Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-01 · Heft 1 (1.1.1904) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228583--60475-3274244
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wirtschaft einseitig nur den Städten zu gute gekommen und die Ursache schwerster ökonomischer Erschütterungen geworden. Den neuen wirtschaftlichen Anforderungen waren allein die Juden gewachsen." Die Juden , besaßen nämlich in allen Ländern Glaubensgenossen und Freunde, wodurch sie für die Einbürgerung des Wechselverkehrs besonders geeignet waren. Auf die Hebung ihrer Geldgeschäfte hat aber die Zunahme des kirchlichen Geistes mittelbar den stärksten Einfluß geübt. Denn die Anschauung der Kirche, allein im Ackerbau den Gott wohlgefälligen Erwerb zu sehen, trat den städtischen Lebensbedingungen schroff entgegen; die Kirche hielt das Anwachsen des Kapitals durch Zinsen für unnatürlich und verwerflich. Vielfach kam man ja dem Bedürfnis nach Geldaufnahme entgegen durch Umgehung des kirchlichen Verbots, indem man den geschäftlichen Vorgang verschleierte und das Zinsnehmen für ein hingegebenes Kapital als Kauf einer Rente bezeichnet^ indessen gerade für bas im städtischen Verkehr unumgänglich nötige kurzfristige Darlehn war diese Form nicht zu verwenden. Das immer schnellere Tempo des Verkehrslebens ließ in wachsendem Maße an Stelle des unbeweglichen das Faustpfand oder die bloße Verschreibung — den Brief — treten, und hier boten Aushilfe einzig die, welche sich über das kanonische Zinsverbot hinwegzusetzen vermochten: die Juden. Man gestattete nicht bloß den Juden, Geld auf Zinsen zu leihen, man zwang sie vielmehr dazu. Wir haben sehr glaubwürdige dokumentarische Beweise dafür, daß man in dieser Beziehung das Widerstreben der Juden zu beseitigen, schwere Mühe hatte und daß die Rabbinen lange Zeit das Geldlechen gegen Zinsen selbst an Christen den Juden sehr übel nahmen. Sehr häufig war der Jude aber nur der Strohnrann, dessen sich christliche Kaufleute, ja selbst hochgestellte Herren bedienten, um auf diese Weise bem Banne der Kirche zu entgehen. Es war den Juden gestattet, Zinsen zu nehmen, die uns heute übermäßig hoch erscheinen dürsten. Allein man darf es nicht außer acht lassen, daß in jener Zeit das Geld sehr teuer war und jedes Anleihegeschäst mit großen Gefahren verbunden war; für den Juden war es dabei ein ganz besonderes Wagnis, denn der Jude war der Leibeigene des Königs und der Kirche. Wiederholt verfügte der König die Rückerstattung der Schuldbriefe an den christlichen Schuldner oder er sprach die Erlassung der rückständigen Zinsen aus; oft verfügten die Päpste dasselbe, wenn sie einen Kreuzzug predigten; und nicht selten befreiten sich die Schuldner selbst von der Zahlungspflicht durch die Vernichtung der Schuldbücher ihrer Gläubiger. Wucher im modernen Sinne haben die Juden im Mittelalter nicht betrieben. Im Gegenteil, die Juden haben als Geldleiher der christlichen Gesellschaft und dem ökonomischen Fortschritt sehr bedeutende Dienste geleistet. Es wurde ihnen dafür jedoch übel vergolten. Die Könige und Fürsten förderten ihre Geschäfte, weil sie ihnen dafür enorme Steuern auferlegten; die Juden waren in der Regel die Steuereinnehmer und die Vermittler zwischen dem Staatsschatz und den Steuerträgern. Das ganze Odium der Erpressung belastete darum die Juden, und den Nutzen heimsten die Fürsten ein. Wenn die Fürsten jedoch glaubten, die Juden hätten Reichtümer genug angehäuft, oder wenn ihnen von anderer Seite unter günstigeren Bedingungen Anlehen angeboten wurden, hoben sie das den' Juden verliehene Privilegium ohne weiteres aus, ja sie beraubten sie ihres Vermögens. Denn die Juden waren, wie Stobbe („Die Juden in Deutschland während des Mittelalters" p. 131) richtig bemerkt, rechtlos, nicht