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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-08 · Heft 2 (8.1.1904) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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Sederabend! - Wenn den Juden alles genommen und ihnen nur der Seder. gelassen würde, wahrlich, dieser würde genügen, um die jüdische Familie in ihrem Zusammenhang zn hatten und zu kräftigen." Heinrich sagte nachdenklich: „Schade, daß ich so. gär nichts von unserer Religion kenne. Onkel Bär ist zu früh gestorben." Die Mutter warf ihm einen unwilligen Blick zu. „Du brauchst nicht sentimental zu werden; die alten Leute stehen eben aus einem anderen Standpunkt, den man gerade nicht modern nennen kann." Frau Meyer schlängelte etwas mit der Nase und bemerkte spitz: „Erlauben Sie, mein Mann gehört noch nicht zu den alten Leuten, es gibt noch viel' jüngere, die ihre Religion nicht mißachten." Frau Berger hüllte sich in eisiges Schweigen. Der Maler Küppers aber umchte einen Vorschlag, der von seinem guten Herzen zeugte und alle wieder versöhnte. „Wir wollen unsere Sentimentalität ins Praktische übersetzen, womit auch Herr. Metzer zufrieden sein wird. Wir kaufen unten Süßigkeiten und verteilen sie unter die jüdischen und christlichen Waisenhausinsassen." - Es war der erste Weihnachtstag. Der Riesenpalast der Vier Jahreszeiten lag wie ausgestorben da, er war heute geschlossen. Familie Berger saß beim Frühstück behaglich zusammen. Der Hausherr genoß mit Vergnügen den arbeitslosen Vormittag. Er blickte in die wirbelnden Schneeflocken, die draußen ihr Spiel trieben, und zündete sich eine Zigarre an. Seine Gattin, die ziemlich abgespannt aussah, blickte aus die Uhr imd sagte seufzend: „Lieber Mann, ich muß Dich leider bald verlassen. Ich werde Toilette machen, der Maler Küppers bat uns, sein Atelier zu besichtigen und erwartet uns heute." Eine Unnmtswolke überflog das Gesicht ihres Mannes. und bei denen unsere Tochter eine einfache Frau Kohn oder Jtzig wäre, allenfalls mit dem Doktortitet vor dem Namen.. ' Wir Judenfrauen sind ja alle nichts anderes." Er erwiderte sarkastisch: „Ich glaube, Du hast Dich als einfache Judeufrau nicht zu beklagen, besonders wenn Du'Dich erinnern willst, daß Deine Eltern den Bauern einen Schnaps für fünf Pfennige l'inschänkten." Sie überhörte diesen Einwurs. „Ich verlange nicht, daß Erna eiuen Juden heiratet. Ein Gatte unseres Glaubens kann ihr niemals eine Stellung geben, und die moderne Erziehung hat in ihr eine gewisse Abneigung gegen das alttestamentarische groß gezogen. Lieber Mann," fuhr sie eindringlich fort, „alle unsere Glailbensgenossen bleiben Juden, heiraten jüdisch nur so lange, bis sie einen gewissen Grad des Reichtums erlangt. Sobald sie diesen erworben, werfen sie den veralteten Glauben, der ihnen schon längst zur Last geworden, über Bord- und treten nun erst in die Kulturwelt ein. Sollte unsere schöne, geistreiche Erna nicht der vornehmsten Stellung zur Zierde gereichen?" Er antwortete nachdenklich: „Im Prinzip bin ich nicht gegen eine Heirat mit einem Ehristen, obgleich das Kind uns dadurch entfremdet werden, könnte. Da ich selbst meine Religion niemals wechsele, wäre ich doch glücklicher mit einem jüdischen Schwiegersohn, und ich bitte Dich dringend, Erna nicht nach