Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Herr Geheimer Rat Professor Siv Paul Ehrlich durch die große goldene Medaille für Wissenschaft ausgezeichnet worden. Professor Ehrlich zählt zu den Begründern der neueren Lehre von der Immunität, er hat einen wesentlichen Anteil an der wissenschaftlichen Begründung und dem Ausbau der von Behring geschaffenen Serumtherapie. 1854 zu Strehlen in Schlesien geboren, machte Ehrlich seine medizinischen Studien in Breslau und Straßburg. Besonderen Einfluß hatten auf ihn Cohnheim und Weigert. Nachdem er 1878 die ärztliche Staatsprüfung abgelegt hatte, wurde er Assistent an der ersten medizinischen Klinik in der Chäritä, die damals Frerichs leitete. Nachdem Ehrlich sich schon während seiner Studentenzeit mit Untersuchungen beschäftigt hatte, die darauf abzielten, mit Hilfe der anilinfarbenanalhtischen Methoden neue Aufschlüsse über Vorgänge und Veränderungen an den Elementen des Körpers zu gewinnen, beschäftigt hatte, lenkte er zuerst die Aufmerksamkeit auf sich, als er eine längere Reihe von Untersuchungen über die Zusammensetzung des Blutes.veröffentlichte. Sie haben insbesondere das Verhalten der weißen Blutkörperchen, gegenüber bestimmten Anilinfarbstoffen zunr Gegenstände. Es gelang Ehrlich durch das neue Verfahren, wesentliche neue Ausschlüsse über die verschiedenen Formen der weißen Blutkörperchen, ihre Kernverhältnisse n. a. m. zu verschaffein Er brachte in: ganzen die Kenntnis von den weißen Blutkörperchen auf eine neue Stufe. Damit leistete er sowohl der Biologie als auch der klinischen Medizin einen namhaften Dienst. Alle diese Arbeiten veröffentlichte Ehrlich in der äußerlich bescheidenen Stellung eines Assistenten, die er zuerst an der-ersten und nach Frerichs Hinscheiden an der zweiten medizinischen Charite-Klinik, unter. Gerhardt, inne hatte. 1889 wurde Ehrlich als Privatdozent bei der Universität' zugelassen, nachdem er schon 1884 als eine damals für einen Assistenten seltene Auszeichnung den Professortitel erhalten hatte. Als nach der Darstellung des Tuberkulins 1890 für die von Robert Koch eingeleitete Richtung der Bekämpfung der bakteriellen ansteckenden Krankheiten hier das Institut für Infektionskrankheiten begründet wurde, trat Ehrlich an dieses über. Hier traf er mit Behring zusammen. Im Sinne der im Kochschen Institut innegehaltenen Arbeitsrichtung wandte sich Ehrlich fortan den Forschungen zur Jmnmnitätslehre zu. Durch seine neue Theorie, die vielfach experimentell erhärtet wurde, schlug Ehrlich die Brücke zwischen der Bakterienkunde und der Zellenphyfiologie und Pathologie. Die wichtigen Ergebnisse dieser Forschungen waren die Veranlassung, daß Ehrlich zunächst 1891 eine außerordentliche Professur erhielt und sodann 1896 an die Spitze des damals begründeten Instituts für Serumforschung und Serumprüfung gestellt wurde. Diese Anstalt gab den Grundstock des Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M. ab, das Ehrlich feit 1899 leitet. Das Leben eines solchen Mannes gereicht dem Judentum, dein er angehört, zur Ehre und entschädigt uns für eine ganze Legion von getauften Privatdozenten und Professoren, deren Namen niemand kennt. —■t. München, 27. Dezember. Gestern Abend um V26 Uhr erlöste der Tod von weiteren Leiden denjenigen Mann, auf dessen Person sich vielleicht die meisten Ehren gesammelt haben, welche jemals ein bayerischer Jude genossen hat. Im 80. Lebensjahre verstarb Max Ritter von Wilmersdörffer, in seinem Berufe Bankier, welcher die Würden eines königlich bayerischen Kommerzienrates, eines königlich sächsischen geheimen Kommerzienrates und eines königlich sächsischen' Generalkonsuls bekleidete. Max von Wilmersdörffer war ein Mann von außerordentlicher Bildung, ein Freund der Wissenschaft, der wegen seiner persönlichen wissenschaftlichen Neigungen mit den gelehrtesten Kreisen in Beziehung stand, der sich des Besitzes einer großartigen Sammlung von Büchern, insbesondere von Iudaica erfreute; auch die Münzenkunde pflegte er eifrig, insbesondere durch den Besitz einer kostbaren Sammlung. Er trug das Komthurkreuz des königlich sächsischen Verdienstordens und des Albrechtsordens) und 1 auch sein eigener Landesherr hatte ihn mit Ordensauszeichnungen bedacht, welche vor ihm höher' keiner seiner Stammesgenossen in Bayern getragen hat; es find das Komthurkreuz des Verdienstordens vom heiligen Michael und das Ritterkreuz des Zivilverdienstordens der bayerischen Krone, mit welchem der persönliche Adel, verbunden ist. Tatsächlich hat sich Max von Wilmersdörffer^ein