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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-01 · Heft 1 (1.1.1904) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Das Judentum in der Leutlchen Vrrssnsenheit. Von Professor Dr. Heinrich Bloch. as als elfter Band der „Monographien zur deutschen Kulturgeschichte" vor kurzem erschienene Buch Georg Liebe's^) wird wohl aus jeden unbefangenen, vorurteilsfreien' Leser einen wenig erfreulichen Eindruck machen. Gewiß ist es ein Fehler, sich bei der Schilderrrng der Lage der Juden während des Mittelalters und in der Neuzeit bis zur zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vom Mitleid leiten zu lassen; allein ebenso unrichtig ist es, der persönlichen Abneigung gegen die Juden in der Darstellung ihrer Geschichte Rauni zu geben; und eben von diesem niemals zu rechtfertigenden Vorwurf ist Liebe nicht sreizusprechen. Wenn bei irgend einer Geschichtserzählung, das Taciteische „sina ire et studio“ als unverrückbarer Grundsatz gelten muß, so muß dies bei der der Juden in Europa der Fall sein. Und Liebe hätte dies ja, wenn er die genügende Objektivität des Historikers besäße, nicht schwer fallen können. Er hätte bloß den Spuren höchst verdienstvoller, christlicher Geschichtsschreiber zu folgen gebraucht, die dasselbe Thema wie er schon lange vor ihm in würdiger, gerechter, der Wahrheit entsprechender Weise behandelt haben- Wie sehr der Verfasser seinen subjektiven Anschauungen und . Meinungen unterlegen ist, das zeigt die Auswahl der seinem Buche beigefügten Illustrationen am klarsten. Fast ohne Ausnahme werden Karikaturen der Juden und des jüdischen Lebens vorgeführt. Es soll ja nicht bestritten werden, daß auch die Karikatur in mancher Beziehung als historische Quelle, verwertet werden kann, aber man wird sie im besten Falle nur als Stimmungsbild einer Klasse gelten lassen, niemals jedoch als untrüglichen Beweis zumal noch umstrittener Behauptungen, oder gar als ausschließlichen Beleg oder als Grundlage historischer Darstellung. Die von Liebe reproduzierten Bilder sind zum großen Teile geeignet, den Haß gegen die Juden zu begründen und neu anzufachen. T War es etwa unbedingt notwendig, zur Erbauung oder Belehrung der Leser eine ganze Reihe von „Ritualmordbildern" oder ähnlicher verletzender Illustrationen dem Texte einzusügen? Was soll damit bewiesen werden? Daß die Juden Ritualmorde begangen haben? Diese Absicht wird wohl niemand Herrn Liebe zumuten. Also daß man den Juden aus Böswilligkeit oder gar in Verblendung dieses Verbrechen andichtete. Nun, die Erwähnung dieser Tatsache wäre um so mehr hinreichend gewesen, als man ja noch in der Helle des 20. Jahrhunderts mit diesem Märchen die traurigsten Erfolge zu erzielen vermag. — Der Verfasser hätte besser getan, ein wenig in den Illustrationen der jüdischen Festgebete, Pessachhaggaden und Estherrollen Umschau zu halten und daraus eine passende Auswahl zu treffen. Er hätte dadurch einen doppelten Zweck erreichen können; er hätte zeigen können, daß die Juden des Mittelalters auch auf dem Gebiete der Bücherillustration etwas geleistet haben und überdies darin auch so manchen kulturhistorischen Beleg gefunden. Allein noch einen anderen Fehler, der nicht minder schwer in die Wagschale fällt, hat Liebe sich zu schulden: kommen lassen. Was er weise verschweigt, das zeigt den Meister — sagen wir es ohne Umschweif — jener judenfeindlichen Literatur, die im Gewände wissenschaftlicher Forschung gefährliche Meinungen verbreitet. Wie ließe es sich sonst anders h Georg Liebe: Das Judentum in der deutschen Vergangenheit. Mit 106 Abbildungen und Beilagen. Leipzig 1903. erklären, daß der Verfasser in seinem ganzen, dem „Judentum in der deutschen