Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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■ L dolenz des einzelnen Schuld. Durch eine Organisation müsse nun die Möglichkeit geschaffen werden, daß die jüdischen Großgrundbesitzer ein Politischer Faktor werden. An der Versammlung nahmen von den vierzig^Geladenen dreißig teil, die übriger! haben ihre Zustimmung schriftlich ausgesprochen. Es wurde ein siebengliedriges Aktionskomitee getoühlt. — Eine hervorragende Auszeichnung wurde durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Leopold-Ordens dem Ministerialrat im Eisenbahuministerinm, Kainill Kuranda, einem Sohne des Volksmannes Kuranda, zu teil. Amerika. Ii. NcWyort, im Dezember. Salomon Loeb, Mitglied der weltbekannten Bankfirma Kuhn, Loeb & Co., starb am 12. d. M. in seinem 75. Lebensjahre. Loeb rvar aus Worms gebürtig, kam 1849 nach den Vereinigten Staaten, wo er von kleinen Anfängen sich zu einem der führenden Bankiers emporarbeitete. Seine Wohltätigkeit war großartig. So errichtete er aus eigenen Mitteln das Gebäude der jüdischen Wohltätigkeitsgesellschast mit einem Aufwande von 800 000 bis 400 000 Dollars. Einer seiner Söhne ist Professor der Botanik an der Columbia, üniversity, einer seiner Schwiegersöhne ist der sehr bekannte Philanthrop Jacob H. Schiff hier. Von Osh und ffern. — Unter den Petitionen an den Reichstag findet sich auch eine des Herrn Fritz Pieske in Charlottenbürg, der den Reichstag zu beschließen ersucht, „die Negierung und die Bundesstaaten zu veranlassen: die Neichsverfassung zeitgemäß zu ergänzen, das Neichstagswahlgeseß im Sinne des preußischen Dreiklassen-Systenis zu verbessern und die Emanzipation der Juden dahin abzuändern, daß in Zukunft keine Juden, auch keine getauften, zum Reichstag, zur christlichen Obrigkeit, zur Justiz und zum Lehrfach zugelassen werden." — Herr Heinrich Eisner, Seniorchef des Hauses Albert Hahn, Röhreuwalzwerk, ist zürn königlichen Kommerzienrat ernannt^ worden. — Herr D. Wolfs in Thorn, der bereits über25Jahre daselbst Stadtverordneter ist, ist nun auch zum Mitglied der Handelskammer gewählt worden. — Wie die „Ostd. Tagesztg." berichtet, ist der Kreisschulinspektor Rohde in Könitz in gleicher Eigenschaft zum 1. Januar 1904 nach Sullenschin. Kreis Carthaus, versetzt worden. — Gegen das Erkenntnis, durch welches Graf Pückler-Klein-Tschirne und der Stenograph Schimmelmann vorn Landgericht II Berlin wegen wiederholter Beleidigung mit 6. Oktober d. I. zu 60 bezw. 30 Mark Geldstrafe verirrteilt wurden, ist durch den Vertreter der Nebenkläger, der jüdischen Einwohner Glogaus, Justizrat Friedmann in Glogau, abermals Revision eingelegt worden. Dies geschah, weil nicht wegen , schwerer Beleidigung und nur ans eine geringe Geldstrafe erkannt 'wurde außerdem aber weil bezüglich eines Gistmordversuchs Freisprechung'- erfolgte. — Anläßlich der Jubelfeier der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur in Breslau wurden zu Ehren-. Mitgliedern des Vereins' ernannt die Herren: Geheimer Justizrat Freund in Breslau, Medizinalrat Dr. Weigert in Frankfurt a. M. Zu korrespondierenden Mitgliedern wurden ernannt: Geh. Medizinalrat ProfeffVr Dr. Ehrlich in Frankfurt a. M., Professor Dr. Landau in Berlin, Professor Dr. Salomonson in Kopenhagen. — Die eiserne Hochzeit beging am verflossenen Montag das Ehepaar Hirsch-Cohn und Frau, geb. Cohn, in Hamburg; das ehrwürdige Paar ist noch vollkommen rüstig. Herr Hirsch-Cohn zählt 93, seine Gattin 86 Jahre. — In Dortmund ist der Bankier . Herm. S-tern int Atter von 52 Jahren gestorben. Er war in weiten Kreisen wegen seines ehrenhaften Charakters, seiner wohltätigen Gesinnung beliebt und geachtet. Schon seit längerer Zeit leidend, übernahm er nach dem Ableben des früheren Vorsitzenden des Vorstandes der Dortmunder Synagogengemeinde, Adolf Elias, dessen Amt und widmete noch bis in die letzte Zeit feine Aufmerksamkeit den Angelegenheiten der Gemeinde. Ehre seinem Andenken! — In Frankfurt a. M. feierte am 28. d. M. der bekannte Historiker Professor' Dr. Ludwig Oelsner sein 50jahriges Dvktorjubiläum. Derselbe war früher Lehrer am Philanthropin und 32 Jahre unterrichtete' er am Wöhler-Reälgymnafium. — Der Faktor Siegmund Jonas zu Rödelheim bei Frankfurt a. M. feiert am 15. Januar 1904 das 50j'ährige Jubiläum seines Eintritts