Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228583--60480-3274249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11 Das Mädchen seufzte. „Verzage nicht, mein Kind, Du hast Deine Mutter zur Seite, die ebenso denkt wie Du. Du sollst nicht der Spielball eines Rechenexempels werden; ein Ma.nn, dem es nur um Dein Geld zu tun ist, soll Dich nicht erringen. Ich habe einen viel vorurteilsfreieren Blick als Dein Vater und werde dies zur Geltung zu bringen wissen." Kapitel 11. Frau Berger hatte natürlich vergessen, was ihr Dr. Weil im Sommer empfohlen, und schwelgte immer weiter in den Genüssen der Großstadt. Ihr Mann, dein die Kraft fehlte, zu widerstehen, hatte fast jeden Abend das Vergnügen, seine Frau in irgend eine Veranstaltung zu begleiten oder' bei sich Gäste zu sehen. Die Frau behauptete einfach: „wir sind das unserer Tochter schuldig," und das Mädchen widersprach nicht mehr. Heinrich, der den: Abiturientenexamen mit gemischten Gefühlen entgegensäh, begleitete die Damen nur, um den geplagten Vater zu entlasten, und dann nur ins Theater oder in ein Konzert. Sonst nahm er anr gesellschaftlichen Leben nur teil, wenn bei seinen Eltern getanzt wurde; für alles andere hatte er keine Zeit. Seine Mutter seufzte viel über den Jungen. „Du beninunst Dich zu kindisch, Heinrich, Dir fehlt der höhere Schwung!" Doktor Weil, der sein Versprechen gehalten und die Familie Berger besucht hatte, wurde an den Gesellschaftsäbenden ein gern gesehener, wenn auch seltener Gast. Er, den die Mütter heiratsfähiger Töchter als begehrenswerten Schwiegersohn einzufangen suchten, hielt sich von den jungen Mädchen fern. Mit Erna, deren Tischherr er bei der ersten Einladung war, unterhielt er sich längere Zeit, von da an jedoch sprach er nur noch knappe Begrüßungsworte zu ihr. Mit Herrn Berger und Heinrich dagegen unterhielt er sich außerordentlich gern und war bald so vertraut mit ihnen, wie ein näher Verwandter. Herr Berger machte ihm einst freundschaftliche Vorwürfe über die Seltenheit seiner Besuche. „Darf ich ungeniert reden, ohne daß Sie mir grollen?" „Ich bitte darum," war die einfache Antwort. „Ich finde es am gemütlichsten bei Ihnen, wem: ich Sie und Ihren Sohn allein treffe. Die Allüren Ihrer Damen find mir zu antisemitisch! „Sie scherzen wohl!" „Durchaus nicht. Das verächtliche Herabblicken auf alles, was jüdisch heißt und jüdisch ist, und das damit in engem Zusammenhang stehende Andrängen an andersgläubige Menschen und Einrichtungen ist mir zuwider. Bei Ihrer Frau Gemahlin ist dies krankhaft, sie will durchaus in nichtjüdischen Kreisen glänzen, und damit steht dieses maßlose Verlangen nach gesellschaftlichen Zerstreuungen in inniger Verbindung. Schlimm, sehr schlimm ist es, daß Ihre Tochter, ein Mädchen von so großer Geistes- und Herzensbildung, dadurch mit verdorben wird. Dieses Begünstigen des andersgläubigen Elementes muß und wird die traurigsten Folgen haben." Herr Berger lächelte gezwungen. . „Sie sehen zu schwarz, mein lieber Doktor. In der heutigen gesellschaftlichen Welt kann man sich nicht von den Christen trennen, und man soll es auch nicht. Darin bin ich mit meiner Frau einverstanden. Und in meiner Tochter ist ein zu solider, guter Kern, als daß sie sich