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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-01 · Heft 1 (1.1.1904) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Zinsen und der Neid, mit welchem die Christen auf die von den Juden zusammengehäuften Reichtümer sahen, fachte auch wieder die Lust an, sich der verachteten und verhaßten Gläubiger zu entledigen, sie'zu berauben und zu morden. Es ist gewiß, daß die Juden von - ihrem Monopol oft unmäßigen Gebrauch gemacht und manchen Schuldner durch hohe Zinsen in das Verderben gestürzt haben; es ist sehr erklärlich, daß die christliche Bevölkerung wegen des Wuchers zu grimmigem Haß gegen sie erregt wurde; — aber haben wir darum ein Recht, den'Jnden des Mittelalters es vorzuwerfen, daß sie sich ausschließlich den Geldgeschäften zuwandten? Können wir es dem Hungernden vorwerfen, wenn er zuviel von der einzigen Speise ißt, welche man ihm darreicht . . . .? Die ganze Ausbildung des gewerblichen Lebens und des Jnnungswesens schloß den Inden von jeder Teilnahme an Handwerk und Handel aus, und es blieb ihm keine andere Wahl, als vom Schacher und Wucher zu leben; denn der mittelalterliche Staat ließ ihm keine anderen Erwerbsquellen." Nicht anders faßt Lamp recht (Wirtschaftsleben I, p. 1452 ff.) diese Verhältnisse auf; diese Ansicht teilt auch Boos (Geschichte der rheinischen Städtekultur I, 370 ff.). Ausdrücklich bemerkt dieser, daß die Juden sich bis zur Krenzzugsbewegung vom Laster des Wuchers fern hielten, denn das Darlehensgeschäft betrieben bis ins 13. Jahrhundert die Kirchen und Klöster. Diese waren die einzigen kapitalskräftigen Mächte in der Frühzeit. Infolge einer langen, sorgfältigen Wirtschaft hatten diese geistlichen Institute Kapitalien angesammelt und sie waren die Bankiers, bei denen die Könige und die Privaten teils gegen Pfand, teils gegen Zins Geld entleihen konnten. Erft als die öffentliche Meinung das Zinsnehmen mehr und inehr verpönte und als Wucher brandmarkte, da mußten die kirchlichen Institute auf solche Geschäfte verzichten, wozu noch kam, daß seit der Mitte des 13. Jahrhunderts die geistlichen Verwaltungen in Verfall gerieten. Die Juden füllten diese Lücke sofort aus, sie nähmen das gesamte Bankgeschäft tn Beschlag und, was ihnen zum Unheil ausschlug, dem Mobiliar-Pfandgeschäst gaben sie den Borzug. Das begreift sich von selbst, denn durch Belehnung von Mobilien wären sie bestimmt zu Schaden gekommen, da sie doch Immobiliarbesitz nicht erwerben konnten. Schon das Rechtsbuch nach Distinktionen (III, 17, 6. 1) sagt: Nach Gottesrecht soll kein Jude Wucher nehmen; doch ist die Ordnung der Juden anders bestimmt, da sie hierzulande (Thüringen) kein Grundeigentum haben dürfen." Und nichtbesser war es in anderen deutschen Gebieten diesbezüglich um die Juden bestellt. Einsichtiger als Herr Liebe ist wohl der Eisenacher Stadtschreiber, Johann Purgoldt zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Ich führe seine Worte genau an: „Nhu ist ir ordnung aber anders geschickt, da sye (die Juden) zcu lande nicht magen ehgens gehäbe, nach erbliche guter besitzen, wan man yn das nicht statet, und hatten sye dye, so gescha hn von den luten schade darzcu, erbeiten syn dye hantwerge, des ledin dye zcunste und hantwercksmayster nicht, und musten ihrer geselschaft engeren, und dye lißen ly nicht arbeyten; triben sy dan kaufmanschft, so koufte nyiuant gerne weder sye. Und darumb so musen sye wuchern, und dit ist ir behelffen; aber dye cristenn Wucherer- Haben kein behelffen, wan es ist ir girheit und ir vorzewifelte bosheit." Allein was kann man von der Einsicht