Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 des Polizeimeisters, seines Gehilfen und den Beamten der jüdischen Abteilung - unserer Munzipalität die Wahl des Stadt> rabüiners ^und dessen Gehilfen statt. Bemerkt muß werden, daß dieses Mal die Wahlen, laut einer kaiserlichen Verordnung, nicht von der ganzen Gemeinde, sondern von Delegierten derselben vorgenommen wurden. Zu diesem Zwecke wählte die hiesige Gemeinde 550 Delegierte. Erschienen waren zu dieser Wahl 524 Personen. Nachdem der übliche Eid abgenommen wurde, seitens des provisorischen Rabbiners Dr. Kreps (unter Assistenz seines Gehilfen Tschernowitz),' welcher als Räbbinatsstellvertreter feit dem Tode des seligen Dr. Pomeranz von der Behörde dazu designiert, wirkte, wurde beschlossen, statt zwei Gehilfen drei zu wählen. Als Kandidaten für das Stadtrabbinat traten ans: Dr. Kreps, der Elisabetgrader Rabbiner Ingenieur Temkin, der Libauer Rabbiner Dr. Kantor, der Jekäterinoslawer Rabbiner Dr. Lewin, und ein gewisser Dr. Rotstein aus Jerusalem. Dr. Kreps erhielt 202 weiße und 322 schwarze Kugeln; Dr. Kantor 261 weiße und 251 schwarze; Dr. Lewin 235 weiße und 258 schwarze; Dr. Rotstein 47 weiße und 474 schwarze, und W. I. Temkin 314 weiße und 209 schwarze Kugeln. Folglich ist letzterer zuni Odessaer Stadtrabbiner für drei Jahre gewählt! Als Gehilfen wurden gewählt: der bis jetztamtierende RabbiNatsgehilse Tschernowitz und zwar mit 363 gegen 161; der gelehrte S. S. Pen mit 343 gegen 182, und endlich Dr. nred. Awinowizky mit 429 gegen 93 Stimmen. Temkin sowohl, als Dr. Awinowizky sind Zionisten. — Sie können sich kaum einen Begriff davon machen, wie sehr die Rabbinerwahl die gesamte hiesige Gemeinde beschäftigt hat. Gottlob! dieselbe ist nun zu Ende, und hoffen wir mit Zuversicht, daß. der neue Rabbiner in den Fußstapfen seines großen Vorgängers, unseres unvergeßlichen Dr. Schwabacher s. A., wandeln wird. Arbeit aus alten Gebieten in unserer intelligenten und wohltätigen Gemeinde gibt es in Hülle und Fülle. — ' In den hiesigen Zeitungen finden wir folgende interessante Notiz, die bei den biedern Antisemiten — aller Wahrscheinlichkeit nach — böses Blut machen wird. Dieselbe läutet wie folgt: „Am 16./29. November fand im Kommando der Soldaten der Hauptartillerieverwaltung eine bescheidene Jubiläumsfeier eines der.ältesten dienenden Soldaten statt: es waren 50 Jahre des wirklichen. Dien st es der ersten Abteilung, des Unteroffiziers Leiser Boljschemenikow verstrichen, der jetzt den Posten als Magazin aufseher bekleidet. Derselbe ist jetzt achtundsechzig Jahre alt. Er trat im 18.'Lebensjahre in Dienst, und im Laufe von fünfzig Jahren in der wirklichen Front, in der Pulverkammer und in der Hauptartillerieverwältung erhielt er alle für die Soldaten ausgesetzten Auszeichnungen, einschließlich der großen goldenen Medaille auf dem Andreasbande. Geboren wurde der würdige, brave Jubilar in der Stadt Tschausy im Mohilewer Gouvernement. Jetzt, bei Gelegenheit seines 50jährigen M i l i t ä r j u b i l ä u m s, erhielt er infolge eines Befehles des Kriegsministers 100 Rubel als Belohnung." — Und nach einem solchen seltenen Beispiele von Treue und Hingebung für Kaiser und Reich, wagen unsere „biedern" Freunde,' dieberüchtigten Antisemiten, zu behaupten, daß die Juden feige find, und sich dein Militärdienste zu ententziehen suchen! In der letzten Nummer des „Woschod" befinden sich die Memoiren des verabschiedeten jüdischen Offiziers, des Kapitäns - Hev-z I ankelew Zam in Tomsk, und behalten wir un's vor, in einem unserer nächsten Briese darauf zurückzükommen. — In Petersburg fand am 7./20. v. M. das Leichenbegängnis eines der sympathischsten Vertreter' der dortigen jüdischen