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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-08 · Heft 2 (8.1.1904) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
Seite 18 (sequence 6)
Language
German
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berwahrscheinlich iw Gefolge der Gattin des Großfürsten Iwan HI., der byzantinischen Prinzessin Sophia Palaeolog — aus Rom mit herübergekommen war. Mit Sophia — deren Vater (ein Bruder des letzten griechischen Kaisers) nach der Einnahme von Byzanz durch die Türken, sich an den römischen Hof zurückgezogen hatte — kamen eine Menge griechischer Landsleute und Italiener nach Moskau, und es ist zweifellos, das; unter ihnen sich auch ein Leibmedikus befand, welcher au; Hofe einer regierenden Person nie fehlen durfte. Es ist übrigens kein Spiel des blinden Zufalls,' das; zu einer Zeit, wo der Judenhaß in Westeuropa seinen Kulminationspunkt erreicht hatte, gerade der erste Arzt, der nach Moskau kam, ein Jude war, während das übrige Gefolge der -Prinzessin, die ersten ausländischen Gelehrten, Künstler, Handwerker, Kaufleute, welche sich in Rußland niederließen, aus christlichen Griechen und Italienern bestand. Es war dies vielmehr das Resultat der zwingenden Notwendigkeit, denn die ganze medizinische Kunst und Wissenschaft des Mittelalters ruhte fast ausschließlich in jüdischen Händen. Der Ruf der jüdischen Aerzte war so groß, sagt Prunelle, daß man zu einer gewissen Zeit (im Mittelalter) geglaubt hat, man müsse, um in der Heilkunst Erfahrung zu besitzen, von jüdischer Herkunft sein. Fast alle Aerzte nicht nur der Könige und Kaiser, sondern auch der Päpste waren Juden, und es ist daher begreiflich, das; auch die ersten Aerzte am Hose zu Moskau Inden waren. Nächst Meister Anton wird in den russischen Chroniken ein zweiter jüdischer Arzt genannt, Meister Leon, welcher wenige Jahre nach dem Tode des ersteren nach Moskau berufen wurde. Ueber das Schicksal dieser Pioniere des.ärztlichen Standes in Rußland erfahren wir folgendes. Der „russische Chroniker" erzählt/): „Und in diesem (Jahre- 1485 kmn zum Großfürsten (Iwan III.) ein Arzt, irgend ein Ausländer Anton (nach Smejoff ein Jude, nainens Ehrenstein), und der Großfürst hielt ihn in großen Ehren. Und er kurierte den Fürsten Karakucza, den Fürstensohn Danjars, und hat ihn zum Spotte mit tätlichen Kräutern umgebracht. Und der Großfürst hat ihn dein Sohne Karakuczas ausgeliefert, der hat ihn gemartert und wollte ihn für Lösegeld freigeben. Der Großfürst hat es nicht befohlen, sondern befahl, ihn zu töten, und sie haben ihn auf den Moskauschen Fluß hinnntergebracht, im Winter unter die Brücke, und haben ihn mit den, Messer wie ein Schaf geschlachtet." Go endet der erste westeuropäische Arzt in Rußland. Das war der Dank für die geleisteten-treuen Dienste, welchen Meister- Anton einheimste. — Nichtsdestoweniger erscheint fünf Jahre später (1490) ein zweiter jüdischer Arzt, Dr. Leon, am Hofe des Großfürsten. Furchtlos, den Gefahren trotzend, Gott im Herzen rrnd auf seine medizinischen Kenntnisse und Erfolge bauend, nahm er — trotz des grausamen Endes seines Vorgängers — den Ruf als Leibarzt an. Allein sein Los war nicht besser als das Meister Antons — ein Opfer der Barbarei und der Hofintriguen, fand er bald nach feiner Ankunft den Tod durch das Henkerbeil. Die „Denkbücher" und die „Chronik von Nikon" berichten darüber folgendes: „Im Jahre 1490 haben die Brüder von Sophia Palaeolog und die Neffen Demetrius und Manuel Nhalev Palaeolog mit sich zum Großfürsten einen Arzt, M elfter Leon, einen Juden aus Venedig, und andere Meister mith „Der russische Chroniker." Ausgabe von