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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-08 · Heft 2 (8.1.1904) · p. Seite 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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16 Man hat auf jüdischer Seite sich nicht damit begnügt, diese Tatsache konstatiert zu haben, sondern war unablässig bemüht) den Gründen dieser traurigen Erscheinung nachzuforschen und daran anknüpfend, zu erwägen, wie hier abzühelfen sei. So kam neben anderen Unternehmungen auch die zu stände, deren Ergebnisse unter dem Titel: „Reiseeindrücke in Galizien" von den beiden Delegierten, Fräulein Bertha Pappenheim und Fräulein Dr. Rabinowitsch, soeben veröffentlicht worden sind- Die Damen haben in richtiger Einsicht und gestützt auf einschlägige Erfahrungen ihre erste Aufmerksamkeit den Schülzuständen zugewandt und dabei, wie nrnrt voraussehen konnte,' wenig Erfreuliches gefunden. Die landesüblichen Chedarim vermitteln die Weisheit des Talmuds in ihrer für die Jugend oft durchaus nicht geeigneten Form:. Lebendiges Wissen und eine sachgemäße Vorbildung für die Anforderungen des heutigen Lebens vermögen sie nicht zu geben. Daneben gibt es einzelne sogenannte Reformchedarim, die sich die Ausgabe stellen, „ben Unterricht der int Cheder durchgenommenen Gegenstände zu vereinigen, 1. mit der Erfüllung der Forderungen der modernen Schulhygiene, 2. mit einem systematisch geregelten Unterricht,' 3. mit den: Unterricht in: hebräischen Schreiben eventuell im Schreiben und Lesen der Umgangssprache, 4. mit Sing- und event. Turnunterricht, 5. mit der Verminderung der Schulzeit auf die üblichen durch Pausen unterbrochenen Schulstunden?)" Die Baron Hirsch-Schulen wirken segensreich. Ihre Zahl ist aber zu klein und leider entfällt heute der ihren Zöglingen früher durch Gewährung eines Lehrstipendiums seitens der Jewish Golonisation Association (Jca) gegebene Erziehungsabschluß. Dadurch wird die gute Wirkung planmäßiger Schulbildung beschränkt und teilweise aufgehoben, denn aus den auf diese Art nur halbgebildeten Knaben werden statt tüchtige Handwerker nicht selten müßiggängerische „gebildete Gassenbuben". Durchweg noch schlimmer sind die Mädchen daran? Sie dürfen freilich die staatlich-polnischen Volksschulen besuchen; ob, was und wie lange sie lernen, ist fragwürdig und für niemanden von Belang. Außerdem existieren drei Waisenhäuser und drei Haushaltsschülen, in denen etwa 100 bis 120 Mädchen aus einer jüdischen Bevölkerung von 810000 Köpfen herangebildet werden. Noch schlechter isNs um die Kranken- und Altersfürsorge bestellt. Eine Pflege in Laienhand, die meist als „Mizwoh" geübt wird und schlimmer ist als keine. Die Verköstigung meist mangelhaft und unzureichend, ebenso Sauberkeit und Ordnung der Anstalten. Dagegen blüht das planlose Almosengeben im Lande, auch wieder um der Mizwoh willen. Die wohlhabenden Juden und ihre indolenten müßigen Frauen, die sich aus diese billige Art den Himmel verdienen wollen, ahnen wohl kann:, wieviel sie dadurch zur Herabwürdigung ihres Volkes, zu seiner moralischen Versumpfung beitragen. Moralisch versumpft, wenn schon iri anderer Weise, sind übrigens auch sie. Vertrauenswerte Beobachter haben bekundet, daß sogar wohlhabende Frauen und Mädchen ein beträchtliches Kontingent zur geheimen Prostitution stellen. Unfähigkeit und Unlust zur Arbeit, Ueberdruß, Langeweile und Genußsucht vereinen sich, sie zur moralischen Entgleisung zu bringen, während eine Frömmigkeit, die nicht dem Herzen entstammend und nur leere, mechanisch geübte Form ist, jenen Tendenzen kaum ein Gegengewicht sein kann. ... In anderen Fällen führt die Sehnsucht nach etwas Abwechselung und Daseinslust zum gleichen Resultat. Da sinäs! die Mädchen, die am Sabbat zum Ausgleich für harte und schlecht entlohnte Wochenarbeit, für ein Heim, das eine