und Wahrheitsliebe eines „Kulturhistorikers" erwarten, der sich nicht scheut, die sonderbare Behauptung aufzustellen: „Der große Krieg (genreint ist der dreißigjährige), der Deutschland an Menschenleben, an materiellen und sittlichen Gütern ans Jahrhunderte hinaus unersetzliche -Verluste zugefügt hat, war für die Juden im' ganzen weniger unheilvoll als für die übrigen Einwohner des Landes." Als ob die Juden nicht auch während des dreißigjährigen Krieges von den deutschen Kaisern zu Zwangsdarlehen herangezogen worden wären! Worauf gründet sich nun Liebes Behauptung? Man möchte es nicht glauben, wenn man es nicht ausdrücklich lesen würde: „Unleugbar bot die Verwirrung des Krieges dem gewandten Handelsgeifte zahlreiche Gelegenheiten des Gewinnstes. Dem beutegierigen Söldner, der nach einer gelungenen Plünderung sich und seine Dirne oder seinen Buben mit den Prunkgeschirren eines Schlosses oder den kostbaren Stoffen eines Kauflagers bepackt hatte, war der Händler unentbehrlich, der ihm die Möglichkeit bot, seine Schätze in wilden Genuß umzusetzen. —' Ebenso unentbehrlich wie dem Soldaten als Händler waren sie dem Feldherrn als Lieferanten." Der Schluß ist überaus bündig. Weil einzelne jüdische Händler und Lieferanten ein gutes Geschäft machten, hatten die Juden unter den Schrecken des großen Krieges weniger als die übrige Bevölkerung Deutschlands zu leiden. Sieht Herr Liebe denn nicht, daß man mit der gleichen Berechtigung auf den Wohlstand des deutschen Volkes in jener schweren Zeit einen Rückschluß ziehen könnte, weil es damals den Marketendern und Wirtsleuten gut ging! An diesen Proben können wir es uns genügen lassen. Sie werden unser Urteil über Liebes Buch rechtfertigen. Es bedeutet in keiner Hinsicht einen Fortschritt im Vergleiche mit den älteren historischen Darstellungen des jüdischen Mittelalters, denen der Verfasser Einseitigkeit vorwirst. Wahrlich er sieht den Splitter bei einem anderen, den eigenen Balken merkt er jedoch nicht. MM-- WMlchr Künstler. Von Dr. Max Doctor-Bruchsal. ie unverwüstliche Lebenskraft der Juden muß zu denken geben; die Verfolgungen der Jahrtausende haben die Wärme im jüdischen Volkskörper kaum zu vermindern vermocht. Die Schöpferkraft auf religiösem Gebiet hat man — bis in die jüngste Zeit — wenn auch ungern, bewundern müssen. Doch in der bildenden Kunst erschien jede Begabung den Juden versagt. Jüdische Künstler von Ruf konnte niemand namhaft machen. Die Gegenwart hat die Welt eines Besseren belehrt. An einer Erscheinung wie Antokolski, an Größen, wie Josef Israels und Liebermann, kann man nicht vorübergehen. Woher kommt die Schöpferkraft des jüdischen Genius auf dem Gebiet der bildenden Kunst? War sie von Anfang an vorhanden, wie konnte sie so absolut unterdrückt werden, daß keine Aeußerung derselben uns erhalten blieb und bekannt wurde? War sie überhaupt nicht vorhanden, woher erklärt sich ihr Auftreten in der Gegenwart? Ob in den Werken der modernen jüdischen Künstler das Nachwirken von Volkseigenschaften erkennbar ist, kommt zunächst nicht in Betracht. Die bildnerische Fähigkeit der Juden, die bisher rundweg geleugnet wurde, hat sich in der Gegenwart durchgesetzt, sie ist vorhanden und fordert das Erforschen über ihr Entstehen heraus. Man muß dem Phänomen Beachtung schenken, eine Erklärung zum mindesten versuchen? wenn auch Klarheit und völlige Gewißheit zunächst kaum errungen werden dürsten. Martin Bnber unternimmt es, in der Vorrede zu denr von ihm heransgegebenen Werk „Jüdische Künstler"!) den Gründen . 3) Jüdischer Verlag. Berlin 1903.

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