Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
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boten war. Als er aber erkrankte, wurde tfjtn auf sein Ersuchen Dr. Gaden gesendet. Letzterer fand den Kranken im Hofe spazierend; sie unterhielten sich über dessen Krankheit, und Gaden lobte sehr die Anwendung von „Oemor tartari“ (Weinstein). Dem wachehabenden Ossizier schien es nun, als wenn von den Krimmfchen Tataren die Rede wäre; er lief sofort zum Vorsteher der Apothekerbehörde (die damalige höchste Medizinalverwaltung) und gab an, daß Gaden mit dem litauischen Kriegsgefangenen über die Verbündeten' derLitauer, die Tataren, gesprochen hätte. Zur selben Zeit verbreitete sich noch die Unglücksbotschaft von einem Siege der Tataren über die Armee Scheremetjews. Gaden mußte ein strenges Verhör über sich ergehen lassen. Aus der Untersuchung ergab sich dann allerdings das ganze Mißverständnis, allein man ließ dennoch Gaden einige Zeit hindurch mit Ausländern nicht ijr Berührung kommen. -Ein zweiter Reisender (I. Willburger) berichtet folgendes; „In Moskau befinden sich itziger Zeit 5 Aerzte und Dr. Daniels Jeflowicz (Gaden). Dieser ist bei Hose am meisten beliebt, ijj ein Jude von Geburt, wurde hernach papistisch, alsdann evan^ gelisch und itzo ist er griechischer Religion." Äehnliches berichte^ der anonyme Verfasser der „Reise nach Norden". Er schreibt: „Es hat sich vor einiger Zeit eine große Anzahl Juden bei dem russischen Hose eingesunden, und zwar durch Hilfe eines jüdischen Barbiers, den man vor einen bekehrten Lutheraner hielte." Der Verfasser hebt sodann die besonders freundschaftlichen Beziehungen zwischen Dr. Gaden und dem Bojaren Ortamon Matwejew hervor, was auch durch die Memoiren Matwejews vollständig bestätigt wird. In der Stellung Gadens am Zarenhose trat auch nach, dem Tode des Zaren Alexei Michailowicz keine Veränderung^ ein; er trat vielmehr in nähere Beziehungen zum neuen' Regenten Feodor Alexejewicz, obwohl sein Gönner und Freund' Artamon Matrejew in Ungnade fiel und verbannt wurde. Im Jahre 1676 wurde Gaden zum Leibarzt der Thron- , solger, der Zarin-Witwe Natalia und der Schwester des Zaren , ernannt. 1681 begleitete er den Zaren während einer Reise , aufs Land. Die günstigen materiellen und sozialen Verhältnisse, in denen jetzt Gaden lebte, gestatteten es ihm, seinem. Sohne eine regelrechte Erziehung angedeihen zu lassen; dieser wurde von dem berühmten Simeon Polatzky in der polnischen und lateinischen Sprache unterrichtet, und beim Ausländer' Johann Pontius erhielt er deutschen Unterricht. ■ Bei der letzten Krankheit des Zaren Feodor Alerejewiez, j welche diesen am 27. Ltpril 1682 dahinraffte, waren Gadens- Sommer und der Chirurgus Gutmensch die behandelnden Aerzte. Als der Zar starb, leisteten alle Aerzte am selben Tage; seinem Nachfolger Peter den Eid der Treue, und zwar in den Kirchen vor den russischen Geistlichen oder den lutherischen' Pastoren. Nur Gaden allein leistete den Eid bei Hofe, was, daraus hin deutet, wie man ihn schätzte und welche Stellung er bei Hofe einnahm. Ein Gerücht, daß die Aerzte den Zaren .. Feodor Alexejew vergiftet hätten, dem der Aufstand der „Strelitzen" auf dem Fuß folgte, veranlaßte Gaden, die Flucht zu ergreifen. Aus der Suche nach Gaden töteten die Strelitzen — aus Wut über die Flucht des Arztes — am 16. Mai den Chirurgus Gutmensch, Gadens Gehilfen, und den zweiund- , zwanzigjährigen jungen