Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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--- 14 Räume für das Archiv hergibt, Uw für zunächst 2—3 Räume ausreichen würden. Alsdann wird der Deutsch-Israelitische Gemeindebund an sämtliche Genieinden Deutschlands' einen Aufruf erlassen müssen, in dem der Plan genau festgestellt und begründet und gleichzeitig um jährliche Beiträge zur Begründung und Unterhaltung des geplanten Gesamtarchivs ersucht wird. Die Hauptsache ist, das nötige Verständnis für die Institution in den großen Mafien zu wecken. Da zunächst ein archivalisch gebildeter Beamter, eventuell noch ein Kanzlist genügen wird (Prag arbeitet heute noch mit einem Archivar und einem Kanzlisten), so würde man, vorausgesetzt, daß man die nötigen Räume hat, mit einigen 1000 Mark pro Jahr reichen. Es werden, sich, wenn nutn im Laufe der Zeit die Nützlichkeit erkannt haben wird, auch Wohltäter und Spender finden. Mit dem Erlaß an die Gemeinden muß natürlich auch durch die Presse und durch Vorträge für den Plan agitiert werden; es wird außerdem die juristische Stellung des zu gründenden Archivs fixiert werden müssen, was jedoch nicht so schwierig fein wird. Die ersten notwendigen Arbeiten, das heißt die Feststellung dessen, was an älterem archivalischen Material in den verschiedenen Orten verstreut ist, und was entweder durch Rundfragen oder durch eine Rundreise zu ermitteln wäre, ist Herr Dr. Zivier erbötig, ohne Entgelt, nur gegen Ersatz der Reisekosten auf sich zu nehmen; auch ist er bereit, ohne Entgelt und nur gegen Erstattung der Reisespesen durch Vorträge für die Idee propagandistisch zu wirken. Die Großloge des 11. O. B. B. für Deutschland steht diesem Plane sehr sympathisch gegenüber, und da sie den Deutsch - Israelitischen Gemeindebund als das berufenste Forum für -die Weiterförderung desselben anerkannt, so hat sie sich an den D. - I. G. - B. behufs Ausnahme und Förderung dieser Idee geivandt. Der Ausschuß des Gemeindebundes hat den Antrag auf Begründung eines Archivs der deutschen Juden angenonunen und mit den Vor-- arbeiten eine Kommission, bestehend aus den Herren: Rechtsanwalt Dr. Lewin in Stettin, Professor Dr. Philippson und Justizrat Timendorfer in Berlin, betraut. Man sieht, die Angelegenheit ist in den besten Händen und wir hoffen, bald etwas Näheres über die Möglichkeit der Ausführung zu hören. Die Woche. Berlin, 5. Januar, ür die Antisemiten aller Schattierungen ist gegenwärtig Sachsen etwa dasselbe, was für die Liberalen in früherer! Jahren Baden gewesen ist: das Mustertündchen. Die dortigen Einrichtungen und Zustände erscheinen ihnen als musterhaft, vorbildlich und in hohem Grade nachahmenswert. In dieser Ileberzeugung schrieb vor einigen Tagen die „Kreuzzeitung": „Es ist eine bedenkliche Politik, tüchtige Bevölkerungselemente abziehen zu lassen, ja zur Auswanderung zu ermuntern, dagegen zweifelhafte, namentlich aus dem Osten, nufzunehmen und zn naturalisieren. In dieser Hinsicht Wandel zu schaffen und einen be- . stimmteren Willen als bisher zn zeigen, ist eine wichtige Aufgabe der; deutschen Staatsregierungen. Nur in einzelnen Fällen lehnen die zuständigen Behörden es ab,; zweifelhafte Elemente zu naturalisieren, die dann aber in der Regel j bei anderen Bundesstaaten besseren Erfolg haben. So wurden unlängst j in der Dresdener Stadtverordnetensitzung verschiedene Naturali-! sationsgesuche für unbedenklich, dagegen das des Kaufmanns Moses ' Leib (Moritz) Meth aus Lemberg in Galizien, sowie seiner Ehefrau