Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen, aber ich fürchte mich, ich fürchte mich zu Tode." Und nun nahm ich in aller Eile ein Laken von meinem Bett, stellte zwei Stühle wie eine Bahre zusammen und legte meinen Sohn Benjamin darauf und bedeckte ihn mit dem Leintuch. Dann zündete ich zwei Lichte an und stellte sie auf den Boden am Kopfende. So-warteten wir. — Nach einiger Zeit hörte ich die Menschenräüber draußen und ich rannte zur Tür, riß sie auf mit einem wilden Schrei und rief: „Ihr seid zu spät gekommen; mein Sohn Benjamin starb bei Sonnenaufgang, seht, wie ich ihn zum Begräbnis hingelegt habe." Und einer der Männer — es waren zwei — sagte: „Gelobt sei der Name des Herrn", und dann schritt er hinter mir drein, ging zu den Stühlen, hob eine Ecke des Lakens auf, wendete sich dann zu dem anderen und sagte: „Sie spricht die Wahrheit; wir sind zu spät gekommen, er ist tot." Dann schritt er hinaus. Aus der Schwelle faßte ich seine Hand, drückte schnell eine Silbermünze hinein, dafür, daß er mich und meinen Sohn gerettet hatte. Und der Mann sah mich mit großen Augen erstaunt an, sagte aber nichts. Dann Paßte ich auf, bis sie die Straße hinunter waren und dankte Gott für meine Befreiung, und zu gleicher Zeit bedachte ich, daß morgen ein leerer Sarg ans meinem Hause hinausgetragen werden müsse, und daß ich meinen Sohn zu verbergen habe, bis ich im stände wäre, ihn sicher wegzubringen, — und zuletzt, als die Männer nicht mehr zu sehen waren, stog ich zu dein Knaben, riß das leichte Tuch hinweg und rief ihn beim Namen. Er aber antwortete nicht, sondern schlief ruhig weiter, erschöpft von dem Wachen und der Aufregung der Nacht. Und dann schüttelte ich ihn, danüt er erwache, klißte ihn auf den Mund, — auf zwei kalte leblose Lippen, — und ich sah, was ich sah. — Und der Sarg, der aus meinem Hause getragen wurde, war nicht leer. — Der Name des Herrn war gelobt! Aber was ist das? Ich sagte Dir doch, weine! Und nun kommen Deine Tränen weniger zahlreich um Dein Kind, das noch ein Säugling war? Und nun laß Dir erzählen von meiner Tochter Esther, die Hadassah, die Myrte, genannt wurde; denn ihr Atem war Wohlgeruch und sie blühte Sommer und Winter, und alles in allem war sie 16 Jahre alt. Und allen, die ihr einen Heiratsantrag machten, antwortete sie: „Ich kann nicht von meiner Mutter Haus gehen, denn da inein Bruder Benjamin starb, muß ich für sie und die Kleinen (damit meinte sie die Zwillinge) arbeiten, damit sie nicht verhungern." Unsere Beschäftigung war aber das Pflanzen von Kräutern und Gemüse, das sie in der Stadt verkaufte. Und niemand zahlte so freigebig wie der Gallach (das ist der Geistliche), ein alter, frommer Mann, der in der Furcht des Herrn lebte. Aber er starb um diese Zeit, und an seine Stelle kaur ein junger Mann, ein Wolf im Schafskleide, der böse Dinge im geheimen tat. Und als meine Tochter das dritte Mal in seinen; Hause war, kam sie zurück mit flammenden Wangen. „Mutter," sagte sie, „der Gallach hat mich daran erinnert, das; ich jetzt eine Jungfrau bin." Von dieser Zeit an trug ich ihm das Produkt unserer Felder hin. Oft fragte er nach meiner Tochter, und ich wußte es, zu keinem guten Zweck, denn er ging täglich am Hause vorüber, um nach ihr auszuspähen. Eines Tages kam er herein und fragte, ob ich nicht ein Wachtelhündchen