Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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mit Safran und mein Gesicht färbte ich braun, so daß ich das Aussehen einer Zigeunerin hatte, und tat, als ob ich ihre Sprache nicht verstand. Als ich des Morgens in Tschenstochow ankam, verbarg ich mich hinter den Büschen, die das Kloster umgaben. Und nicht lange nachher sah ich zwei Nonnen, die in ihrer Mitte eine dritte führten, die einen dichten, schwarzer: Schleier über ihren: Haupte trug, so daß niemand sie erkennen konnte. Und als sie sie aus- und abführten, erkannte ich n:eine Tochter Esther an einer Bewegung ihrer Schultern, die sie als kleines Kind gehabt hatte, und ich erstaunte, daß solch eine Gewohnheit zurückkommen konnte. Aber das zusällige Begegnen nahm ich für ein gutes Omen, daß sie bald von ihren Gefängniswärtern befreit werden würde. So wartete ich Tag für Tag, aber kam nicht weiter, nur daß ich mein Kind sah. Dann kam eine Zeit, wo sie nicht mehr erschien, und ich wartete vergeblich auf ihr Kommen. Und eine Woche später stand ich wieder spähend an dem Gitter; da kam ein Mann aus die Terrasse, sah sich nach allen Seiten suchend um und rief mir dann zu: „He Du, Bagabundin, was stehst Du dort und hältst Mäulaffen seil? Komm her. Du kannst Dir ehrlich ein Stück Brot verdienen, wenn Du willst." Ich folgte in aller Eile seinen: Befehl und betrat zitternd das Haus, wo meine Tochter weilte. Eine der Auswärterinnen des Klosters war plötzlich erkrankt, und ich mußte ihre Arbeit verrichten. Dabei hörte ich aus den: Gespräch der anderen, daß morgen eine große Feierlichkeit stattfinden sollte zu Ehren der Einkleidung einer Novize. — Und nun wußte ich, daß das Messer an meiner Kehle saß, und nur ein Wunder mich retten könne. Ich mußte im zweiten Stock arbeiten und rechts führte eine Tür in ein Zimmer, woher ich Stimmen hörte, die eine laut, ärgerlich, die andere schwach, wehklagend. Ich lag auf den Knien und drückte mein Ohr an die Tür und horchte mit aller Kraft meiner Seele. Da öffnete sich die Tür und heraus kan: ein Mann, der Priester, den ich kannte. Er sah rot und böse aus, und beim Vorbeigehen stieß er mich n:it den: Fuße und schrie, warum ich nicht aus dem Wege gehe. Als er gegangen war, drückte ich leise die Klinke nieder und lauschte ins Zinnner und sah auf den: Ruhebette, lang ausgestreckt, n:eine Esther, nein, nur einen Schatten meiner früheren Esther. Und bei meinem Anblick seufzte sie: „Mutter!"; denn trotz ureiner Verkleidung erkannte sie mich sofort, und da wußt ich, daß sie bald sterben würde; denn die Toten wissen alles. Ich flog zu der Lagerstätte, barg ihr Haupt an meinen Busen und bat sie, das Bekenntnis Israels zu sagen. Leise flüsterten; ihre Lippen: „Höre Israel, der Ewige ist einig und einzig", firber ihre Hände zuckten nach dem Halse, wie ich es vorher in .dem Garten gesehen, doch die armen Hände waren zu schwach. Endlich verstand ich, öffnete ihr Kleid und fand auf ihrem Herzen ein Kruzifix, riß es herunter und warf es auf den Boden, daß es in tausend Stücke zersprang. Nun hob sie den Kopf und flüsterte: „Dank, tausend Dank, teure Mutter, ich skonnte nicht sterben." Dann atmete sie noch einmal; ich küßte ffie und sagte: „Der Name des Herrn sei gelobt?" Sie haben nur ihren Körper getötet, nicht aber ihre Seele. In diesem Augenblick kamen drei Nonnen herein, blickten aus mich, dann auf meine Tochter und aus das zerschmetterte Kruzifix am Boden. Ich hatte aber meine Erzählung schon fertig. „Ich hörte einen lauten Schrei," sagte ich zu ihnen, „stürzte hinein und fand das Mädchen sterbend. Bevor sie starb, streckte die Mutter Gottes (ich zeigte mit der Hand auf das Bild an der Wand) ihre Hand aus, nahm das Kruzifix I von des Mädchens Herzen und warf es zu Boden. All dies / sah ich mit eigenen Augen und kann es bezeugen."