Vergangenheit" gewidmeten Buche nicht Gelegenheit fand, auf die Bedeutung der Juden für die Förderung und Verbreitung der Kultur hinzuweisen, zumal sein Buch eine der Monographien zur deutschen Kulturgeschichte bildet? Wollte man welche nationale oder religiöse Bewegung immer von ebenso einseitigem Standpunkte aus behandeln, dann erhielte man von den gewaltigsten, bedeutendsten geschichtlichen Ereignissen un.d Persönlichkeiten bloß ein Zerrbild. Es genügt ja diesbezüglich auf die Würdigung Luthers Und Calvins von katholischer, des Papsttums von evangelischer Seite hinzuweisen. Zeugt es ferner von Objektivität, wenn Herr Liebe zum Beispiel die Geschichte des berüchtigten Jud Süß Oppenheim eingehender erzählt, für Männer jedoch von der Bedeutung eines Samson Wertheimer keine Zeile Raum hat? Wie kann er es des weiteren rechtfertigen, daß er die jüdischen Chroniken und sonstigen Quellen ganz unberücksichtigt gelassen hat? Wird man auch die Entschuldigung gelten lassen wollen, daß er zur Benützung der in hebräischer Sprache abgefaßten Quellenschriften nicht im stände war, so wird man ihm es jedoch nicht Nachsehen können, daß er deren deutsche Bearbeitung durch angesehene Forscher ganz außer acht gelaffen hat. Allein von all' dem abgesehen, hat der Verfasser auch aus den von ihm mitgeteilten Tatsachen falsche Schlüffe gezogen. Es ist eine bestimmte Tatsache, daß den Juden während des Mittelalters, und dieses währte für sie bis in die zweite Hülste des neunzehnten Jahrhunderts, fast jedweder menschliche Beruf und jede bürgerliche Beschäftigung verschlossen war; sie konnten keinen Grundbesitz erwerben, der Ackerbau war ihnen unmöglich geinacht, denn nur denen war er gestattet, die den Eid aufs Evangelium leisteten; dazu kam noch, daß sie Christen nicht in ihren Dienst nehmen^durften; wie hätten sie unter solchen Umständen den Boden bestellen können? Ueberdies war ihnen der Aufenthalt aus dem Lande untersagt. Das Gesetz und die Notwendigkeit verwies sie darauf, .sich in den Städten niederzulaffen. Hier war ihnen wieder ein anderer Riegel vorgeschoben. Weder ein Handwerk konnten sie betreiben, noch dem Handel sich widmen, denn beides lag in den Händen der Innungen, die niemals einen Juden aufnähmen. Aus allen Staats- und Gemeindeämtern ausgeschlossen, vom Besuche höherer Schulen verwiesen, blieb ihnen zur Fristung ihres Lebens nichts übrig als der Hausierhandel mit alten Kleidern und der Betrieb von Geldgeschäften. Sie besaßen dafür nicht, wie inan es Wort haben will, besondere Veranlagung, denn solange sie in Massen iin Orient lebten, beschäftigten sie sich emsig mit deur Ackerbau, mit der Viehzucht, mit Handwerk und allerlei Gewerbe. Später, als sie in der Diaspora lebten, zumal in den großen Handelszentren, erwachte in ihnen, wie es ja auch bei den Griechen der Fall war, der Geschäftssinn, und zwar betrieben sie vorerst den Sklavenhandel und den mit den Produkten des Orients. — Zu den Geldgeschäften wurden sie durch die Habsucht der Fürsten und die Intoleranz der Kaufleute geradezu gezwungen. „Die durch die Kreuzzüge bewirkte Anknüpfung unmittelbarer Handelsbeziehungen zum Orient, das Aufsteigen Venedigs und Genuas an Stelle von Byzanz und ihre enge Verbindung mit den süddeutschen Städten leiteten den vollen Strom des Verkehrs durch das bisher umgangene Deutschland. In ihrer Eigenschaft als ständige Märkte wirkten die Städte fördernd auf das heimische Gewerbe, und der bisher einzigen Form des Besitzes, dem Grund und Boden, trat eine neue zur Seite, das Mpital. Zu plötzlich hereinflutend in ein reines Ackerbauland, und von keiner Staatsgewalt in ein sicheres Bette geleitet, ist die Geld-

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