in die weltbekannte hebräische Buchdrnckerei und Verlagshandlung von M. Lehrberger & Cie. zu Rödelheim (jetziger Inhaber I. Kaufmann-Frankfurt a. M.). — Die durch den Tod des Oberkirchenrats Benzinger erledigte Stelle eines Mitglieds der israelitischen Oberkirchenbehörde ist Rechtsanwalt Dr. Schloß in Heilbronu übertragen worden. — Die f r a u z ö sische Revisionskoutmission sprach sich einstimmig für die Zulässigkeit des Nevisionsgesuches von Dreyfus aus.. Die „Liberte" erklärt, aus bester Quelle erfahren zu habendaß die Wiedereinstellung Dreyfus' in die Armee im Kabinett des Kriegsministers sehr ernsthaft erwogen werde. Das Artillerieregimentin welches Dreyfus eingestellt werden solle, sei . bereits bezeichnet und zu diesem Zwecke eine Veränderung in den Offizierstellen vorgenommen worden. Dreyfus werde sofort nach dem Spruch des Kassationshofes zum Kommandanten ernattnt und am darauffolgenden Tage in die Liste der Oberleutnants atlfgenommen .werden. — In Paris kam es am 25. d. M. in einem eleganten . Restaurant zu einem heftigen Austritt. Baron de Malroy, ein bekannter Nationalist und Lebemann, der auch an dem Angriff gegen Loubet auf dem Rennplätze in Auteuit teilgenommen hatte, rief: „Nieder mit den Juden." Darauf sprang der israelitische Hauptmann Levy auf, der mit mehreren Freunden im Restaurant saß, und versetzte dem Baron eine: Ohrfeige. Am 27. v. M. fand ein Degenduell zwischen den beiden statt, wobei Hauptmann Levy atu Handgelenk verwundet wurde.— Dr. M a x Nord au teilt der „B. Z." auf eine drahtliche Anfrage über den auf ihn verübten Anschlag mit, er halte denselben für das Werk eines Gestörten. „Den Täter habe ich vorher nie gesehen und seilten Namen nie gehört. Das ihm zugeschriebene Gerede von einer Verschwörung russisch-jüdischer Studenten, die mich zum Tode verurteilt und den Vollstrecker durch das Los bezeichnet hätten, halte ich für Flunkerei oder Delirium. Da ich aus. Äem Abenteuer völlig heil hervorgegaugen bin, lege ich ihm weiter, keine Bedeutung bei." — Hebetdie Verteilung der jüdischen Bevölkerung des Königreichs Italien werden folgende Ziffern bekannt. Es hatten jüdische Einwohner: Rom 7112, Mailand 3012, Turin 2828, Livorno 2418, Venedig 2399, Florenz 2219, Ancona. 1285, Ferrara 1227, Mantua 1068, Padua 811, Genua 800, Modena 698, Bologna 675, Verona 553, Pisa 467, Casala Mouf437, Alessandria 374, VercM369, Asti 302, Neapel 265, Cuneo 170, Parma 169, Reggio Emilia 160, Rovigo 156, Sienna 106, Perusia 103, San Remo 94, Urbino 92, Brescia 61, Palermo 54, Pesaro und Prato je 50, Specia 46, Növara 22, Piacenza 20, Ravenna 13, Ascoli 12. — Die Unterhandlungen zwischen Dr. Herzl und der „Jca" wegen Unterstützung des ostafrikanischen Unternehutens sollen sich mach dem Bericht verschiedener Blätter zerschlagen haben, weil die „Jca" als erste Bedingung für ihre Beteiligung das Prinzip aufstellte, daß dent Kolonisationsunternehnten jede wie immer geartete politische Tendenz ferngehalten würde. Uns ist davon nichts bekannt. — Zu dem bereits gemeldeten Urteile in dein Prozeß wegen der gegen die Juden gerichteten Unruhen in Kischinew ist noch nachzutragen, daß die Anklage auf vorherige Verabredung der Schuldigen vorn Gerichtshof verworfen nnrrde. Die Begründung des Urteils soll am 12. Februar erfolgen. Wie es heißt, wollen die Geschädigten. eine Revisionsklage vorbereiten und gegen die ganze Kischinewer Polizei Strafanzeige einreichen. 13 Polizeioffiziere und vier Schutzleute sollen der aktiven Teilnahme und der Begünstigung durch viele Zeugen beschuldigt werden. — In Odessa hat ein Herr Jglicky das Recht erhalten, ein mit. Oeffentlichkeitsrecht versehenes jüdisches Obergymnasium zu eröffnen. Dasselbe soll anfangs Januar 1904 eröffnet werden. Herr Jglicky pflegt nun, wie der „Fraind" meldet, mit den Lehrern des Odessaer Staatsghmnastums Unterhandlungen, um sie für die Erteilung des Unterrichts in seinem Gymnasium zu gewinnen. — In derselben Stadt wohnen seit geraumer Zeit mehrere Gruppen, die der Sekte der „Judaisierenden" angehören und aus dem Gouvernement Tamboff herstantmen. Diese Proselyten, fast sämtlich Bauern, waren nach Palästina ausgewandert, um dort die Sabbatruhe halten zu können: aus Mangel an Arbeit kehrten sie nach Odessa zurück, um sich daselbst unter der jüdischen Bevölkerung anzusiedeln.