großes bürgerliches Verdienst erworben dadurch, daß er die Vermögensangelegenheiten des Prinzregenten und seiner Familie, die in Wirklichkeit keine Privatangelegenheit, sondern eine öffentliche Angelegenheit von wesentlichem Interesse für die Bevölkerung bilden, mit großer Gewissenhaftigkeit und mit großem Geschicke erfolgreich seit langer Zeit besorgte. Er genoß auch persönlich die gnädige Anerkennung des Prinzregenten, der seiner Teilnahme für den Kranken dadurch Ausdruck gab, daß er sich alltäglich nach seinem Befinden erkundigen ließ. Das Geschäft, in welchem v. W. tätig war, das älteste Bankgeschäft hiesiger Stadt, wurde unter der Firma I. N: Oberndörffer 1829 von seinen Oheimen begründet und von ihm persönlich schon mehr als 50 Jahre, darunter etwa 24 Jahre lang in offener Handelsgesellschaft mit dem bekannten Mäcen jüdischer Wissenschaft Abraham Merzbacher, erfolgreich betrieben. Max von Wilmersdörffer, der in seinem religiösen Leben eine konservative Haltung bewahrte, — sein Geschäftslokal war trotz seiner vornehmen Kundschaft eines der wenigen am Sonnabend und an den jüdischen Festtagen geschlossenen — hat auch von 1864—1869 die Stelle eines Vorstehers der hiesigen Kultusgemeinde bekleidet. Die hiesigen Münchener Neuesten Nachrichten rühmen ihm unter anderen: auch nach, daß er als Numismatiker sich eines Weltrufes erfreute, daß er an der Errichtung des Denkmals Königs Max II. in der Maximiliansstraße sich hervorragend,' nämlich durch Führung der lange Jahre in Anspruch nehmenden Kassengeschäfte, beteiligte und bei Erwerbung von manchem Kunstwerk, das heute München ziere, hilfreiche Hand geleistet habe. — Seine Königliche Hoheit der Prinz-Regent haben unmittelbar nach Kenntnis der Nachricht vom Tode des königlichen Generalkonsuls Max von Wilmersdörffer durch den Geheimen Hofrat von Klug persönlich in der Sterbewohnung den Hinterbliebenen Allerhöchst Ihr Beileid an dem großen Verluste zun: Ausdruck bringen und einen prachtvollen Kranz zu Ehren des Verstorbenen übergeben lassen. 0. Zweibrücken, 26. Dezember. Der Konflikt * zwischen Rabbiner und Gemeinde, von dem ich Ihnen jüngst berichtet, ist leider noch nicht beigelegt. Die Klage der Gemeinde Zweibrücken gegen den Bezirksrabbiner Dr. Eugen Meyer wegen Vertragsauflösung wurde zwar durch Urteil der ersten Zivilkammer des königlichen Landgerichts dahier wegen Unzulässigkeit des Rechtsweges zurückgewiesen. Leider aber wird gegen , dieses Urteil von seiten der Kultusgemeinde Berufung beim königlichen Oberlandesgerichte dahier eingelegt werden. Entscheidet das letztere gleich dein Landgerichte, so liegt der Fall vor, daß die Verwaltungsbehörden — Negierung :u:d Ministerium — sich für unzuständig erklärt haben, weil die Sache zivilrechtlicher Natur und deshalb den Gerichten unterstellt sei, während andererseits die Gerichte wieder entschieden hätten, daß. nicht sie, sondern die Verwaltungsbehörden zuständig seien. Esmüßte alsdann von seiten der Klägerin bei den: Kompetenz-Konfliktshose in München beantragt werden, daß dieser die Stelle bezeichnet, welche in der Sache Recht zu sprechen hat. Diese also bestimmte Stelle hätte da::n endgültig über den Rechtsstreit zu entscheiden. (Ist denn . eine friedliche Einigung absolut unmöglich? Die Red.) Oesterreich-Ungarn. □ SÖictt, 28. Dezember. Deutsch-nationale Studenten haben es dnrchgesetzt, daß der seit langen Jahren an der technischen Hochschule bestehende Chemisch-technische.Verein seine Statuten einer Aenderung im antisemitischen Sinne unterziehe. Es kau: bei der Generalversammlung, welche sich mit dieser Statutenänderung befaßte, zu höchst drolligen prinzipiellen Erörterungen. Bei der Bestimmung, daß nicht nur Juden, sondern auch Arier, welche mit Juden verkehren, aus dem Verein ballotiert werden können, fragte ein Mitglied der Versammlung, ob es dann auch verboten sei, bei Iupen,Nachhilfeunterricht zu erteilen. Nein, rief,man ihm von allen Seiten zn, „das ist erlaubt!" Der deutsche Jüngling . darf also mit einem Juden nicht gratis verkehren, sondern sich ihm nur . gegen Geld verdingen. — Eine Versammlung der jüdischen Großgrundbesitzer der Bukowina fand in Czernowitz statt, um angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen eine Organisation zu schaffen. Anlaß zur Versammlung gab nach einem vom Exekutivkomitee.des jüdischen Großgrundbesitzes ausgegebenen Communique die Tatsache, daß bis jetzt die jüdischen Gutsbesitzer des Wahlrechts nicht einmal nach-seiner aktiven Seite teilhaft waren. Hieran trage in erster Linie die In-