j und seines Sohnes für bedenklich erklärt, lieber die Gründe wurde \ in geheimer Sitzung Bericht erstattet. Danach ist anzunehmen, daß das Naturalisationsgesuch dieses galizischen Zuwanderers nicht bewilligt werden wird. Bei Eingaben von Naturalisativusgesuchen an die zuständigen deutschen Behörden sollten die fremden Zuwanderer verpflichtet werden, anzngeben, ob ihr Gesuch bereits von irgend einem deutschen Staat abgelehnt worden ist, und für solche Fälle sollten in allen Einzelstaaten die zuständigen Behörden angewiesen werden/ auch ihrerseits die Ablehnung auszusprechen. Nur durch eine gewisse Gemeinsamkeit der Entscheidungen ist es möglich, die Einwanderung fremder unerwünschter Zuzügler in Deutschland wirksam zu verhindern." Man sieht, wohin, das fromme. Blatt zielt. Es soll wohl einem diesbezüglichen Anträge im Reichstag vorgearbeitet werden. Hoffentlich aber ohne Erfolg. Auch über die Bemühungen, in den Handelsvertrag mit Rußland günstige Bestimmungen für die jüdischen Kaufleute hineinzubringen, ärgern sich die Antisemiten nicht wenig. Sie versteigen sich sogar zu der Behauptung, daß dadurch das Zustandekommen des Handelsvertrags verhindert werde. Lose Schäker! Der Beschluß des „Kattowitzer Vereins selbständiger Kaufleute", bei der Oppelner Handelskammer vorstellig zu werden, sie möge den Reichskanzler bitten, beim Abschluß des deutschrussischen Handelsvertrages dahin zu wirken, daß selbständigen Kanfleuten und ihren Angestellten, welche deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens sind, der Aufenthalt in Rußland zur Abwickelung ihrer Handelsgeschäfte in gleicher Weise gestattet werde wie nichtjüdischen Handlungsreisenden', 'i]'i ihnen ein Dorn im Auge; namentlich der zweite Teil dieses Beschlusses, daß der Reichskanzler durch Vermittelung der Oppelner Handelskauuner in einer eingehend begründeten Eingabe angegangen werden soll, eine Reziprozität in der Behandlung deutscher Handlungsreisender in Rußland und russischer Handlungsreisender in Deutschland anzustreben. Die Petition soll den kaufmännischen Körperschaften aller östlichen Grenzprovinzen zugänglich gemacht werden, damit diese in ähnlichem Sinne Vorgehen. Es soll besonders betont werden, daß die Tendenz der Anträge keinen, konfessionellen, sondern einen rein wirtschaftlichen Charakter trage. In Rußland gehen die Dinge ihren natürlichen Gang. Herr v. Plehwe bleibt. Das zeigt auch der Verlauf des Prozesses in Kischinew. In den ersten drei Wochen der Prozeßverhandlungen hat der Gerichtsvorsitzende das Kreuzverhör verhältnismäßig wenig gestört; plötzlich hat er dann sein Verhalten verändert und mit solcher Entschiedenheit alle Fragen abgewiesen, die auf die Aufdeckung einer Organisation unter den llebeltütern abzielten, daß die Rechtsanwälte, die drei Wochen lang mit Feuereifer gearbeitet hatten, sofort einsahen, daß weitere Anstrengungen zwecklos seien. Es war klar, daß der Gerichtsvorsitzende gemessenen Befehl aus Petersburg erhalten hatte, dem er nicht zuwider handeln durfte. Die Lage ist offenbar die: sollte Herr v. Plehwe Minister bleiben, so durfte die Aufdeckung der Organisation der Kischinewer Exzesse nicht zugelassen werden, denn wäre diese Organisation ausgedeckt worden, so hätte Herr v. Plehwe nicht Minister bleiben können. Deshalb die Gewaltmaßregeln, die selbst in Rußland, wo man doch an starke Kost gewöhnt ist, allgemeines Befremden erregen, wie die Verhaftung des Rechtsanwalts Sokolow, die Maßregelung der anderen Verteidiger u. dgl. Es soll dadurch