Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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. Q/'S Berlin, .1 Januar. Auf Einladung des Herrn James Simoü,'Vorsitzenden des Hilfsvereins der Deutschen Juden,,, hatte sich am 26. v. M. in dessen Privatwohnung eine stattliche Anzahl jüdischer Notabeln eingefunden, um einen Bericht über die bis- - herige Tätigkeit und die Erfolge des Hilfsvereins entgegenzunehmen-. Herr James Simon begrüßte die Erschienenen und berichtete über die propagandistische Tätigkeit des Hilssvereins im abgelaufenen Jahre. Die Organisation des Hilfsvereins hat sich über ganz Deutschland verbreitet. Neue Provinzial- resp. Lokalkomitees sind gegründet worden in: Kattowitz, Gleiwitz, Zabrze, Königshütte, Bochum, Dortmund, Witten, Essen, Leipzig, Wiesbaden rc. Die. Mitgliederzahl des Hilfsvereins ist von 3000 im Jahre 1902 aus rund 4500 gestiegen! Die Jahresbeiträge betragen 40000 Mark. Einen, erfreulichen materiellen Zuwachs hat der Hilfsverein durch das Vermächtnis der verstorbenen Frau Baronin v. Cohn-Oppenheim im Betrage von 300000 M. erfahren, die vor allein für Schulzwecke bestimmt sind. Für Kischinew sind 543 000 Mark gesammelt worden. Der Verein kann seinen großen Aufgaben aber nur dann gerecht werden, wenn sich alle Glaubensgenossen demselben anschließen. Hieraus ergriff Herr Dr. Paul Nathan das Wort, uni in kurzen aber eindrucksvollen Worten ein Bild der Tätigkeit des Hilssvereins zu entwerfeil. Numäiiieu, Galizien., Rußland und die Türkei bilben das hauptsächliche Arbeitsgebiet des Hilfsvereins. In Rumänien ist das graufanle Handwerkergesetz infolge der Entrüstung der öffentlichen Meinung der zivilisierten Welt praktisch nicht zur Durchführung gelangt. In Galizien sind die Hausindustrien eingeführt worden. Eine iiicht kleine Anzahl unserer Glaubensgenossen firiden jetzt einen Lebenserwerb. In Rußland hatte der Hilssverein infolge der blutigen Massakres von Kischinew und Hömel Gelegenheit, eine segensvolle Tätigkeit zu entfalten. Aus Initiative des Hilfsvereins hat in Berlin eine Konferenz sämtlicher jüdischer Organisationen der Welt stattgefunden, auf der die Hilfsorganisation für Kischinew beraten worden ist. Der Hilssverein hat sich ferner angelegen sein lassen, Tatsachenmaterial zu beschaffen, aus Grund dessen es erst möglich geworden ist, der zivilisierten. Welt die Wahrheit über die verübten Scheußlichkeiten mitzuteileu. In der Türkei ist mit der Gründung von Schulen vorgegangen worden. Der Hilfsverein errichtet Schulen in der Warburgschen Kolonie Karcha und Saznla. In Jaffa und Jerusalem sind Kindergärten gegründet worden. Ferner wird im Anschluß an die Lämel-Schule in Jerusalem ein Lehrerseminar errichtet, das dem Mangel an geeigneten Lehrern für den Orient in zweckmäßigster Weise abhelfen soll. Andere interessante Mitteilungen, die Herr Dr. Nathan machte, sind für die Oeffentlichkeit nicht bestimmt. Herr Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel betonte die Notwendigkeit und den Segen von deutschen Schulen für jene unserer Glaubensgenossen im Orient, die bereits Deutsch! wenngleich ein schlechtes Deutsch, den sogenannten Jargon, sprechen. Herr Generalkonsul Engen Landau richtete einen warmen Appell an die-Anwesenden, bei sich bietender Gelegenheit auch durch testamentarische. Zuwendungen den Hilssverein in späterer. Zeit zu fördern. Herr Geheimrat Professor Senator dankte namens der Anwesenden in bewegten Worten dem Vorstande für seine unermüdliche, erfolggekrönte Tätigkeit zu Gunsten unserer bedrängten Glaubensgenossen. 0/^ Berlin, 4. Januar. Die Reichsregiernng hat angesichts der Zunahme der E h es ch l i e ß n n g elt r n s si s ch e r U n t e r t a n e n i n Deutschland beim russischen Ministerium des Innern ungefragt, welche Dokumente erforderlich seien, um solche Ehen auch in Rußland rechtsgültig erscheinen zu lassen. Daraufhin gab die russische Behörde folgenden Bescheid: Lediglich standesamtlich geschlossene Ehen sind in Rußland ungültig, natürlich nur soweit russische Untertanen dabei in Frage kommen. Die kirchliche Einsegnung hat in der gemeinsamere Konfession der Eheleute nach dem Ritus ihrer Kirche zu geschehen. Mischehen werden nur unter besonderen Voraussetzungen, nach rechtzeitiger Meldung bei der russischen Behörde anerkannt. In allen anderen Fallen genügt eine Bescheinigung über das Nichtvorhandensein gesetzlicher Ehehindernisse. Jeder Russe, der iur Auslande eine Ehe eingeht, ist verpflichtet, vor: dern Religionsbekenntnis seiner Frarr der Heimatsbehörde Mitteilung zu macherr — natürlich, damit dieselbe, wofern