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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-08 · Heft 2 (8.1.1904) · p. Seite 17

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
Seite 17 (sequence 5)
Language
German
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nicht religiöse Gründe oder Neligionshaß die Arbeitsmöglichkeit, > jüdischer Industriearbeiter ein schränken, Galizien über einen sehr tüchtigen, sittlichen und intellektuell hochstehenden jüdischen Arbeiterstand, verfügt, der durchaus keiner Unterstützung seitens der Philantropie bedarf. Die Tallisweber gehören dem österreichischen Weberverband mit dem Sitze in Wien an, die Posamentenarbeiter sind lokalorganisiert. Mit alledem ist der Weg gewiesen, den eine Hilfsaktion zu beschreiten hat. Was not tut, ist ein tüchtiges Stück Erziehungsarbeit und die Erschließung neuer Erwerbsquellen. Dahin gehen in dankenswerter Weise auch die Vorschläge der beiden Berichterstatterinnen. Da sollen zuerst Krippen und Kindergärten gegründet, und es soll Bedacht genommen werden, eine genügende Anzahl von Kinderpflegerinnen vorzübilden. Dann soll das Stipendienwesen geregelt und es sollen Handwerkerschulen gegründet und nach dem Vorschlag von Fräulein Dr. Rabinowitsch an bereits bestehende Haushaltungsschulen angegliedert werden, da auf diese Weise den Schülerinnen der Haushaltungsschulen Arbeit, jenen der Handwerkerschulen für Knaben und Mädchen eine billige Verköstigung garantiert würde. Als notwendig wird ferner eine Reorganisation des Dienstbotenstandes bezeichnet, ein Beruf, der von beiden Seiten so niedrig gewertet wird, daß nur fragwürdige Elemente sich ihm zuwenden bezw. bei ihm verbleiben. Erste Voraussetzung wäre hier freilich, daß die Hausfrauen dazu gebracht werden könnten, etwas weniger schmutzig und gegen den „Dienstbot" etwas weniger rücksichtslos zu fein. Erziehungszwecken sollen auch Erziehungshenne nach englischem Muster dienen, die höchstens zwanzig Kinder verschiedenen Alters zwecks gemeinsamer Erziehung zusammenführen sollen. . Dann wird int Interesse der Menschlichkeit eine bessere Ordnung der Kranken- und Altersfürforge verlangt. Neben einer sachgemäßen Reorganisation der schon bestehenden Krankenhäuser wird der Ausbau bezw. die Einführung einer geordneten ambulatorischen Krankenpflege als notwendig bezeichnet. Fräulein Pappenheim geht dabei von der Erwägung aus, daß die vorhandenen Mittel nicht ausreichen, um kost- > spielige Krankenhäuser in genügender Zahl zu errichten und, daß das, was da ist, durch Einrichtung von Ambulanzen, von Depots für Wäsche, Bettzeug, Verabreichung von Medikamenten und Nahrungsmitteln, sowie durch Anstellung tüchtiger Aerzte und Krankenpflegerinnen, die nwrgens die Ambulanz und mittags die Annenpraxis wahrzunehmen hätten, weit besser ausgenützt werden könnte. Als neuer Erwerbszweig wird die Einführung einer ausgedehnten Geflügelzucht einpfohlen, eine Sache, die durch einen in Oesterreich bestehenden Geflügelzuchtverein in die Wege geleitet werden und bei der sich auch Frauen und Kinder mit Leichtigkeit betätigen könnten. Die von. Fräulein Rabinowitsch vorgeschlagene Einrichtung von Rentengütern scheint mir ein recht kostspieliges und zweifelhaftes Experiment, dein jedenfalls sorgfältige Ueberlegung und längere Versuche voraufgehen ntüßten, bevor man bedeutende Kapitalien darin investiert. Dagegen muß man der Referentin völlig beipflichten, wenn sie vor der Schaffung künstlicher Erwerbsquellen warnt und das Heil von dein Aufblühen bodenständiger, einem vorhandenen oder zu schaffenden Bedürfnis entgegenkommender Industrien erwartet. Schließlich bringen beide Damen einen Vorschlag, denr ich in der geforderten