der anderen Seite hin zu beeinflussen. Es ist doch ein gewagtes Spiel mit dem Glück. Oder hat das Kind schon sein Ideal?" „Keineswegs, sie. ist mit ihren neunzehn Jahren noch ganz kindlich. Eben weil ihr so viel gehuldigt wird, spottet sie aller Verehrer, aber der-Rechte wird schon kommen." Er furchte seine Stirn. „Behüte Deine Tochter, damit sie nicht das Opfer einer! »Spekulation wird. Ich kann meinen Sohn leiten, aber ein! Mädchen kann nur von seiner Mutter, ihrer Vertrauten, be- „Liebe Jda, willst Du Dich nicht einmal einen halben Tag ausruhen?" „Es ermüdet mich nicht, wenn ich mit den Kindern das Atelier eines befreundeten Künstlers besuche, außerdem sind wir unserer Stellung schuldig, unser Interesse für die Kunst durch die Tat zu beweisen." „Es geht unbedingt das vor, was wir unserer Familie schuldig sind. Wenn Du müde und abgespannt bist, so ruhe Dich aus imd laß die Kunst mit den Künstlern zum Kuckuck gehen. In der Gesellschaft hältst Dil Dich künstlich aufrecht, und iin Hause, in der Familie bist Du total erschöpft; dadurch sündigst Du an Mann ilnd Kindern. Ist denn alles vergessen, was Doktor Weil Dir vorausgesagt?" Beim Beginn der Auseinandersetzung hatten die Kinder das Zimmer verlassen. „Komm, Erna," sagte Heinrich, sie umfassend, „wir wollen Miisik nlachen." Sie schleuderten ins Musikzimmer, Erna setzte sich ans , Klavier, Heinrich nahm seine Violine, und bald ertönten die; herrlichen Klänge der Veethovenh'chen ersten Violinsonate durch den Raum. Als Herr Berger geendet, erhob sich seine Frau und sagte, dorthin deutend, woher die Musik ertönte: „Für diese opfere ich mich. Unsere Tochter soll vornehm heiraten, dann ist nnserm Sohn der Weg gebahnt." ^„Unsere Tochter ist so umworben, daß wir diese Mittelchen ' entbehren können." . „Das gebe ich zu^-wenn ich nur an die jüdischen Kaufleute und wenigen-studierten Herren denke, die bei uns verkehren, schirmt und behütet werden." , Kapitel lo. Doktor Weil war Vertrauensarzt der Versicherungsgesellschaft des Inspektor Meyer lind deshalb mit diesem gut bekannt Mittags fand er eine Einladung aus seinem Schreibtische, er inöchte an der Verlobungsfeier des Fräulein Selma Meyer mit Herrn Max Jonassohn an: Sylvesterabend teilnehmen. Er brummte: „Das kann Meyer wirklich.mit Pauken uub Trompeten feiern, wenn er die Vogelscheuche los wird. Wer aber ist der Mutige, der diese Schwiegermuster nicht fürchtet?" Er erinnerte sich des Herrn Jonassohn als eines Jünglings mit wenig Ausdruck, Inhaber eines Herrenkteidermagazins. Er seufzte. „Schon des Alten wegen muß. ich hingehen. Vielleicht kommt sie auch hin." Er tief im Zimmer auf und ab: „Ich muß ein Ende machen. Das kleine Mädchen macht mich sonst ganz toll. Hätte sie doch nicht so viel Geld! So halten sie es alle für Spekulation. Ach was, ich bin Doktor Weil und kenne meinen Wert." Heinrich, der mit der ganzen Familie eingeladen war, -freute sich sehr auf das Fest. „Lieber Vater, dort sind auch jedenfalls die alten Herren, Eure Freunde. Dann lenke das Gespräch bitte auf die früheren Zeiten, ich höre so gerne davon reden, besonders wenn die Jargonwitze dazwischen kommen." Sein Vater lächelte und versprach es, die Mutter aber seufzte bekümmert über die plebejischen Neigungen des Jungen.

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