sie Jüdin ist, von den dortigen Behörden chikaniert oder auch gar nicht zugelassen wird. '22 Berlin, 3. Januar: Wie wir seinerzeit mitgeteilt, hat ein sonst unbekannter Herr W. W. Lewisohn im Namen einer ebenso unbekannten „jüdischen Auswanderungsgesellschaft in Berlin" hunderttausend junge russisch-jüdische Arbeiter zu zwei Pfund monatlich, mit einem Vertrag auf fünf Jahre dem Minen-Departement von Südafrika offeriert. Die dortigen Juden mißbilligen den Plan, da sie fürchten, daß diese Offerte den Antisemitismus einführen wird,- weil die angebotenen Löhne niedriger sind als die, welche selbst die Kaffern bekommen. Die Minenkammer hat die Offerte aber glücklicherweise abgelehnt, wie aus folgendem Bescheid derselben an Herrn Max Langermann in Transvaal hervorgeht: „In Beantwortung ihrer Anfrage an den Obmann der Handelskammer bin ich.beauftragt, Sie zu benachrichtigen, daß die Kammer einen Brief von Mr. W. W. Lewisor: einschließend eine Offerte von 100 000 russischen Juden für die Arbeit in den Bergwerken erhalten hat. Die Kammer will jedoch die Offerte nicht annehmen. Während d.es letzten Jahres wurden verschiedene Angebote ungelernter weißer Arbeiter uns vorgelegt, aber in allen diesen Fällen folgte die Kammer ihrer Politik, die in den Reden der gestrigen Sitzung zu Tage trat, und zwar: Die Kammer ist gegen die Einfuhr ungelernter europäischer Arbeiter zu Löhnen, die ihre Existenz als zivilisierte Mitglieder der Gemeinde nicht ermöglichen würden." Auch i>:e Alliance Israelite universelle schreibt uns: „Ein gewisser H. Lev in so hu aus Berlin hat neulich in Hamburg, die Herren Wörmanu, bekannte Schiffsreeder in dieser Stadt, aufgesucht und denselben mitgeteilt, daß er von i>et* Alliance Israelite Universelle beauftragt sei, sich nach dem billigsten Passagepreise nach Südafrika zu erkundigen, da diese Gesellschaft beabsichtige, in diesem Jahre ea. 10000 russische Inden nach Südafrika zu schicken. Der Alliance ist dieser H. Levinsohu völlig unbekannt und die Gesellschaft hat sich nie mit diesem Entwürfe befaßt." --- Samter, 3. Januar. Am 19. v. M. feierte die hiesige jüdische Gemeinde ein überaus wohlgelnngenes Fest anläßlich des fünfjährigen Bestehens ihres nach dem Synagogenbrand von 1851 neuerbauten Tempels. Vormittags fand in der mit Gnirländen und Topfgewächsen sinnig ansgeschmückten Synagoge, die dank den Bemühungen des Gemeinderabbiners und zahlreicher Spenden von nah und fern durch zwei prachtvolle Zirtülationsöfen zum erstenmal erwärmt war, eine sehr zahlreich besuchte Festandacht statt, die namentlich durch die Gesänge des vom Kantor Gold trefflich geleiteten Knabenchors, sowie durch die tiefergreifende und formvollendete Festpredigt des Rabbiners Dr. Wreschner einen sehr erhebenden und würdigen. Verlauf nahm. Abends vereinigte sich auf Einladung des Vorstandes fast die ganze Gemeinde zu einen: gemütlichen Beisammensein iur Saale der Gielda. Dem schwungvoll vorgetragenen Prolog der Lehrerin Fräulein Perlitz folgte ein mit lebhaftem Beifall aufgencnnmenes Festspiel, darauf der recht drastisch wirkende und vorzüglich gespielte Einakter „Ihr Ronianheld", woran sich ein recht gemütliches Tanzvergnügen anschloß, das die Teilnehmer bei fröhlichster Stiuunung bis zum Nahen der Morgenstunde znsammenhielt. Um das Arrangement des Gemeindevergnügens hat sich außer dem Vorsteher M.Kollenscher nebst dem Komitee besonders Frau H. Gorzelancyk bemüht. — Quedlinburg, 3. Januar. Die Stadtverordnetenversammlung hat in der Sitzung vorn 15. v. M. beschlossen, das Schächter: von so viel Vieh zu gestatten, als zur Fleischbersorgung der jüdischen Familien nötig ist. Vorgeschlagen ist: monatlich acht Ochser: oder Rinder und zehn Kälber, wem: ein Stück tresah wird, darf ein anderes geschächtet werden. Die israelitische Kultusgemeinde sollte iur Einvernehmerr mit der Schlachthofverwaltung Einrichtung treffen, daß das Wersen der Tiere ohne Quälerei vor sich geht. Weitere Schächtnngen, welche über den Bedarf hinansgehen, sollen untersagt werden. 0. Hannover, 3. Januar. Der Vorstand der Synagogengemeinde hat es rrach langem Bemühen endlich bei dem Magistrat und der: Vorgesetzten Schirlbehörden durchgesetzt, daß zu Beginn des Schuljahres 1904/05 der jüdische Religionsunterricht au sämtlichen städtischen h öhererr Knabenanftalten eingesührt wird Der Unterricht wird irr je zwei wöchentlicher: Stunden gegeben in derselben Zeit, irr welcher der katholische Religionsunterricht stattfindet. Die Direktorerr führen die altgenreine Aufsicht in Bezug auf Ordnung und Disziplin. Das Zeugnis in der Religion wird in die Quartals-