Ausdehnung nicht zustimmen kann. Es sollen Auswandererschulen gegründet werden, durch die insbesondere die Auswanderung junger Mädchen überwacht und in geordnete Bahnen gelenkt werden soll. Nun kann gewiß nicht in Abrede gestellt werden, daß es geradezu-sträflich ist, junge Mädchen, die nicht lesen, nicht schreiben können, deren Kenntnis der Welt den Umkreis ihrer Gemeinde nicht überschreitet, sowie das jetzt geschieht, allein oder mit Hilfe der bekannten gewissenlosen Agenten die Heimat verlassen zu sehen. Darum ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man, vielleicht im Anschluß schon bestehender Einrichtungen, Stellen schafft, die den Auswanderungslustigen mit Rat und Tat zur Seite stehen, sich für sie mit auswärtigen Verwandten und Bekannten, eventuell mit den Vorständen ausländischer Kultusgemein-! schäften in Verbindung setzen. Ebenso läßt sich nichts dagegen sagen, daß man Trupps von solchen Mädchen durch. Mitglieder örtlicher Frauenvereine von Etappe zu Etappe geleiten läßt. Aber die Gründung förmlicher Schulen ist zu widerraten. Drei Gründe sprechen meines Erachtens dagegen. Zuerst der Kostenpunkt. Ein großer, ziemlich kostspieliger Apparat wird notwendig werden, um die Mädchen sechs Monate lang in allen Zweigen der Hauswirtschaft, ferner in den' Elementarfächern, der Gesundheits- und Körperpflege und in den Anfangsgründen zweier fremden Sprachen zu unterrichten. Selbst die größte Opferwilligkeit aller Interessenten vorausgesetzt, ist nicht zu erwarten, daß Geld genug zusammenkommt, um ohne Schädigung und Vernachlässigung anderer grundlegender Reformen solche Schulen zu gründen und aufrecht zu erhalten. Weiter ist die vorgesehene Zeit völlig unzureichend, um auch nur annähernd den Vorgesetzten Zweck zu erreichen. Man erinnere sich an die Haushaltsklassen deutscher Volksschulen. Sie arbeiten mit einem ungleich besser vorgebildeten Material und bedürfen doch längerer Zeiträume, bei minder umfasfendent Programm. Schließlich wird als eine unbeabsichtigte aber darum nicht minder unangenehme Nebenwirkung die Gründung von Auswandererschulen ein Sporn zur Auswanderung werden und dies gerade für die hoffnungsvollsten und lebenstüchtigsten Elemente der Bevölkerung. Das aber würde ich bedauern, da mir die innere Kolonisation weit wichtiger und zukunftsreicher zu sein scheint. Denn hier soll und kann ein Volksganzes zur Gesundung und Kultur geführt werden, indes die einzelnen Volkselemente, die sich loslösen, dein Mutterlande dauernd' verloren gehen und einer fremden Gemeinschaft, .nicht aber dem Stamm Volk zum Kulturdünger werden. Alles das wird reiflichster Erwägungen bedürfen. Aber innnerhin wertvolle Anregungen sind gegeben, und wenn die Berichte die verdiente weiteste Verbreitung gesunden haben und in jedermanns Hand sein werden, wird es Zeit sein, weiter darüber zu reden. Jüdilchk Irrste am Hofe des Zaren zu Moskau im 15. und 17. Jahrhundert. Von Dr. med. B. W. Löwenberg. ie Geschichte des ärztlichen Standes lehrt, daß zu allen Zeiten dem Arzte wohl Pflichten auserlegt, ihm aber wenig Rechte, geringer Lohn für harte Arbeit gewährt wurden; speziell die Ueberlieferungen jüdischer Aerzte im Mittelalter stellen eine Geschichte der Leiden eines Standes dar, der seit Urbeginn die Märtyrerkrone der Humanität trägt. Einen sehr interessanten Beitrag zur Geschichte der jüdischen Aerzte jener Zeit in Rußland liefern die aus russischen Chroniken entlehnten Daten über die Leibärzte des Großfürsten Iwan Wassiljewicz lll. und des Zaren Alexei Michailowicz. Der erste westeuropäische Arzt, dem wir am Hose 51t Moskau begegnen, ist Meister Ant 0 n, ein ausländischer Jude,

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