! Sie wagten nicht, mir zu widersprechen, denn sonst hätten sie einen Zweifel auf die Mutter ihres Gottes geworfen. Und als ich aus den: Kloster war, zerriß ich mein Kleid und wartete bis zun: folgender: Tage, wo sie meine Tochter begruben. In der Nacht aber ging ich auf den Gottesacker, riß j' das Kreuz an: Grabe nieder und machte einen Einschnitt rund i um ihr Grab, damit sie getrennt liege von den andern. Dann ging ich nach Hause und hielt die festgesetzte Trauerzeit. So verlor ich meine Tochter Esther; gelobt sei der Name des Herrn! Und nun waren mir zwei geblieben, Isaak und David, Zwillinge, ::nd wenn ich sie anblickte, dachte ich mir, ich würde in meinem Alter zwei starke Stämme haben, auf die ich rnich stützen könnte. Aber ach! Es war mein Schicksal, eine kinderlose Mutter zu sein; und hätte ich hundert Kinder geboren, so hätte ich hundert Kinder zu beweinen gehabt. Die Zwillinge wurden mir genommen auf eine Art, die ihresgleichen nicht hat in der Erinnerung der Menschen; sie starben einer durch > die Hand des anderen. Du bist eine Fremde hier, meine Tochter, sonst hättest!. Du gehört von dem großen Aufstande, wo das Volk sich erhob! gegen seine Unterdrücker, wo soviel Blut, junges Heldenblut nutzlos vergossen wurde. Nirgends aber war die Erde röter als da, wo das Blut meiner Zwillinge, David und Isaak, den Boden färbte. Sie achteten nicht auf die Stimme ihrer Mutter; und sagten: „Rate uns nicht zu unserer Schande, damit sie; lachen und sagen: „Das also ist die tapfere Nachkonnnenfchaft der Makkabäer." Denn wir sind eingedenk unseres Bruders : Benjamin, der durch den Tyrannen starb, und wir haben unsere Schwester Esther nicht vergessen, die durch den Fluch ihres Aberglaubens dähingerafft wurde, und für jedes Haar auf ihren: Haupte wollen wir einen Diener des Tyrannen Niederschlagen." So sprachen sie und machten große Worte, l wie es die Art der Knaben ist. Isaak hatte kürzlich geheiratet und er sagte zu seiner Frau: „Fürchte Dich nicht, ich kehre! zurück zu der Zeit, wo ich in n:eines Kindes Antlitz schauen kann." Sie zogen fort u:it den übrigen und kämpften in den Schlachten ihrer Landsleute. Wir Frauen aber saßen zu Hause und suchten durch Gebete das Unheil von ihnen abzuwenden. Plötzlich hörten wir von der großen Schlacht bei Bialablotta, wo des Kaisers Truppen gesiegt hatten, und wo meiner Söhne Waffenbrüder niedergemetzelt worden waren. Und ein großer Teil der Flüchtlinge lag zwei Meilen entfernt von unseren: Dorfe und wartete auf die Verfolger. Und der ganze Verlauf des Unglücks wurde uns von einem der Flüchtlinge erzählt, der dem Blutbad entronnen war. O, ich. erinnere mich seiner Worte so deutlich, als wären sie in meinem Herzen eingegraben, denn ich trank sie ein mit meiner ganzen Seele. So erzählte er: „Es war in der Dämmerung, da hörten wir das Trancheln der Hufe von j ferne, und wir erkannten, es waren die Kosaken. So machten! wir uns fertig und standen hinter den Bäumen, an jeder Seite! des Weges, in jedem Augenblick bereit, auf sie loszustürzen, sie niederzumetzeln in unserer Mitte. Aber der Kosak ist ein Kind des Teufels und einer Füchsin; und sie entgingen dem Verderben durch das Wiehern eines Rosses. Denn die Hengste, auf denen sie ritten, wurden widerspenstig, warfen den Kopf in die Höhe und schnüffelten die Luft, und daran erkannten die Reiter, daß Stuten in der Nähe waren, die Stuten eines kriegerischen Transports. Wer konnte das sein? Von den ihrigen war niemand voraus, also war es der Feind. Und sie