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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-08 · Heft 2 (8.1.1904) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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lachten sich ins Fäustchen ob ihrer Schlauheit, stiegen sacht vom Pferde und warteten, bis die Dunkelheit ganz hereingebrochen war. Dann nahmen sie hundert Pferde und gefestigten auf, ihrem Rücken je einen Leichnam (es war reicht schwer/"welche zu finden) und sandten sie galoppierend auf .unsere Fährte. — Wir hörten sie herankommen und standen wartend mit den Waffen in der Hand, dann stürzten wir vorwärts und gingen mit Dolchen auf sie los, denn zu schießen wagten wir nicht, aus Furcht, sie könnten Hilfe erhalten. Wir kämpften und fanden zuerst keinen Widerstand, nun schlugen wir auf unsere Feinde los, schlachteten, bis.wir Plötzlich Waffen an unserer Brust fühlten und nun glaubten, der Feind hätte neuen Mut gefaßt, und die Stöße mit doppelter Kraft Zurückgaben. Kein Schrei ward laut — sogar im Todeskamp.se, denn so hatten nur es gelobt, so lautete der Befehl. Wir glaubten und jauchzten innerlich, wir wären, gerächt - <Ha brach ein Strahl der Morgenröte hindurch — und wir sahen, was wir getan, wie unsere blinde Wut uns zur Selbstzerstörung geführt, hatte. Vierhundert unserer Brüder lagen in ihrem Blute; mit eigenen Waffen hatten wir sie in den Tod gesandt." Soviel sagte er uns, das übrige sah ich selbst. Am frühen Morgen, nachdem wir von denn Blutbad gehört hatten, machten wir uns auf mit Nahrungsmitteln rmd Bandagen, um den Verwundeten' zu helfen; denn wir dachten, andere Mütter helfen wieder unseren Söhnen, wenn sie leiden. Und ich war allen voraus, ging zwischen den Leichen umher, drehte sie herum, fühlte, ob ihr Herz noch schlägt, aber die meisten waren still, denn wessen Hand schlägt sicherer als die des Freundes, des Bruders? Und schließlich kam ich, wo zwei Leichen dicht nebeneinander lagen, die Hände ineinandergefchlossen, die Lippen nahe, als wollten sie sich berühren, — und der Dolch des einen steckte in der Brust des anderen; das Messer des zweiten hatte die Brust des ersten durchbohrt. Bei diesem Anblick fühlte ich eine Schwäche, aber ich überwand sie und kroch auf meinen Knien dorthin. Ten Kopf wendete ich ab, denn mir ahnte grausiges. Da lagen sie — ich sah sie, warum mußte ich sie sehen? die Stützen meines Alters, David und Isaak, meine Zwillingssöhne, nein, nicht mehr sie; denn was da lag, gehörte der Erde an, aus der sie gebildet. Und mit der Kraft von drei Menschen schleppte ich die leblosen Körper hinter den Bäumen hervor, bedeckte ihr Antlitz mit meinem Tuche und rannte ins Dorf nach Noemi, Isaaks junger Frau, die Mutter eines Kindes von elf Tagen war. „Komm", rief ich ihr zu, „bring' Deinen Säugling, damit er einmal ins Antlitz seines Vaters schaue, denn niemals wird der Vater ihn sehen." Dann nahm ich einen Wagen mit mir und legte meine beiden Söhne darauf und führte sie zilm „Guten Ort". All diese Dinge habe ich gesehen und miterlebt; ich habe den Leidensbecher bis zmn letzten Tropfen ausgekostet. Vier Kinder habe ich verloren, und sie waren keine Säuglinge wie Deines. Was, Du weinst nicht mehr, Dein Auge ist trocken? Ja, wenn man von den großen Schmerzen hört, die andere ertragen haben, dann schmilzt ein kleiner Schmerz dahin wie Schnee vor der Sonne. Komm, meine Tochter, die Nacht ist kühl, laß uns