N. L., St. Petersburg 1792/III., 185. gebracht')" ... . „und in diesem Winter (1490) des Monats Mürz am siebenten Tage verschied der rechtgläubige,- Christum verehrende Fürst Iwan (Johann der Jüngere). Der Sohn des Großfürsten Iwan Wasstljewicz (Iwan III.) ganz Rußlands Aeltester. Er lebte im ganzen 32 Jahre und 21 Tage und litt an Gliederreißen in den Füßen. Und dies sah der Arzt, der Jude Meister Leon, und prahlend sagte er dem Großfürsten Iwan Wasstljewicz dem Vater: „ich werde deinen Sohn, den Großfürsten, von dieser Krankheit auskurieren, und werde ich ihn.jnicht auskurieren, so befiehl mich zum Tode hinzurichten." Und der Großfürst Wasstljewicz vernahm sein Reden mit Vertrauen und befahl ihm, seinen Sohn, den Großfürsten, zu kiwieren. Er gab ihm Kräuter zu trinken,, fing an seine;; Körper mit Fläschchen, in die er heißes Wasser hineinschüttete, zu brennen, und davon wurde ihm schlechter und er starb. Und jenen Arzt, Meister Leon, befahl der Großfürst Iwan Wasstljewicz aufzufangen, und am vierzigsten Tage nach dem Tode seines Sohnes befahl der Großfürst ihn hinzurichten, seinen Kopf abzuhauen. Und sie haben ihm den Kopf abgehauen, auf der Bolwanowai im April am 23. Tage."* 2) Dieses tragische Ende der zwei ersten Vorkämpfer der damaligen modernen westeuropäischen Heilkunst, die Ermordung Meister Antons und die Hinrichtung Meister Leons, kann nicht bloß vorn religiösen Standpunkte aus als Folge des Judenhasses erklärt werden; es ist auch vielleicht das Resultat politischer Gründe gewesen. Die Unzufriedenheit der Bojaren und des Volkes mit der durch die Byzantinerin Sophia heraufbeschworenen „neuen" Strömung, der Haß gegen die „Ausländer", die sich jetzt am Hofe breit inachten, der Neid wegen ihrer Erfolge und nicht zuletzt die Beschuldigungen, derren der Großfürst und seine Gattin Sophia durch der; frühzeitigen Tod des Thronerben Iwan, des Stiefsohnes der Fürstin, ansgesetzt waren, so zwar, daß rnan allgemein von einer Vergiftung Iwans des Jüngeren, eines Anhängers der „Alten", durch die Stiefmutter und den fortschrittlichen Vater sprach — das alles dürfte wohl eine große, entscheidende Rolle bei den; Entschlüsse des Großfürsten, den Arzt hinrichten zu lassen, mitgespielt haben. Um jeden Verdacht von sich abzuwälzen, konnte der Großfürst sich vielleicht veranlaßt gesehen haben, den behandelnden Arzt, Meister Leon, zu opfern, um so zu Zeigen, das; er mit ihn; nicht solidarisch rrnd durch den Tod des geliebten Sohnes tief erschüttert sei. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieselben oder ähnliche Motive den Tod Meister Antons herbeigeführt hatten. Die grausame Sitte, sich an den Aerzten für ihre — nach der Meinung der Umgebung des Kranken — mißlungenen Kuren blutig zu rächen, war übrigens auch in einigen „zivilisierten" Staaten Westeuropas im Schwünge und sogar durch die Gesetzgebung ertaubt. Im 12. und 13. Jahrhundert behandelte rnan die Aerzte z. B. in Deutschland und Italien nicht besser. „Das Gesetzbuch der Westgoten, welches in vielen Ländern angenommen rvard, rrnd nach welchen; man in Spanien bis in das 12. Jahrhundert vor Gericht Recht sprach, enthielt ein Medizinälgesetz . . ., nach welchem ein Wundarzt, der beim Aderlässen einer edlen Person Schaden zugefügt hatte, 100 Solides zahlen mußte. Wenn der Kranke starb, wurde der Arzt den Anverwandten des Verstorbenen ausgeliefert, die mit ihm machen konnten, was sie wollten ..." Der nächste jüdische Arzt am Moskauer Zarenhofe imter 2)611161111) b. diplomat. Bez. Altrußl. mit den ansl. Mächten, St. Petersb. 1851. I. 44. 2) Chrgn. v. Nikon. VI. 125.

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