durch Aeußerlichkeiten blenden ließe." Der Doktor erhob sich. „Sie wissen, Herr Bergerdaß nur die Freundschaft zu Ihnen allen mich so reden ließ; ich mußte Sie warnen. Es : ist ferner meine Pflicht als Arzt,. Ihnen zu versichern, daß, wenn Ihre Frau noch zwei Jahre den Vergnügungen so nachjagt, ihr Geist lange vor dem Körper aufgebraucht ist." „Ich habe scharfe Augen und deshalb bitte ich Sie, achten Sie aus Ihre Tochter und deren Verkehr in Ihrem Hause, damit Sie Ihre so große Toleranz nicht später zu bereuen haben." „Herr Doktor, sollten wir alte Leute wirklich unsere Zeit : besser erkennen und duldsamer sein als Sie, junger Mann? Doch wie es auch sei, ich danke Ihnen. Diese Aussprache bestätigt mir, daß Sie ein wahrer Freund sind." Er reichte ihm die Hand mit festem Drucke. — Herr Berger hatte die Wochen vor Weihnachten unermüdlicher gearbeitet als seine Angestellten. Er schien sich verviel-! sättigen zu können, in seinem Geschäfte war er überall zu sehen.! Und wahrlich, Nerven durfte der Mann nicht haben bei dein j brausenden Lärm, bei den tollen Farben- und Lichtorgien, denen! er nur während der kürzen Mittagspause entfloh.! In den Fächern, aus den Tischen waren die unzähligen Massen von Waren aufgestapelt. In den schmalen Gängen schoben sich, drängten sich die Käufer. Ungeniert stieß der Arbeiter das fein gekleidete junge Mädchen ans Seite. Die in Pelz gehüllte Dame drängte sich zwischen der Fabrikarbeiterin und dem Bauer, alle die Tausende und abermals Tausende von dem einzigen mächtigen Verlange!:! getrieben, Geld und viel Geld auszugeben, j Und die Kassiererinnen! Hochrot im Gesicht, schweiß-! bedeckt, mechanisch wie ein. Automat, nahmen sie die Zettel,! das Geld . in Empfang, gaben Geld heraus. Während sie! einen Käufer abfertigten, streckten sich ihnen zehn andere! Hände entgegen. j Mit fieberhaftem Eifer arbeiteten Verkäufer und Ver-! küuferinnen, nicht nur, weil die Rayonchefs überall zur Hand j waren, sondern weil sie wußten, daß die erfolgreichsten Ver- : kaufer in der Stellung und im Gehalt aufrückten.! (Forts. folgt.) | ' j Der brennende Dornbusch. | Von Rabbiner Dr. Adolf Bl umenthal-Ratibor s. A. elch Zauberschein des Hirten Aug' umfließet, Da er die Herde treibt aus öder Flur! Ist es ein Wunder, das sich ihm erschließet? Ist es des Wüstenwandrers Trugbild nur? Er sieht, wie Dornen hell auslodernd brennen . . . . . Die Stimme Gottes wird daraus gehört, Und — soll er's Fügung oder Täuschung nennen? — Der Dornbusch brennt, doch wird er nicht verzehrt. Der Hirte ward erkoren zum Propheten — Der Väter Schicksal auch dem Enkel gilt: Sein Erdenlos ist Denken, Dulden, Beten, Vom fernen User lockt das alte Bild. Klein und verachtet gleich dem Dorngeäst Ward Israel von Feindesglut verheert. Doch spricht der Herr aus Judas letztem Rest, Dann brennt der Dornbusch und wird nicht verzehrt. Welch tiefes Weh! Versunken sind die Sonnen. Das Auge weint und blutend weint das Herz. Da schöpften Trost sie aus dem heil'gen Bronnen, lind sie vergessen ihren heißen Schmerz. Naht grausam auch der Tod und das Verderben, Weil Neid und Haß und Bosheit es begehrt — Es stirbt der Held — sein Mut kann nimmer sterben. Der Dornbusch brennt, doch wird er nicht verzehrt.