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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-15 · Heft 3 (15.1.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 3. Berlin, 15; Januar 1904. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsaiemerstr. 46/49. Diese' Zeitung erscheint w ö chentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav «arxeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/49,5« richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lin Appell SN dir Menschlichkeit. Berlin, 12. Januar. ehr als Vier Millionen Menschen leiden ungerechterweise," so schließt Le'o Errera sein mit größter Sachkenntnis über die -russischen Juden geschriebenes Buch. Wie lehnt sich doch sonst die Menschlichkeit auf, wenn sie nur einen ungerecht leiden sieht! Die öffentliche Meinung Von hüben und drüben ioird in Bewegung gesetzt, gilt es etwa, das nur einem einzelnen zugefügte Unrecht wieder gut zu machen, und hier erfahren wir von einer Seite, die sine ira et stuclio die Frage gepriift hat, die darum als Autorität gelten kann, daß vier Millionen Menschen und noch mehr in tiefstem sozialen und geistigen Elend hinschmachten und ohne baldige Hilfe dem Untergang geweiht sind,, und all dies, weil es nur Juden sind, die ihrer Vergangenheit treu, ihren Glauben nicht wie ein Gewand wechseln wollen. Sonst würde diese Zähigkeit, mit der die meisten Juden Rußlands der Väter Traditionen festhalten, voll Anerkennung als Standhaftigkeit bezeichnet werden, ihnen wird sie zum Stein des Anstoßes. Man mag über die traurigen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen im Osten noch so viel wissen, dieses Wissen steht weit hinter der Wirklichkeit zurück, von der uns in dem genannten Werke ein Bild entrollt wird, — trüb und düster, aber wahr und überzeugend. Es kann die Lektüre dieses Buches allen jenen nicht genug empfohlen werden, die vorurteilslos sich über die Lage der russischen Juden unterrichten wollen. Es wird einem jeden die traurige Gewißheit bringen, daß Rußland einen beträchtlichen Teil seiner Untertanen geradezu der Vernichtung preisgibt. Zur rechten Zeit erschien Erreras Werk, vielleicht daß jetzt, wo wieder einmal mehr als sonst das Auge der Oeffentlichkeit auf die Willkür Rußlands gegen die Inden gerichtet ist, der zivilisierten Welt die Binde von den Augen genommen wird, und sie endlich einsehen lernt: Tua res agitur. Die Farce von ' Gerichtsverhandlung, wie' sie sich in Kischinew jetzt abspielte, hat wohl alles Mögliche getan, um die eigentlichen Schuldner, die intellektuellen Urheber jener Verbrechen, der strafenden Gerechtigkeit zu entziehen. Licht genug ist aber doch rvenigstens in ihrem allerersten Stadium aus den Mauern der Justiz herausgekommen, um vor aller Welt die Wahrheit darzutun. Die wird nach wie vor die Ueberzeugung hegen, daß jene Greuel von langer Hand vorbereitet und überhaupt von gewissenlosen Hetzern angestiftet waren und daß die Behörden nichts, auch gar nichts taten, um den Aufruhr im Keime zu ersticken oder wenigstens zu dämpfen. - Diese Ueberzeugung deckt sich vollends mit dem, was Errera als das Ergebnis seiner Studien gibt. Kischinew ist nicht eine Zufälligkeit, sondern eine einzelne Etappe auf dem durch Herrn Plehwe planmäßig betriebenen Vernichtungsfeldzuge gegen die Juden. Als vor Kurzem die Kunde von neuen für die christlichen Neujahrsseiertage vorbereiteten Krawallen auftauchten, hieß es alsbald, Unterstützung von seiten der Behörden und. des Militärs könnte auch für diese etwa sich wiederholenden Exzesse nicht zugesagt werden. Heißt das nicht geradezu im vorhinein jede Bedrohung der Juden billigen und gutheißen und dann, überhaupt deren Vernichtung anstreben? Sollten da alle jene, denen das Wort „Humanität" nicht leerer Schall ist, müßig dasitzen können? Ist es denn wirklich eine innere Angelegenheit, der russischen Regierung, wenn vier Millionen Menschen ihres" Glaubens wegen zu Tode gehetzt werden? Wenn es nicht etwg Juden wären, würde da nicht sogleich ein Sturm der Entrüstung durch alle Lande und Gaue einherbrausen? Wer würde da nicht von ihm mitergriffen werden? Die ihr in den letzten Wochen den Manen eines unserer großen Dichter schöne Worte und glänzende Reden geweiht, nicht ..besser könntet ihr euch seiner würdig zeigen, von. seinen großen Ideen der Humanität euch beeinflußt erweisen, als wenn ihr die Stimme der Menschlichkeit erhebet und zur Gerechtigkeit mahnet! Ein einziger Volksvertreter, dem wir in seinen sonstigen Anschauungen gewiß nicht unfern Beifall zollen, hat den Mut besessen, jene Schandtaten in Kischinew als das zu bezeichnen, was sie in Wirklichkeit sind. Leider ist ihm von keiner Seite irgend welche Unterstützung geworden. Eine schwache Entschuldigung bleibt die Rücksichtnahme auf die nachbarlich freundschaftlichen Beziehungen. Im Leben wird der wahre und echte Freund dem andern sein aufrichtiges offenherziges Urteil nicht verargen, und auch hier wäre es, ohne der von der Staatsraison gebotenen Rücksichtnahme irgend welchen Schaden zuzufügen, geboten gewesen, feierlich gegen solche Verletzung der höchsten göttlichen und menschlichen Gesetze Protest zu erheben. - Der nationale Egoismus, den das vorige Jahrhundert gar nicht kannte, kann nur von innen heraus, durch die Macht der Kultur und durch die Fürsprache angesehener Männer überwunden werden. Hat doch erst in den letzten Tagender bekannte englische Major W. Evans Gordon in einem Briefe an die „Times" dagegen Protest erhoben, daß man beständig von einem Eintreten für die Christen in Mazedonien, nicht aber für die Juden in Rußland und Rumänien spreche. In diesem Briefe heißt es sehr zutreffend: , „Sie machen auf die schreckliche Lage in Mazedonien aufmerksam, und wenn sie auch nicht direkt England zu einem separaten militärischen Eingreifen auffordern, erinnern ' sie uns an die Berank-

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