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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-01 · Heft 1 (1.1.1904) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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nachzuspüren. Der Jude des Altertums ist mehr Ohrenmensch als Augenmensch, mehr Zeitmensch als Raummensch.' Sein Gehör formt sein Weltbild, die Musik ist dafür die adäquate Ausdrucksform,- ursprüngliche Kunst entsteht nur auf der Grundlage des Rhythmus. Die Raumanschauung erscheint verkümmert, beinahe zweidimensional. Bewegung und Größe werden geschildert, fast nirgends Farbe und Form. Alles ist Flächenzeichnung. Der Jude sieht keine Absoluta in den Individuen, seine Welt ist eine Beziehungswelt. Wo keine Gegenständlichkeit und keine Hingabe an das Seiende ist, entsteht nur die subjektive Kunst der Lyrik; Objektive Kunst, selbst Architektur, kann sich nicht entfalten. Was an Gefühlswerten vorhanden ist, entlädt sich eruptiv, ohne Harmonie, urmächtig und Pathetisch. Der geniale Jude müßte Prophet werden oder an der Fülle seiner Passion zu Grunde gehen. Als der Jude sein Vaterland verlor, durchwanderte er die Erde; tausendfältige Eindrücke drängten sich ihm auf, unter der Schwelle des Bewußtseins setzten sie sich fest, um nach Jahrhunderten wieder zu erscheinen, Seine Qual drückt aber vorerst alle Sehnsucht nieder. Aber bei den Wanderungen ist das Schauen erwacht, der Raum gegenwärtig geworden. Indes gerade das Schauen verbietet uraltes Religionsgesetz, im Rabbinismus doppelt mächtig geworden; denn Schauen ist Sünde, wie die Kunst, welche geschaute Schönheit gestaltet. Alles Schöpferische wird im Keime gewaltsam erstickt. Da erscheint der mystisch-kabbalistische Chassidismus. Er lehrt heitere Lebensfreude, sieht sie als Offenbarung Gottes an- Alles Körperhafte, das reinen Herzens geschieht, ist Gottesdienst, der Menschenleib. das Wunder der Welt, die Schönheit ein Ausfluß Gottes. Was im Bewußtsein unterirdisch geschlummert, regt sich nun und erwacht. Das Tor zur Kunst ist nicht mehr verschlossen, die Emanzipation räumt die letzten Hindernisse hinweg. Die Kunstbetätigung wird ermöglicht, der Wille zu ihr geweckt. Zuerst entwickelt sich der Volksart gemäß die Kunst des Gehörsinns —. die Musik. Die ekstatische Entladung wiederum lebte der moderne Jude als Schauspieler aus. Zuletzt erst kommt die Bildkunst. Sie führt der Kunst neue belebende Elemente zu, insbesondere jetzt, wo die Substanzen in Beziehungen aufgelöst und in Seelenwerte umgesetzt werden sollen. Diese hier nur skizzierten Ausführungen Bubers verdienen Beachtung. Er hat uns einen dunklen Pfad ein wenig erhellt, er ist einer nicht uninteressanten Frage näher getreten. Der Einfluß des Chassidismus mag uns eine Erklärung, für die Juden im östlichen Europa ermöglichen, unter denen sich eine erhebliche Anzahl kühn emporstrebender Talente befindet. Für die übrigen Juden versagt die Erklärung, da anderwärts der Chassidismus nie festen Fuß fassen konnte. Doch anstatt zu theoretisieren, tut man besser, sagt Buber selbst, die Künstler in ihren Schöpfungen vorzusühren, und so werden äußer den Porträts der Maler die Werke von Josef Israels, Lesser Ury, E. M. Lilien, Max Liebermann, Salomon I. Salomon und Jehudo Epstein in ganz vortrefflich gelungenen Reproduktionen wiedergegeben. Der Text hierzu stammt zum teil von anerkannten Autoren wie Fritz Stahl, Franz Servaes, j Georg Hermann und gibt in großen Zügen — teilweise die; Art von Richard Muther nachahmend — ohne trockene Daten., frisch, lebendig und geistvoll ein.Bild vom Wirken der Künstler, Der Gesamteindruck der Persönlichkeit tritt in den Vordergrund | der Betrachtung, die Beziehungen zum Judentum werden nur; berührt, wo die besonderen Motive dies erheischen. Wenn Israels in einer Kohlenzeichnung und in einem Oelgemälde einem greisen.