Hirsch, und stellte es auch in Gegenwart einiger Herren fest, daß dieses Aktenstück ohne irgend eine Unterschrift war"?) Daß dies unmöglich richtig sein könne, da Graetz ja bei dein betreffenden Abdruck die Unterschrift ausdrücklich mitteilt, stand mir sogleich fest. Ich wollte mir aber, soweit als möglich, volle Klarheit verschaffen und wandte mich deshalb an Herrn Dr. Arnold Rosenbacher, Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Prag. Dieser Herr hatte die Güte, mir folgende Mitteilung zu machen und mich zugleich zu ermächtigen, mit Nennung seines Namens von seinem Briefe jeden beliebigen Gebrauch zu machen. Er schreibt wörtlich: „Es ist unrichtig, daß das Gesuch N. Ezechiel Landaus an Maria Theresia gegen R. Jonathan Eybeschütz, dessen Abschrift ich selbst an den seligen Professor Graetz einsandte, keine Unterschrift trage. Es trägt die wohlbekannte Unterschrift des N. Ezechiel Landau, welche aber nachträglich durchstrichen ist. Meiner Ansicht nach kann diese Durchstreichung aus einem doppelten Grunde erfolgt sein; entweder ist das Gesuch im Originale an die Kaiserin abgegangen und mit der Erledigung zurückgelangt, und dann die Unterschrift durchstrichen worden, oder es wurde eine Abschrift nach Wien gesandt und das Gesuch als Konzept zurückbehalten und deshalb die Unterschrift durchftrichen. Ich habe seither aus alten Akten der Gemeinde auch den Anlaß dieses Gesuches eruiert. Aus einem an die jüdische Gemeinde gelangten Erlasse der Hofkanzlei ist ersichtlich, daß die dänische Regierung sich für R. Jonathan Eybeschütz bei der Kaiserin verwendet hat, daß ihm die Rückkehr nach den österreichischen Erblanden gestattet werden möge, und daß die jüdische Gemeinde um ein Gutachten in dieser Hinsicht angegangen wurde. Kurze Zeit darauf ist die Eingabe von R. Ezechiel Landau erfolgt. — Faktmu ist ferner,- daß dem Gesuche der dänischen Regierung nicht stattgegeben und die Landesverweisung von R. Jonathan ausrecht erhalten wurde." h In der hebräischen Abteilung, S. 41, läßt er seinen Gewährsmann sich etwas anders ansdrücken, nämlich: •nn anssn nnn 'n ann ivxr onn ans Gleich darauf folgt dann etwas zweifelnd: irn1’ 1^28 N2N1 •'■bi roSana nsn irpa mim mn bpa Es ist dennoch keineswegs erlaubt zu sagen, daß das Schriftstück nicht die oft erwähnte Unterschrift trage. Die Unterschrift steht noch da, nur daß sie aus irgend einem Grunde, den man wohl nie mit Bestimmtheit wird angeben können, jetzt dürchstrichen ist. Graetz hat, wie aus der Mitteilung des Herrn Dr. Rosenbacher zu ersehen ist, nicht das Aktenstück selbst, sondern nur eine Abschrift vor Augen gehabt. Die Frage aber, ob R. Jonathan wirklich in seinem Herzen dem Sabbathianismus hingegeben war oder nicht, will ich hier nicht von neuem aufrollen und nur ganz im Vorübergehen bemerken, daß sich vielleicht für die. Behauptung Graetzens mehreres anführen läßt, was Graetz übersehen hat. Ich möchte aber nur, da Herr Duckeß weiter sagt, daß keine Macht der Welt den R. Jecheskel Landau bewogen hätte, eine Trauerrede voll des Lobes über R. Jonathan zu halten, wenn jenes Schriftstück seinen Intentionen entspreche, doch'noch hinzufügen, daß jene Trauerrede die Zuhörer nicht befriedigte. G. Klemperer teilt in seiner Biographie des von ihm sehr verehrten R. Jonathan (S. 136) mit, daß eine Celebrität dem Redner zugerufen habe: „Rabbi! Ihr müsset schärfer sprechen und nicht vergessen, was R. Jonathan ist gewesen." Also so voll des Lobes wird jene Rede nicht gewesen fein. Duckeß scheint auch eine andere Prager Tradition, die Klenrperer ebenfalls (S. 137) mitteilt, übersehen zu haben, wonach R. Jecheskel Landau ausdrücklich R. Jonathan für einen „Schebs" erklärt habe, Daß diese Prager Traditionen nicht ganz zu verwerfen sind, könnte .man vielleicht ebenfalls aus dem oft erwähnten Werke Klemperers schließen, wo S. 122 ähnliches als Tradition mitgeteilt wird, was wir jetzt aus dem von Graetz veröffentlichten Aktenstücke wissen. Man mag über R. Jonathan schreiben, so viel man will, «pmn mag es versuchen, jüdische Geschichte besser zu schreiben, als Graetz es vermocht hat, — wenn man es kann; — es ist aber jedem Schriftsteller durchaus unerlaubt, sich durch feine Vorliebe für einen großen Tätmudisten so weit bringen zu lassen, daß man dem größten neuzeitlichen Geschichtsschreiber des Judentums eine grundlose Anklage der Dokumentenfälschung entgegenschleudert. Mryer Jftmn Goldlchmidt. Von Emil Jonas. jt ls Meyer Goldschmidt vor nunmehr zwanzig Jahren zu Grabe getragen wurde, folgte ihm das dänische Volk mit dankbarer Teilnahme, denn obgleich er während feinere letzten Lebensjahre ziemlich zurückgezogen gelebt hatte, seine literarische Wirksamkeit war von demselben nicht vergessen worden — fein Name war hu ganzen Lande bekannt und geehrt. Ja, er war einer der besten Männer in Dänemark, und das Volk, das ihm schon seit langen Jahren seine Bewunderung geschenkt hatte, wird ihm stets unter den dänischen Dichtern und Patrioten die größte Hingebung bewahren, weil eben Goldfchmidt ihm um meisten von allen geschenkt hat. Meyer Go.ldschmidt stammte aus jüdischem Geschlecht, aus „Levis Stamm", wie er in der ersten Zeile feiner Lebenserinnerungen bemerkt. Schon der Großvater feines Großvaters väterlicherseits war aus Hamburg eingewandert und bekam im Jahre. 1784 den königlichen Schutzbries, sich in Kopenhagen niederlasfen zu dürfen; hier soll Goldfchmidts Großvater ein wohlhabender Mann, seine Großmutter eine resolute und entschiedene Frau gewesen fein, die es verstand.