gesehen, das ihm verloren gegangen. Grade da trat meine Tochter herein und er ries aus: „Siehe da, ich ging ans, ein Wachtelhündchen zu suchen, und ich finde die Rose von Saron.". Und sie antwortete schnell und unbedacht: „Für die Sache, die Sie suchen, wäre ein Hund besser als eine Rose von Saron." Er biß sich auf die Lippen, sah ihr voll ins Gesicht und sagte: „Sogar die Rosen von Saron haben Dornen, und doch Ist es wünschöns-- wert sie zu pflücken." Und er fuhr fort, in beleidigender Weise bei diesem Worte zu verweilen. Von nun an kam er öfter ins Haus, und ich wagte nicht, ihm den Eintritt zu verbieten, aber ich bat Esther, sie möge nach höflichem Gruß das Zimmer verlassen, nicht sich mit. ihn: in Rede und Gegenrede einlassen. Was aber können schwache Frauen wie wir gegen einen tun, der mit dem Satan selbst im Bunde steht? Als nun meine Tochter verschwand — ^wie ein Stein, der in einen Brunnen geworfen wird — da kam er auch noch und fragte nach ihr, und wenn ich ihm sagte, sie ist nicht da, ist verschwunden, dann lachte er und sagte: „Ihr hattet sie ans Furcht vor mir verborgen, und das ist unrecht, denn ich bin ein Mann Gottes und würde keinem menschlichen Wesen Böses tun." Er sagte es so ehrlich, daß ich lange Zeit zweifelte, ob sein Gewissen rein sei oder nicht. Indes aber suchte ich nach der Verlorenen, bat die Fischer, beim Fischefangen acht zu geben, suchte und suchte, und die Zeit verging.. (Schluß folgt.) Linder unserer Leit. Roman von Jacob Levh. Kapitel 10. n sehr später Stunde sammelten sich die Väter und mahnten zum Ausbruch, der nun auch ziemlich lärmend, in üblichem Durcheinander erfolgte. Der Assessor dienerte vor der Herrin des.Hauses mit Handkuß: „Gestatten gnädige Frau meinen tiefgefühlten Dank." „Ach bitte, Herr Assessor," flötete sie. Der Handkuß wurde bei der Tochter viel feuriger; verwirrt wandte sich das Mädchen ab. — Am Tage nach der Soiree ließ sich der Assessor Rode im Berger'schen Hause melden. „Wollte nicht verfehlen, mich nach dein Befinden der Damen zu erkundigen, der Abend war zu reizend." Die Unterhaltung wurde lebhaft: Der Assessor sprach von seinem verstorbenen Vater, dem Gerichtsrat, und dann erzählte er von seinen Verwandten, lauter betitelten und begüterten Leuten in Berlin und hinter Berlin, und wie ihm die große Karriere auch nicht ausbleiben könne. Die Hausfrau gab sich sichtlich Mühe, den Assessor zu fesseln. „Wir empfangen jeden Donnerstag Abend, vergessen Sie nicht, daß Sie auch zu unseren Freunden gehören. Sie finden schöngeistige, interessante Gesellschaft bei uns." „Mit Vergnügen werde ich Ihr gastliches Haus besuchen, mich lockt aber nicht der interessante Verkehr, sondern die liebenswürdigen Damen des Hauses." Mit einer Verbeugung entfernte er sich. „Liebe Mutter, welch ein Unterschied zwischen wahrhaft gebildeten jungen Herren, die Sinn für Ideales haben, und den Leuten, für die Vater eine solch unbegreifliche Vor- . liebe besitzt. Man findet den materiellen Sinn doch nur bei; Juden. Die wollen nur Geld verdienen und gut essen. Sie I würdigen die Gattin zur Köchin herunter, das zartbesaitete j Seelenleben der Frau wollen sie nicht verstehen. Wenn ich : daran denke, daß mein Leben dereinst an solch materiellen I Menschen, der zur Karikatur wird, geknüpft werden soll,! so graut mir." -