Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
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Wörtlichkeit, die wir zusanunen rnit den übrigen Signatarmächten für die gute Regierung der Balkanstaaten gemäß dem-Berliner Traktate tragen. Ich möchte in Ihren Spalten die Balkan-Komitees erinnern, daß es noch andere Klauseln in diesem Traktate gibt, die' man'ins Gedächtnis der interessierten Mächte und Staaten znrückrnfen müßte. Die Behandlung der christlichen Untertanen in Mazedonien ist gräßlich, wie steht es aber mit ' der Behandlung der jüdischer! Untertanen seitens der Rumänen? Die Mächte blieben indifferent, als Rumänien in den Traktat die größten Breschen geschlagen hat; ich sehe aber nicht ein, warunr man dem Sultan etwas vorwerfen sollte, was wir den König Karl ruhig tun lassen. Die rumänischen Juden haben ebenfalls unsere Hilfe nötig, und haben ebenfalls Recht auf nufere Einmischung so gut wie die nrazedonischen Christen." - Und was hier von den rumänischen Juden gesagt wird, gilt in noch höherem Grade für die unglücklichen russischen Juden. Tua res agitur, der zivilisierte Staat hat die Aufgabe, nicht bloß über die Heilighaltung der Sittlichkeits- und Moralgesetze in feinen Gauen zu wachen, sondern überhaupt die .Kultur inmitten der Menschheit zu fördern. Welches Verdienst könnten sich da die Kulturvölker um die Verbesserung der Lage unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland wie -in Rumänien erwerben! Die Stimme, die jenseits des Meeres hinüberdrang, hätte nur in den anderen Staaten widerhallen sollen, dann wäre der Erfolg fürwahr nicht ausgeblieben. Hier ist für alle edlen Menschen ohne Unterschied des Glaubens ein gemeinsames Feld der Tätigkeit. Tua res agitur, möge diese Ueberzeugung einen jeden aneifern, zu dem Kampfe der Humanität gegen Fanatismus und Rassenhaß, gegen Glaubenseifer und Engherzigkeit sein Scherflein beizutragen, — o welch' ein glänzender Sieg wäre es, wenn .weitere Ausschreitungen verhindert würden! Ein einzelner kann hier freilich nichts ausrichten, zusammenschließen mögen sich aber alle wahrhaft freiheitlichen Elemente; der Sieg des Guten ist noch niemals ausgeblieben, und er würde auch hier nicht ausbleiben. Dir Woche. Berlin, 12. Januar, ie Gehässigkeit, mit welcher einzelne konservative und agrarische Blätter neuerdings gegen Juden und Judentum Vorgehen, stellt, selbst die rein-antisemitische Presse, die dadurch zu voller Bedeutungslosigkeit herabsinkt, durchaus in den Schatten. Den Vortritt hat in dieser Richtung die „Kreuzzeitung", die so ihren Traditionen treu bleibt. Sie verteidigt die russischen Ausnahmegesetze, sie sucht das Zentrum für ihren Standpunkt zu gewinnen, sie agitiert jetzt sogar mit Eifer für ein Einwanderungsverbot. So hat sie alle Forderungen der antisemitischen Partei sich zu eigen gemacht. Nun kommt es nur daraus an, ob sie damit mehr Erfolg haben wird als diese, da ja ihr Einfluß leider ein weit größerer ist. Ja, sie geht soweit, offen und ungescheut von „Ausnahmegesetzen" zu sprechen. Daß sie dadurch vorzeitig ihre Karten aufdeckt und die Kreise, denen die Verfassung noch etwas bedeutet, abschreckt, ist der einzige Gewinn bei der Sache. Und auch das Zentrum will nicht soweit gehen; es traut außerdem den Freundschaftsversicherungen des JunkerblatteF nicht sehr, das anläßlich der Klage eines rheinischen Blattes, die Juden gingen immer mit den Liberalen, während sie dein Zentrum soviel zu danken hätten, rund heraus erklärt hatte': „Wir können diesem Urteil solange nicht beistimmen, als daH Zentrum