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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-01 · Heft 1 (1.1.1904) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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9 - rndöln Du den Himmel anklagst, will ich Dich daran erinnern; daß Gott die straft, die er liebt. . . Und mich hat er sehr geliebt. Denn ich bin 60 Jahre alt geworden und bin sehr hart betroffen worden. — Ein Kind hast Du verloren, eines, das noch nicht gelernt hatte, .seine Zahne zu gebrauchen, ich aber habe vier Kinder verloren, die schon längst über die Gefahren der Kindheit hinaus waren und emporwuchsen wie die Ledern des Libanon. Aber der große Schnitter, der Engel des Todes, fällte sie nieder in ihrer Blüte, zwei von ihnen einzeln, und zwei mit einem Schlages denn zu jener Zeit war er in großer Eile und tat geschäftig sein Werk. — Während wir hier in der Kühle des Abends sitzen, will ich Dir die Geschichte meiner vier Kinder erzählen, aber, meine Tochter, höre nicht auf zu weinen, auf keinen Fall- Einen Sohn hatte ich, sein Name war Isaak — was sage ich? — nein, es war Benjamin, von dem ich Dir zuerst erzählen muß. Er war 13 Jahre alt geworden, und schon blickte ich umher unter den Töchtern des Landes nach einer Frau für ihn. Wahrlich, er war ein Knabe, der eine Freude für jede Mutter sein konnte, und willig nahm er die Bürde des Haushalts auf seine jungen Schultern, denn sein Vater war zeitig von uns gegangen, um Plätze inr Paradiese vor- . zubereiten. Und es war die Zeit der Kantonisten. "Ach, ich vergaß, Du kommst von weit her, und die Erzählung hat nicht Dein Ohr erreicht. Eigentlich sollte ich auch nicht vor Dir davon sprechen, denn Du bist weichen Herzens, und es ist eine Geschichte von Finsternis und von Herzweh, aber für den heutigen Zweck muß ich es Dir erzählen. Es war zur Zeit, als Nicolaus über das Land herrschte, und seine Minister gaben ihm einen bösen Rat, wie dereinst die Ratgeber des Pharao, da er sich bemüßigt sah, die Kinder Israels zu qnälen. War noch nicht genug Unglück über unsere Mitbrüder gekommen, konnte es noch schlimmer kommen? Also höre! Ueberall herrschte Neid und Eifersucht gegen die Juden Die Gouverneure der großen Städte und die Bürgermeister der kleinen Städte sahen mit Mißgunst, wie der Nachwuchs der Juden durch die Gnade Gottes, trotz aller Beschränkungen und Bedrückungen wuchs und gedieh, und sie sagten listig einer zum andern: „Laßt uns die Hand legen auf die kleinen Kinder, denn sie sind die Wurzel, die wächst und wächst und den Stamm stärkt." Und nun wurde ein Edikt herausgegeben, in dem stand: „Knaben vom 8. bis zum 15. Lebensjahre sollten aus ihren Hennaksstätten genommen und über das ganze Land zerstreut werden." Und folgendermaßen war die Methode: Ueber jedes Dorf wurde ein Vorsteher gesetzt, einer unseres Glaubens; denn er hatte die meiste Kenntnis von den Familien seiner Brüder, und von diesem Vorsteher wurde verlangt, daß er soviel Kinder abliefern müsse, wie die Behörde verlange. Zuerst verstanden die Juden das Unglück, das über sie gekommen, nicht recht; als aber ein Kind weggenommen wurde, dann wieder eines, und die Zahl immer mehr wuchs, da erhob sich ein Jammern und ein Wehklagen, daß der Himmel hätte erschüttert werden müssen; aber der Himmel ist auf zu festen Grundpfeilern erbaut, sonst wäre er schon längst auf die Köpfe der Bösen gestürzt und hätte sie zermalmt. — Natürlich litten die Armen am meisten unter dieser Plage; denn sie konnten keine Geschenke geben, um sich die Gunst der Machthaber zuzuwenden. Wenn eines reichen Mannes Sohn als Opfer ausersehen war, dann ging sein Vater hin und bestach den Machthaber, daß ein Substitut für ihn gestellt wurde; der Arme konnte das nicht. Ich sage Dir, diese Generation, ihr, die