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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-08 · Heft 2 (8.1.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 8. Januar 1904. Jahrgang. No. 2. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljähri. 3 M. Redakteur: Gustav rttarpeles. Begründet von Rabbiner D«- Ludwtg Philippfon. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46IV), zu richten. Verlag non Rudolf Mssse, Berlin. Lin allgemeines Archiv drrdeutkchen Juden. Berlin, 5. Januar. IPtne sehr dankenswerte Anregung vermittelt der Deutsch- Israelitische Gemeindebund, dessen Anregungen - meist auch zur Ausführung gelangen, indem er das Projekt der Begründung eines allgenreinen jüdischen Archivs weiteren Kreisen zur Besprechung vorlegt. Der Fürstlich Pleßsche Archivar Dr. Zivier in Pleß hat schon vor einiger Zeit der Lessing-Loge in Breslau diese wertvolle Anregung unterbreitet. Sein Vorschlag geht dahin, an einem dazu geeigneten Orte Deutschlands (Berlin, Breslau oder Frankfurt a. M.) eine Zentrale zu gründen, wohin eine jede Gemeinde, eine jede jüdische Institution ihre älteren Akten, die für die lausende Verwaltung nicht mehr in Frage kommen, zur weiteren Aufbewahrung und Nutzbarmachung für geschichtliche und andere Forschungen abgeben kann. Diejenigen Gemeinden oder Körperschaften, welche aus das Eigentum au diesen Archivalien nicht verzichten, können sich dasselbe Vorbehalten und die Akten nur' bei der Zentrale deponieren, diejenigen endlich, welche für sachgemäße Aufbewahrung und Ordnung selber sorgen wollen, mögen dies tun und an die Zentrale nur ein Verzeichnis der Akten ev. Abschrift wichtiger Schriftstücke einsenden, um eine Kenntnis darüber zu erhalten, ivas an archivalischem Material bei den Juden vorhanden ist. Auch iin Besitze von Privatpersonen werden sich manche diesem. Zwecke dienende Dokumente befinden. Dies die von Dr. Zivier ausgehende Anregung. Die Gründe, die ihn hierzu veranlaßt haben, und die sicherlich bei allen, die Interesse an der Geschichte und der Entwicklung des jüdischen Stammes haben, 'lebhaften Anklang finden werden, liegen eigentlich auf der Hand. Jeder größere Volksstamm hat ein Archiv seiner Altertümer und bietet dadurch der geschichtlichen, rechtsgeschichtlichen, kulturellen, soziellen oder sonstigen Forschung dauernd Raum und Interesse, wodurch nach und nach immer mehr aus der Vorzeit hervorgeholt und der wißbegierigen forschenden Nachwelt vor Augen geführt wird. Die Judenheit und besonders die deutsche, besitzt nichts hiervon, und es ist nicht zu bezweifeln, daß dies für die wahrheitsgemäße Erforschung unserer .Vergangenheit nicht nur interessant, sondern dringend nötig -wäre; haben wir doch die Pflicht, das Versäumte nachzuholen, unseren Nachkommen die Wege der Forschung und Erkenntnis ZU ebnen und zu retten, was zu retten ist, ehe es zu spät wird. Wenn bisher den Juden der Sinn und das Interesse hierfür gemangelt hat, so liegt dies in der Stellung, die die Juden in Deutschland einnahmen, in dem wechselnden Geschicke ^derselben, in dem Drucke, unter dem sie bis in die neue Zeit hinein zu leiden hatten, und nicht zum wenigsten in dem hastenden Erwerbsleben begründet. Die Neuzeit, die den Juden die Emanzipation brachte, nach Jahrtausende langer Nichtachtung und Unterdrückung derselben, war zwar geeignet, ihre Position zu bessern, ihre Lebensführung zu erleichtern und bei ihnen, wenn auch langsam, wieder das Gesamtbewußtsein zu wecken, aber der Ahnenstolz hatte erheblich eingebüßt, da man in der Hoffnung besserer Zukunft nur zu sehr geneigt war, über die traurige Vergangenheit einen Schleier zu breiten, um nicht immer an sie erinnert zu werden. Dieses den Juden abhanden gekommene Bewußtsein der Verantwortung für die Rettung und Sammlung alles dessen, was trotz der Ungunst der Zeiten noch von schriftlichen Dokumenten aus älterer Zeit auffindbar ist, und was besonders die Verwaltung von Gemeinden, Stiftungen, Verbänden und. Korporationen an wichtigen schriftlichen Auszeichnungen hervorbringt, führt mit Notwendigkeit zur Begründung eines allgemeinen Archivs der deutschen Juden. Wenn derartige Dokumente nicht sorgfältig gesammelt und sachgemäß aufbewahrt werden, dann geht es für die Zukunft verloren, und uns würde mit Recht von der. Nachwelt der Vorwurf gemacht werden, daß wir einer dahin zielenden Anregung nicht Folge gegeben haben. Für die Möglichkeit des Zustandekommens eines solchen Zentralarchivs ist -das Prager Archiv des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen anzuführen, welches 1861 angelegt ist, jetzt einen hohen Aufschwung genommen und bedeutende wissenschaftliche Arbeiten und sonst nie bekannt gewordene Aufschlüsse gezeitigt hat. Damit über den Plan des Dr. Zivier kein Mißverständnis entstehe, wird aber ausdrücklich erklärt: Es handelt sich um - die Errichtung eines Zentralarchivs für das ganze Reich und um die Sammlung und Aufbewahrung von Schriftstücken aus älterer Zeit, die für die jüdische Geschichte von urkundlichem Werte find, zum Zwecke der Forschung. Dies in Kürze der Zweck des Ganzen. . Nun noch etwas über die finanzielle Seite, über die Mittel, die zur Begründung und noch mehr zur Erhaltung nötig sind. Da dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde die Mittel hierfür nicht direkt zur Verfügung stehen, so wird derselbe sich in erster Reihe an diejenigen Institutionen wenden müssen, die, an der Schaffung ein Interesse haben, und das sind vor allem die Großgemeinden: auch ein privates Wirken der einflußreichsten Vorstandsmitglieder des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes für diese. Idee würde ersprießlich sein; hierdurch ließ sich vielleicht am ehesten erreichen, daß eine der größeren Gemeinden in ihrem Gemeindehause die nötigen

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