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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-08 · Heft 2 (8.1.1904) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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Alexei Michailowicz (1645—1676) war der/Arzt Stephan von Gaden, dessen vielbe'wegtes Leben von gewissem Interesse ist. Daniel Stephan von Gaden, dessen biographische Daten wir der fleißigen Arbeit Dr. Friedr. Hermanns (Charkow) verdanken/) war (nach seinem Ouri-ienlmn vilae, das Dr. Hermann aus russischen historischen Akten zusammengestellt hat) von Geburt Jude und wurde in Breslau geboren. Er trat zur lutherischen Konfession über; sein Vater war ein jüdischer Arzt aus Italien. Die Chirurgie (das Feldschertum) hatte er in der polnischen Grenzstadt Krotoschin beim Chirurgus Stanislaus Balsir erlernt; aus Krotoschin übersiedelte er in die polnische Stadt Lwow (Lemberg), wo er IV2 Jahre lebte. Von Lemberg zog er auf kurze Zeit nach Kamenez-Podolsk, und hier wurde er im Dienste des Hetmans Potocki in der deutschen Kompagnie des Obersten Thelkarsin als Militärarzt angestellt. In der Krim wurde er gefangen genonunen, blieb 19 Wochen in Gefangenschaft und wurde dann au Konstantinopeler Juden verkauft. Von hier > zog er über Jassy zum zweitenmal nach Kamenez-Podolsk, wohin mittlerweile seine Mutter übergesiedelt war. Dann ging er als Militär-Chirurgus mit dem Obersten Bessler (Bettler?) in die wallachische Stadt Suczawa. als diese Stadt von dem Sohne Chmelnitzkys, Timotheus, angegriffen wurde, und von hier aus zog er nach der polnischen Stadt Satanow, wo er sich verheiratete. Aus dieser Stadt zog er mit dem Obersten Bettler nach Achmath und von da mit dem Hetman Potocki nach Scharograd. Bald darauf begegnen wir ihm wieder in Satanow, von wo aus er zusammen mit einem Dr. Leon nach Tschertkow berufen wurde, als Arzt des polnischen Magnaten Paul Potocki. Als die Stadt Tschertkow kapitulierte, geriet er in die Gefangenschaft des Bojaren Wassily Waffiljewicz Beturlia, behandelte die russischen Krieger und kurierte 125 Personen jeden Ranges, wofür er aber weder Sold noch Verpflegung bekam. Im Jahre 1656 tarn er mit Beturlia nach Kiew und lvnrde von ihm.mit einemReisegelde von einem Rubel von hier aus nach Moskau geschickt, wo er zusammen mit bem Major Willim van Schwedin eintraf. In Moskau behandelte er anfangs mehrere Kranke, die an verschiedenen Gebrechen litten, und unternahm auch kleinere Operationen. Ungefähr drei Jahre später, am 17. Mai 1659 lvurde er im Dienste des Zaren als Chirurgus angestellt und am - 9. Dezember desselben Jahres bewilligte man ihm auf allerhöchsten Befehl ein Gehalt von 40 Rubeln jährlich lind 5 Rubel * monatliches Kostgeld. Im Januar 1663 bekam er außerdem 20 Wagen Holz und zwei Wagen Heu. Eine Bittschrift, die 1 von Gaden im Juli desselben Jahres an den Zaren richtete, worin er darauf hinwies, daß er nicht jünger als die anderen Aerzte am Hofe und ebensolange praktisch tätig sei als jene, sowie demnach auf ein größeres Gehalt Anspruch hätte, hatte den Erfolg, daß seinem Gestlche entsprochen und ihm eine Gage . von 50 Rubeln jährlich und 8 Rubel monatlich zugestanden lvurde. Außerdem wurde ihm im selben Monat aus allerhöchsten Befehl ein konfisziertes Haus billig verkauft; es war dies eine große Begünstigung, da sonst Ausländer in Moskau eigene Häuser nicht besitzen durften. Schon am 5. Oktober 1664 wurde sein Gehalt auf 60 Rubel jährlich und 12 Rubel monat-; licheS Kostgeld erhöht, und im Jahre 1667 wurde befohlen, ihn unter die Zähl der Süb-Doktoren zu rechnen und ihm ein Monatsgehalt von 40 Rubeln auszuzahlem Am 25. März 1672 erschien ein Utas, durch den er zum Doktor ernannt wurde, *) Cit. noch Dr. Fr. Hermann, „Beiträge z. Geschichte der Medizin