hineingehen. Dort kommt auch mein Enkel, mich zu holen; gewiß ist er unruhig geworden, wo die alte Großmutter bleibt. — Die Liebe, die er der alten Frau zollt, ist groß, so groß, wie die Hälfte der Liebe, die ich mit ineinen vier Kindern begraben habe.! Kinder unlerer Leit. j Roman von Jacob Levy.! Kapitel 12. . | mrt dem Ersrischungssaale des Bazars war es verhältnis-! mäßig ruhiger. | Das Publikum war nicht überwiegend weiblich wie zu anderen j Zeiten, es bestand größtenteils aus Herren, die auf ihre einkaufenden Damen warteten. Man konnte wähnen, in einer Temperenzlerversammlung zu sein, denn im Erfrischungssaal wurden Alkoholika nicht verabreicht, und so schlürften die Herren mit nrehr oder minder sichtbarem Schauder ihre sanften Getränke, und das uni die Vesperzeit, da der Mann sich sonst am Glase Bier erquickt! Frau Berger und Heinrich hatten einigen Herren alle Räume des Bazars gezeigt. Die Gesellschaft freute sich, ein leeres Tischchen zu finden, an das sie sich niederließ. Der Maler Küppers freute sich, Motive zu moderner! Bildern gefunden zu haben. . . „Sie selbst, gnädige Frau, in dem dunklen Pelz, das vornehm blasse Gesicht sich wirkungsvoll von der roten Portiere abhebend, bitte, so möchte ich Sie malen!" „Wir wollen sehen," sagte sie huldvoll lächelnd. Der Assessor, der jetzt zum erstenmale den Bazar in seiner Riesenausdehnung gesehen und den Eindruck gewonnen, daß jetzt mehr Käufer darin auf- und abfluteten, als eine mittlere Stadt Einwohner ■ zählt, wurde doch etwas kleinlaut. Er wollte bald zweifeln, ob er dem Schöpfer und Herrn dieses Unternehmens genügen könne. Da ertönte eine laute Stinuue: „Erlauben die Herrschaften, ist da noch ein Plätzchen frei?" Freundlich, pustend und Frau Berger die Hand drückend, stand j Herr Meyer da. : Heinrich stand erfreut auf und machte Platz, mittlerweile i begrüßte Herr Meyer die Herren, die er bei der Poesiemusik! kennen gelernt und denen er erzählte: „Ich warte auf nieine j Frau, sie will Chanukahkerzchen kaufen." j Frau Berger machte ein Gesicht, als ob sie körperliches! Unbehagen hätte. Heinrich unterhielt sich lebhaft mit Herrn Meyer, und als seine Mutter ihn leise ermahnte, seinen Ueber- : zieher zu holen, sagte er: „Noch lange nicht, liebe Mutter, ich! bin noch zu müde." Während sich nun Frau Berger vorn Assessor verschiedenes - erzählen ließ, schäkerte der Maler verstohlen mit einer schmucken Aufwärterjn, lange nach passendem Getränk suchend, und bot ihr an, sie zu malen. Nun erschien auch Frau Meyer, und gab wortreich ihre Freude über das schöne Zusammentreffen zu erkennen. „Frau Berger, Sie feiern Triumphe, die ganze Stadt ist in den Bier Jahreszeiten." Der Assessor bemerkte: „Hier ist die Weihnachtsrepublik. Alle die Tausende werden nur von einer Triebfeder bewegt, Einkäufe für den Festabend zu machen und den ihrigen Freude zu bereiten. Wieviele guten Wünsche werden die Paketchen begleiten, die von hier aus nach allen Richtungen der Windrose segeln." „Das sagen Sie sehr hübsch, Herr Assessor. Weihnachten ist wirklich so recht ein Familienfest, um das alle Konfessionen die christliche beneiden können." Herr Meyer widersprach ihr. „Sie scheinen doch darüber nicht ganz genau orientiert, Frau Berger. Bei den frommen Juden ist jeder Freitagabend ein Familien- und Freudenabend, von dessen Innigkeit sich der Nichtjude keinen Begriff machen kann. Und erst der

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