Gemeinde, des bescheidenen und unermüdlich wirkenden L e o n N a u m o w i t s ch K a h ä n, statt.' Als einfacher Kaufmann I ragte er aus seinem Kreise durch seine Anhänglichkeit für j Gemeindeinteressen und unveränderliche Bereitwilligkeit hervor;! er war stets bereit, jede gute und nützliche Tat zü fördern, j Gegenüber dem allgemeinen Jndifferentismus, der besonders! in der Residenz in Angelegenheiten der Synagoge und der j Gemeinde zu bemerken ist, lieh er mit seltener, Liebe seine Zeit! und seine Kräfte der Fürsorge für diese Institute. Zuerst in- | seiner Eigenschaft als Vorsteher der Synagoge und später als Mitglied der Verwaltung, drang er in alle Details der Synagogenangelegenheiten, Gemeindeeinrichtungen, Wohltätigkeit und Organisation ein, kümmerte'er sich um die Ordnung jenes „Ortes der ewigen Ruhe", wohin man jetzt seine vergänglichen Reste getragen. Die hinter seinem Sarge schreitende Schar von Zöglingen erinnerte an jene Anstatt, die dem Herzen des Verewigten so nahe stand. Im Laufe vieler Jahre war er Mitglied und Schatzmeister der Fürsorgekommission der Petersburger Schule der „Gesellschaft zur Verbreitung der, j Bildung unter den Juden." Die Schule sicher zu stellen, ihre j Mittel zn vergrößern, die materielle Lage der Lehrer zu ver- ■ bessern — das war das Sinnen und Trachten des viel zu j früh Dähingeschiedenen, und solange seine Gesundheit es ihm j erlaubte, wirkte niemand soviel für diesen Zweck als nament-! lich er. Sein frühzeitiges Hinscheiden ist ein schwerer Schlag für die Gemeindeschule. Friede seiner Asche, Ehre seinem Andenken! -- In allen jüdischen l a n d w i r t s ch a s t l i ch e n Kolonien des Cherson er Gouvernements wurden neue Schulgebäude errichtet. Dieselben wurden von einer.Kommission,! bestehend aus dem Chef der Staatsdomänen Geheimrat Somow, dem Kurator der Kolonie Herrn Stein, dem Beamten des Ministers der Landwirtschaft Hofrat W. A. Bertenson und zwei Architekten, übernommen. — In Ardatow, Nijnowgoroder Gouvernement, hob auf Antrag des Sanitätsinspektors die Landschaftsversammtnng bei geheimer Abstimnmng den Beschluß der Versammlung des Jahres 1887, das Verbot der Dienstaufnahme der Aerzte jüdischen Glaubens, auf. — Das Ministerium der Volksanfklärung gestattete der Charkower Universität, elf Juden mehr als die bestimmte Norm als Pharmazeuten in der medizinischen Fakultät anfzunehmen. — ‘ Vor kurzem emigrierten über Li bau auf drei Dampfern eine bedeutende Zahl von Juden; ein großer Teil davon ging nach den Vereinigten Staaten; nach Südafrika, wo der Eintritt erschwert ist, ging eine unbedeutende Anzahl von Emigranten. Jur allgemeinen nimmt die Enrigration via Liban immer größere Dinrensionen an. Am 24. o. M. emigrierten aus Libau nach London ungefähr 200 Juden. Von dort begaben sich die Emigranten teilweise nach Nordamerika und Kanada, teils nach Südamerika. Unter den Answandernden waren viele aus Libau und im allgemeinen viele Einwohner aus Kurland. , Mehrere jüdische Familien aus dein Flecken Kantakusinko, Chersoner Gouvernement, gehen in Bälde auf ihre eigenen Unkosten nach Argentinien. Diese Männer beschäftigten sich in ihrer Heimat mit dem Handwerke und mit der Landwirtschaft. Am 23. v. M. verschied in Petersburg, im 61. Jahre seines Lebens der wirkliche Staatsrat Mark Lwowitsch Dillon. Seine Wirksamkeit wurde sehr bemerkbar, als er nach Beendigung der Moskauer Universität und nach kurzem Dienste im Senat 1874 zum Mitglieds des Permer und dann des Kasaner Bezirksgerichts ernannt wurde, wo er bis zum Jahre 1896 (als der einzige jüdische'Richter in Rußland) verblieb. Im selben Jahre wurde er als Rechtsanwalt im Bezirk des Petersburger Gerichtshofes ausgenommen, der erste Fall,