in Rußland." — mit der Gage von 180 Rubeln jährlich und 50 Rubeln : monatlich. ' Stephan von Gaden erfreute sich eines solchen Ansehens und erwarb sich einen solchen Ruf als Arzt, daß ihm auf -Befehl des Zaren Schüler zur Erlernung der medizinischen -Wissenschaft übergeben wurden. Die Zahl der Schüler muß keine geringe gewesen sein: dies läßt sich daraus ersehen, daß ' bei Gründung der neuen Apotheke in Moskau (1673) der Zar . fünf der älteren Schüler Gadens dahin beorderte und vier von dessen jüngeren Schülern aufs Land schickte, zum Sammeln von Kräutern und Gewürzen. Im selben Jahre erlaubt man seiner Mutter, die aus türkischer Gefangenschaft zurückkehrte, . nach Moskau überzufiedeln, und der Zar spendete zu diesem Zwecke 50 Rubel als Reisegeld für sie. Letztere soll 53 Pfund ^Chinarinde von der Reise mitgebracht haben, die von Gaden an die neue Llpotheke zum Preise von 1 Rubel pro Pfund verkaufte. Sein Ruf und Ansehen nahinen immer mehr zu; er wurde häufig zur Behandlung hoher Persönlichkeiten beordert. Manchmal wurde ihm der Auftrag erteilt, zusammen mit anderen Doktoren neu engagierte Chirurgen zu prüfen, . so z. B. im Jahre 1673 den Chirurgus Stein. Man verlangte . auch öfters sein Gutachten darüber, ob irgend eine Person : aus der Umgebung des Zaren an einer infektiösen Krankheit leide, und ob ihr der Zutritt zum Hose gestattet sei. Auch erscheint er fast immer als Expert bei der Entscheidung der Frage, , ob ein im Kriege Verwundeter noch dienstfähig sei. Welche Stellung Gaden bei Hofe einnahm, läßt sich aus folgendem ersehen. Als Zar Alexei Michailowicz nach dem * Tode seiner Gemahlin 1669 sich zum zweitenmal vermählen wollte, wurden bei Hofe alle Schönheiten der Aristokratie versammelt, um aus ihrer Mitte die künftige Zarin zu wählen. Gaden äußerte nun dem Bojaren Chitrvwo gegenüber, 1 daß ihm Iwan Schichirew bei einer Begegnung aus der Twerskoje-Straße gesagt habe, er, Chitrowo, habe Schichirews Nichte, die zur Wahl nach dem Hofe beordert sei, gesehen, und ■ gefunden, daß sie magere Arme habe. „Aber Du, Dr. Gaden," sagte Schichirew, „beschaust sie ja alle; meine Nichte ist schutzlos, und wenn Dil ihre Arnle besiehst, sei ihr behilflich." Er, Gaden, habe dies äbgelehnt, da er mit dieser Sache nichts zu tun hätte, und dessen Nichte nicht kenne. Schichirew soll damr r weiter erklärt haben: „Wenn Du anfangen wirstdie Arme aller zu beschauen, wird sie mit den Fingern Deine Hand drücken, und daran wirst Du sie erkennen." Später, als gegen Schichirew ein Prozeß eingeleitet wurde, daß er zu anonymen Briefen und anderen Mitteln gegriffen habe, unt die Wahl seiner Nichte durchzusetzen, erklärte Schichirew unter anderem, daß Dr. Gaden, der Jude, unbedingt die Brautkandidatinnen beschauen mußte, und er ihn deshalb als guten Bekannten um Protektion ersucht habe. Alle westeuropäischen Reisenden, die um diese Zeit Moskau besuchten, berichten von Gaden, so Augustin Freiherr von Meyerberg, Horatius Wilh. Cätoucci u. a. Als letzterer (1661 bis 1663) in Moskau erkrankte und nach einem Arzt verlangte, wurde ihur gesagt, daß in Moskau zur Zeit sich drei Aerzte befänden — ein Italiener (Gaden), ein Deutscher (Engelhardt) und ein Engländer (Samuel Collins). Caloucci entschied sich für seinen Landsmann Gaden. Man schickte ihm aber, trotzdeut er mehrere Male dringend nach denr italienischen Arzte verlangte, den Engländer, und verhinderte imter allerhand Vorlvänden den Zutritt Gadens. Als Caloucci genas, stellte es sich heraus, was.es mit der Sache für eine Bewandtnis hatte. Es befand sich nämlich um dieselbe Zeit der Dux Campestris et Thesaurius des litauischen Fürstentums, Corvinus Goisevius, als Kriegsgefangener in Haft, zu dem der Zutritt für alle ver-

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