Gaden. Die Frau Gadens, welcher ' dasselbe Schicksal drohte, nahm die Zarin-Witwe in Schutz. Gaden selbst kehrte, nachdem er zwei Tage lang in der Umgegend von Moskau umhergeirrt war, vom Hunger gequält und durch die Strapazen ermattet, in die Stadt zurück, wo er bei einem seiner guten Bekannten Unterschlupf und ein wenig Ruhe und Speise zu finden hoffte. Man erkannte ihn jedoch aus der Straße:, er wurde festgenommen und zu Hofe geschleppt. Hier flehten die Schwester und die Witwe des Zaren die Strelitzen an, Gaden zu begnadigen, beteuerten, daß er ganz unschuldig sei und alle Medikamente, die er für den Zaren bereitete, in ihrer Gegenwart gekostet habe. Doch alles war vergebens. Die erregten Strelitzen schrieen: „Es ist nicht allein) daß er den Zar Feodor Alexejewicz umgebracht hat; er ist ein Schwarzkünstler; wir haben in seinem Hause getrocknete Schlangen gesunden — und dafür muß er mit dem ToVe bestraft werden." Gaden wurde daraus gefoltert und machte, vor.Dchmerz betäubt, quasi Geständnisse, wie sie von ihm verlangt wurden. Als er die Qualen nicht mehr ertragen konnte, flehte er um drei Tage Frist, nach welcher Zeit er sämtliche Mitschuldigen nennen wollte. „Zu lange zu warten," brüllten ihm die Strelitzen entgegen, zerrissen das Protokoll seiner Geständnisse und schleppten ihn aus den „Platz vor dem Hofe", wo sie ihn in Stücke zerhackten. „Mit Blut geprägt war das Erscheinen des ersten Leiburedikus in Moskau, mit dem Blute des letzten Leibmedikus am Moskauer Zarenhose ist das Ende des alten Regimes des Moskauer Rußlands gekennzeichnet." Es brach die Morgenröte der befreienden Reformen Peter des Großen an. Der Ksmr des Herrn lei gelobt." Von Samuel Gordon. Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Amalie Klonower. ach einigen Wochen kam der junge Priester zu mir und sagte: ■ ' „Ihr hattet recht, Eure Tochter zu beweinen. Ich sah sie in Warschau im Schmutz der Gassen, unter dem Schein der Laternen herumirren; die Rose von Saron ist eine Dirne geworden, ihr Name ist zehn Meilen in der Runde bekannt in allen Wirtshäusern." Und nun wußte ich, daß er log. Denn in Warschau liegt ihr Vater begraben, und sie würde nicht gewagt haben. Böses zu tun in der Nähe seines Grabes. Und ich wußte auch, daß der Priester seine Hand im Spiele hatte. Ich wartete ab. Eines Tages sah ich ihn äbreisen und ging in sein Haus, um dort mit der alten Frau, die ihm die Wirtschaft führte, zu plaudern. Ich nahm ein Stück Honigkuchen und eine Flasche guten starken Rosinenwein mit und sagte zu der alten Frau: „Sieh, Kathrin, was ich Dir mitgebracht habe, diesen; Kuchen wirst Du mit Deinen schwachen Zähnen essen können;! denn er ist weich wie Butter, und der Wein rinnt wie Feuer! durch die Glieder." Und sie aß und trank und wurde ge- . sprüchig. „Es ist ein trauriges Leben," sagte sie, „seitdem der alte! Priester starb, denn mein junger Herr hat viele Geschäfte aus- - wärts und ist nicht viel zu Hause; letzthin geht er oft ins i Kloster nach Tschenstochow, dort muß er eine junge Nonne , bekehren, die arg vom Teufel besessen ist." Nun wußte ich, wo ich meine Tochter zu suchen hatte.; Als der Priester zurück war, bestellte ich mein Haus, gab : meine beiden jüngsten Kinder zu einer Verwandten und machte 1 mich auf nach dem Kloster, zwei Tagereisen weit, und betete! zu Gott, er solle mir einen Weg zeigen, meine Tochter von j ihren Feinden zu erretten. Unterwegs färbte ich meine Zähne