bloß nach der Theorie, sondern auch in der Praxis; yder anders gesagt, weil man sie im Leben als rechtlose Leute behandelte und es dem Interesse des Volks und seiner Machthaber entsprach, jedes Unrecht gegen sie begehen zu dürfen, so kam die Theorie dem scheinbaren Bedürfnis entgegen und erklärte, daß der Kaiser und die Landesherren, denen der Kaiser dies Majestätsrecht übertragen^ habe, über ihr Gut und Blut nach Gefallen verfügen dürfen. Die hauptsächlichste Anwendung fanden diese Sätze in Rücksicht auf ihre Forderungen. Alle Welt klagte über den Zinswucher der Juden; die Kaiser, weltliche und geistliche Landesherren, Städte, Ritter, Bürger und Bauern — alle waren ihnen verschuldet. Das einfachste Mittel, um sich von den lästigen Gläubigern zu befreien, war, sie totzuschlagen; bei vielen Judenverfolgungen darf man die Verschuldung des Volks als wesentlichstes Motiv annehmen. Die große Masse des Volkes sah in den Geldgeschäften der Juden nur ein brutales Gewerbe und verfolgte sie darum mit ihrem Hasse; sie zogen es nicht in Betracht, daß die Juden durch die Könige und Fürsten dazu gezwungen waren, so hohe Zinsen zu nehmen, weil sie den Löwenanteil davon nahmen. Aber was man der wilden, aufgehetzten Menge verzeihen kann, das darfman 'doch dem modernen Geschichtsschreiber nicht Nachsehen. Seine Pflicht ist es, den an diesen Zuständen schuldigen Teil zu verurteilen; nicht an den Juden darf er - sein Mütchen kühlen: Königen, Bischöfen, Fürsten und Stadtobrigkeiten soll er seine Strafpredigt halten. Da war der Abt Tritheim (gestorben 1516) weit einsichtsvoller als Herr Liebe. „Nicht durch gewaltsame Verfolgungen und Ausplünderungen muß man sich der Judenplage entledigen," sagte er, „sondern dadurch, daß man den Juden allen Wucher und alles schändliche Betrügen abschneidet und sie selbst zu nützlichen Arbeiten auf dem Felde und in den Werkstätten anhält." (Angeführt von Liebe.) Herr Liebe hingegen meint: „Nur das weinerliche Märchen, daß dieser Beruf ausschließlich ein ausgezwungener gewesen sei, sollte endlich verschwinden." Ja, wenn es ein Märchen wäre! Bis zur Evidenz haben wir es im obigen nachgewiesen, daß dieses angebliche „Märchen" reine und nackte Wahrheit ist. Es sei noch gestattet, zum Beweise der Wahrheit unserer Behauptung ein einwandfreies Zeugnis anzuführen. „Gleich beim Beginn der Kreuzzüge," sagt'Stobbe in seinem grundlegenden Buche „Die Juden in Deutschland während des Mittelalters", „wurden die Juden, gegen welche sich jetzt der religiöse Fanatismus und eine nationale Antipathie erhob, überall verfolgt und in eine verachtete Stellung herabgedrückt. Durch die Züge nach dem fernen Osten knüpften die Deutschen selbst Verbindungen mit fremden Völkern an und begannen einen ausgebreiteten Handel zu treiben. Dies ist die Zeit, in welcher die Städte einer ganz neuen Blüte entgegengingen und in sich Gilden und Innungen ausbildeten. Auch die Kaufleute schlossen sich in Genossenschaften fest zusammen, zu welchen dem verachteten Juden der Zutritt versagt war; er darf nicht mehr den Großhandel betreiben, darf nicht auf Messen und Märkten erscheinen, er wird vom Welthandel zurückgedrängt und auf den Schacher und Wucher beschränkt. Dem Wucher verdankte es der Jude im Mittelalter, daß ihm trotz allen nationalen Hasses und religiöser Unduldsamkeit fast überall der Aufenthalt gestattet wurde, ihm hatte er es aber auch zuzuschreiben, wenn von Zeit zu Zeit sich jener Haß und jene Unduldsamkeit in grauenerregender Weise wieder Lust machte. Das Bedürfnis, Geld in Zeiten der Bedrängnis geliehen zu erhalten, ließ die Juden als willkommene Mitbewohner erscheinen; aber die drückende Last der Schulden, die. Höhe der schnell auflaufenden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.