- Thoraschreiber seine eigenen Züge gibt, so wollte er sicher damit andeuten, daß er sichihm verwandt fühle. Die Aufdeckung solcher Beziehungen 'sind für die Beurteilung eines Künstlers von der Bedeutung Israels nicht unwesentlich. Auch Lesser Ury ist ein jüdischer Künstler; er schafft in seinem gewaltigen „Jerusalem" einen, ewigen Ausdruck für die Tonskala des jüdischen Volkes. Er schenkt uns den Jeremias, arbeitet an einem Moses und träumt von einer Rückkehr der Juden. Daß Liebermann, der in der allerersten Reihe der modernen Maler steht, in dieser Umgebung so hervorragend vertreten ist, verleiht dem Werke einen besonderen Wert und wird eine allgemeine Beachtung erzwingen. Salomon I. Salomon, ein Sohn Englands, ist ein Meister, dessen Auge nach Schönheit sucht und daraus beharrt, sie sestzuhalten. Die Bibel und die Jliade versorgen ihn mit Sujets. Seine Beziehungen zum Judentum dokumentieren sich in der Gründung der „Maccabean Society", deren erster Präsident er war. Er wollte in ihr die Juden Londons sozialen Absichten zugänglicher machen. Neben Lesser Ury ist Jehudo Epstein besonders interessant; sie sind künstlerisch verwandt, nur daß Epstein ausgeglichener, weil milder und beherrschter ist. Hin und wieder blitzt bei ihm ein seiner sarkastischer Zug auf, der sich bei seinem Stammesgenossen Thomas Theodor Heine bis zur Virtuosität und Genialität entfaltet hat. Wie Epstein, so entstammt Lilien dem Osten. Beide haben die talmudische Schule, das „Cheder", besucht und verleugnen nicht, was sie gelernt. Lilien erscheint mir als der typische Vertreter von „Jung-Juda". Sein eignes Exlibris, seine Illustrationen zu „Juda", Gesänge von Borries, Freiherrn von Münchhausen und zu den „Liedern des Ghetto" verraten eine eigenartige, hochbegabte Persönlichkeit. Das Weiheblatt für die Toten von Kischinew zu dem in Kürze erscheinenden „Zbornik" von Maxim Gorki ist tief empfunden und im Entwurf hervorragend gelungen. Der Interpret Liliens ist diesem kaum gerecht geworden. Lilien ist ein Werdender. Aber er ist selbständig, originell und besitzt ein großes Können, und daß er seine Kunst fast ausschließlich in den- Dienst der Sache seines Volkes stellt, macht ihn zu einem neuen, prägnanten Typus. Die Ausstattung des ganzen Buches ist künstlerisch, vornehm, geschmackvoll; sie kann der strengsten Kritik stand halten und macht dem jungen Verlag alle Ehre. §530 „ Der Käme des Herrn lei gelobt." Von Samuel Gordvn. Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Amalie Klonower. u weinst, meine Gute, weil Du ein Kind verloren, das noch ein Säugling war. Und deshalb wandelst Du hier in der Einsamkeit, am Rande des Sees, und ringst Deine Hände und schreist laut in der Bitterkeit Deines Herzens? O, gesegnet ist die Jugend in ihrer Kraft! Wie glücklich bist Du; Du bist stark genug, den. Kummer Deiner Seele durch Tränen hinwegzuwaschen. Bei uns Alten sind die Schleusen abgenutzt, die Tränen wollen nicht stießen, der Kummer liegt wie ein Stein aus unserem Herzen, und nach und nach wird er ein Teil unseres Selbst, so daß wir ihn nicht wegwerfen können, wenn wir auch wollten. Ich mißgönne Dir Deine Tränen nicht, aber damit Du nicht Sünde auf Dein Haupt ladest.

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