Hölle *) Bericht von Frl. Dr. Rabinowitsch S. 82. ist und alle Dünste einer solchen aüsatmet, ihr Vergnügen auf der Straße suchen. Damit sind wir beim dritten Grund der sittlichen Verwahrlosung angelangt. Zur Unbildung und Langeweile tritt die Not. Nur wenige gälizische Juden sind wohlhabend. Die Mehrzahl repräsentiert das denkbar ärmste Proletariat. Sie dürfen jedes Handwerk treiben und auch Landbesitz erwerben; aber in einem Lande, dessen Regierung kurzsichtig und unduldsam ist, in dem Handel und Wandel darniederliegen und die eingesessene Bevölkerung selbst die elementarsten Kulturbedürfnisse nicht hat, glücklicherweise möchte man fast sagen, da sie sie doch nicht befriedigen könnte, in einen: solchen Lande ohne Konsum und Initiative sind die Menschen, die von ihrer Hände Arbeit leben sollen, schlimm daran. Doppelt schlimm, weil die chassidische versteinerte Religionsübung, die das ganze Leben in ihren Bann zwingt, wie ein Bleigewicht jeden Aufschwung, ja selbst jede freiere Regung niederhält. Die kleinen Handelsjuden verdienen oft kaum genug für Sabbatkerzen und Sabbatbrot. Der Verdienst der Industriearbeiter und Handwerker beträgt kaum einige Gulden pro Woche, der der Mädchen selbst in bevorzugten Betrieben 80 Kreuzer bis 2Vs Gulden. Auf sie alle paßt, was Fräulein Pappenheim in ergreifender Weise vom Handelsjuden aussagt; „Hungerkünstler sind es, deren Bedürfnislosigkeit die einzelnen Existenzbedingungen so heräbgedrückt hat, daß bei den meisten ein Zustand dauernder Unterernährung herrscht. „Der Magen hat kein Fenster" sagen sie, und wo noch nicht alle Energie erloschen ist, da werden Erinnerungen an vergangene gute Tage, an gute Herkunft sJichusj mit der Hoffnung auf kommende bessere Zeiten.wie zwei Fäden, an denen das Leben hängt, fest verknüpft, und das kostbare Zwischenglied, um das man sie schlingt, sind die Kinder." Dann gibt es auch jüdische Landbauern und bei oberflächlichem Zusehen ließe sich hier sogar ein ganz hübscher antisemitischer Strick drehen. Denn während im Durchschnitt auf einen Landbesitzer in Galizien 4,1 Hektar kommt, besitzt jeder jüdische Landbesitzer im Durchschnitt 538,4 Hektar. Hier hätten wir also den jüdischen Ausbeuter und Länderfresser in optima forma, wenn — ja wenn die Sache nicht einen Haken hätte. Von den 7 575 000 Hektaren des in Galizien bebauten Landes gehören den Juden nur 350 000 Hektar oder 4,51 Prozent. ' Aber während die christliche Bevölkerung sich ganz überwiegend mit Landban beschäftigt, so daß 7 225 000 Hektar sich auf 1 811137 Besitzer verteilen, sind von den 800 000 Juden nur 650 inr Besitz von Grund und Boden. Aus der Sprache der Zählen in die des Alltags übersetzt, heißt das: da sind ein paar Hundert jüdischer Großgrundbesitzer, die vielleicht in Lemberg oder sonst wo domiziliert und nicht schlechter aber auch wohl rricht besser sind als die christlichen Großgrundbesitzer, seien es nun Adelige oder. Industrielle. Und ihnen gegenübereinige wenige jüdische Kleinbauern, von denen es heißt: „Ich kann nicht sagen, daß ich diese jüdischen Arbeiter" (es ist von der Bauernkolonie in Czerniejow die Rede) froher, zufriedener, weniger gedrückt gefunden hätte, als die städtischen Juden. Dazu sind sie zu arm und geistig zu unfrei, aber sie sind körperlich viel kräftiger rmd sittlich gesunder als jene." Die Tatsache, daß es jüdische Bauern gibt, die hinter ihren christlichen Arbeitsgenossen nicht zurückstehen, sondern ihnen eher überlegen sind, ist eine der wenigen lichten Stellen in diesen: schattentiefen Bilde. Dasselbe ist von der Treue und Pünktlichkeit zu sagen, mit der, wie die Verwaltung der Jcaleihkassen rühmend hervorhebt, die Entleiher ihren Rückzahlungsverpflichtungen Nachkommen. Das leuchtendste aber in der Reihe der hoffnungsreichen Mornente ist, daß, soweit

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