sortfährt, dem Judentum ohne Dank in seiner Weise zu dienen. Auch in diesem Falle läßt es sich von der falschen Auffassung leiten, daß es als Minderheit selbst in die Lage kommen könnte, unter Ausnahmebestillunüngen zu leiden. Es ist aber ausgeschlossen, haß die Katholiken Je mit einem stammessremden,» .nichtchristlichen Element zusammengeworsen werden könnten." - Diese programmatische Erklärung ist jedoch von den Zentrumsblättern sehr kühl aufgenonunen worden. ' Neuerdings will die Kreuzzeitung, wie -wir schon nn der vorigen Woche andeuteten, für ein Einwanderungsverbot Stimumng machen. An einen Erlaß des Reichskanzlers an die deutschen Regierungen, bereits ausgewiesene und politisch nicht einwandfreie Russen in Deutschland nicht zu naturalisieren, knüpft es den Wunsch, daß ein solches Verbot auch für rumänische, galizische, ungarische Juden erlassen werde. Als wenn inan nicht überall wüßte, daß ausländische Juden, auch trenn sie politisch durchaus einwandsfrei und bisher noch nirgends ausgewieseir wurden, nur eben weil sie Juden sind, schon jetzt und seit längerer Zeit nicht oder doch nur sehr selten naturalisiert werden, daß also der Erlaß des Reichskanzlers sich nicht auf die Juden, sondern vielmehr aus die orthodoxen Russen beziehen könne. Aber das alles hindert natürlich nicht, gegen die Juden zu agitieren. * Wie es scheint, hat nunmehr der letzte Abschnitt des seit neun Jahren wie ein Alpdruck aus Frankreich lastenden Dreyfushandels begonnen. Das Höchste Gericht wird ohne Zweifel das Renner Urteil aufheben. Darüber ist alle Welt einig. Weit weniger ist man es darüber, ob das Höchste Gericht die Sache durch eigenes Erkenntnis endgültig aus der Welt schaffen oder sie erst noch vor ein neues Militärgericht verweisen wird. Dreysus selbst bleibt steif und fest dabei, daß seine Kameraden ihm in aller Form die militärische Ehre Nüedergeben müssen, und er verlangt durch seinen Rechtsanwalt Me, Mornard ausdrücklich die Verweisung an ein Militärgericht. Geht das Höchste Gericht auf sein Verlangen ein, so ist dies wieder ein Sprung ins Dunkle. Der neue Osfiziergerichtshos kann sich natürlich in der Linie des Höchsten Gerichts bewegen und Dreysus freisprechen, dann ist alles in Ordnung. Er kann aber nach dem Beispiel seiner beiden Vorgänger unter dem meineidigen Obersten Maurel und unter dem. meineidigen Obersten Jouaust gegen das Höchste Gericht angehen und aus falsch verstandener Kameradschaft, militärischer Gemeinbürgschast und Antisemitismus zu einer neuen Verurteilung gelangen, und das würde unabsehbare Verwicklungen ergeben. Die Klerikalen würden jubeln, ihre^Gegner wütend auffahren, ein Sturm würde wieder durch das Land gehen, alle freisinnigen Elenrente würden gegen die Einrichtung der Militärgerichte lossahren und sich nicht eher beruhigen, als bis sie sie weggesegt hätten. Daß es da nicht ohne Donner und Blitz abgehen würde, ist klar. Wahrscheinlich wird das Höchste Gericht dies erwägen und ein Urteil vermeiden, das die Schleusen des Unheils nicht schließt, sondern weiter als je öffnet. Danrit aber werden nicht nur Dreysus, sondern auch die besten Parteigänger seiner Sache nicht zufrieden sein, die darauf rechnen, daß die Dreysussache, ehe sie verschwindet, noch die Militärgerichtsbarkeit sprengen wird. $ In Rußland hat man augenblicklich, angesichts der drohenden Kriegsgefahr im Osten,- schwerere Sorgen als die Judenverfolgung. Nichtsdestoweniger zirkulieren in der europäischen Presse nach wie vor die abenteuerlichsten Nachrichten, die wir eigentlich mehr der Kuriosität wegen