ihr jetzt lebt, ihr seid.von Gott besonders begnadet, daß ihr nicht sehet, was wir sahen in unfern Tagen. Denn unser Dorf lag grade am Wege, und die Kinder marschierten mit ihren Begleitern hindurch. Und sie kamen zu Hunderten, Reiter ander Seite, Reiter im Rücken, und die Reiter hatten Knuten in den Händen, und die Hände waren nicht müßig. Und durch jede Reihe lief ein Spannseil, am Aermel eines jeden Kindes befestigt, damit es in der dunklen Nacht nicht entschlüpfen könne. Denn sie marschierten Tag und Nacht, eingewickelt in grobe lange Mäntel, über die ihr) müden kleinen Füße stolperten. Und sie schliefen am'Wegrande oder in den Gräben und erhoben sich nach kurzem Schlaf mit Kleidern, die mit Morast bedeckt waren, — wenn es nicht gerade Frost war, und der Boden steif. Und von hundert blieben nur wenige am Leben, weil ihnen Hände und Füße abfroren oder weil Krankheiten sie hinwegrafften. Und das Schicksal der Ueberlebenden! Sie wurden in. Ställe gesperrt wie das liebe Vieh, und bald wüteten ansteckende Krankheiten unter ihnen aus Mangel an genügender Nahrung und Lager. Nun wurden die, bei denen noch Hoffnung auf Genesung war, zum Bauer gegeben, die Schweine zu hüten oder den Pflug zu ziehen. Das Joch wurde ihnen aufgelegt und zwölf gingen auf einen Ochsen. Aber für die, welche verdorben waren bis an das Mark der Knochen, für die wurden lange Holzschuppen aufgerichtet und ein Opiat wurde in ihre Nahrung gemischt. Und nachts, wenn sie schliefen, wurden große Bündel von nasfem^Stroh angezündet; die Dämpfe drangen in die Ritzen ein, und ihre unschuldigen Seelen schlummerten im Schlafe hinüber. — Was, Du glaubst es nicht? Sieh, ich bin am Ende meiner Tage, und was würde ich davon haben, fälschlich anzuklagen? Alle diese Dinge sind geschehen, nur habe ich zu milde geschildert, ich wollte nicht, daß Deine Haare sich sträuben. Es gibt noch viele, denen die Erinnerung an diese Gräueltaten bei Tage Alpdrücken verursacht. — Und jedesmal, wenn ein Trupp durchmarschierte, schauten die Eltern einander an mit Todesangst in den Blicken, und wendeten das Gesicht von ihren Kindern weg, und in jener Zeit wurde manch ein brauner Bart über Nacht weiß. — Das also ist die Geschichte der Kantonisten, und ich hatte einen Sohn Benjamin. Bis jetzt war er der Untersuchung entgangen, und ich wußte nicht, wem ich es zu gut schreiben sollte, wenn nicht meiner Schwester, die seit zwölf Jahren eine treue Dienerin im Hause des Vorstehers war. Aber die Zeit kam heran, wo der größere Teil der Knaben schon weggeschickt war, und geblieben waren nur die Kinder der Reichen und die Kinder der Vorsteher und seiner Sippe und mein Sohn Benjamin. Und eines Nachts kam meine Schwester und sagte mir, daß es kein Entrinnen mehr gebe, daß die Menschenrüuber am nächsten Morgen kommen würden, meinen Sohn zu nehmen. Und obgleich die Verzweiflung meines Herzens groß war, begann ich nicht mit dem Schicksal zu hadern, und die Hände müßig in den Schoß zu legen. Von Entfliehen war keine Rede, da die Ausgänge des Dorfes bewacht wurden. Aber in meinem Kopfe, war ein Plan gereift, und in der Stille der Nacht weckte ich meinen Sohn (denn er schlief fest in Unkenntnis der Gefahr) und sagte ihm, was ich ausgedacht, was zu tun war. Er sah mich wild an und flüsterte: „Mutter, ich fürchte mich." Aber ich beruhigte ihn wieder und sagte ihm, es'müsse"geschehen, denn der Würfel sei gefallen, und morgen früh müßte er von nur fort, wenn er sich nicht dazu entschließen könne. Und die ganze Nacht saßen wir umschlungen, und ich fühlte, wie sein, ganzer Körper zitterte. Gegen Morgen wurde er ruhiger und zuletzt sägte er: „Liebe Mutter, wenn es denn nicht anders geht, so muß ich es tun, denn ich kann Deinen Kummer nicht

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