Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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sonderten Lage, die für die Juden dadurch entsteht, bald ein Ende gemacht sein wird; auch wird es mit einer Demütigung, die unserer Religion widerfährt, und mit diesem Possenspiel, das unserer Glaubensgenossen unwürdig ist, zu Ende sein." Die Sprache ehrt die Männer, die sich in so würdiger Weise gegen derartige Zumutungen wehren. Man darf hoffen, daß sie in den Kreisen, die es angeht, verstanden werden wird. Lrikk aus Veltrrrrich. Ende Dezember. enn durch ein Wunder irgend einer unserer Vorfahren aus dem Grabe erstände, würde er sich über rnanche Erscheinungen, die unser „modernes Judentum" zeitigt, nicht wenig wundern. So wie jener alte Gesetzeslehrer fragte- „Was ist Chanukah?", würde auch gar mancher unserer würdigen Väter nach dem eben gefeierten Feste erstaunt die Frage aufwerfen: „Was ist das, eine Makkabäerseier?" —- eine Makkäbäerfeier mit Tanz von Männlein und Weiblein, mit Deklamationen und profanen Opern und Konzertgesang, dem feine Herren in Frack und tadellosen Lackschuhen, liebliche Frauen und Fräulein in echten Pariser oder unechten Wiener Balltoiletten „frenetisch" -f so nennt man es ja — Beifall klatschen. Und wenn man dann dem aus dem Grabe Entstiegenen sagte: Das ist unsere Chanukahfeier, und die Rede, die du soeben gehört, die den Helden .Juda Makkabi mit allen Torheiten unserer Zeit in Verbindung bringt, ist eine Art Chanukahpredigt, die Opernarie, die soeben vom Beifalle umbraust wurde, dient zur Weihe des Abends, und die vielen schwitzenden und tanzenden Päare drehen sich nach den Klängen eines Straußschen Walzers, um die Siege Judas, Eleafars und Jonathans bei Emmaus, Beth-Zur und Beth-Choron zu feiern, dann würde er sicherlich ruhig und bedächtig sprechen: Euer' Chanukah ist nicht mein Chanukah; ich war gewohnt, an diesem Feste allabendlich mein bescheidenes Lichtlein anzuzünden, dann feierlich, andächtig „Moaus Zur Jeschuossi" zu singen, und die Kindlein lauschten mir andächtig, in den Augen meines Weibes leuchtete es auf, und mein ältester Sohn sang kräftiglich mit. Dann ergötzten wir uns im Familienkreise an harmlosem Spiel und heiterer Erzählung, aßen mit Freude unser Abendbrot und legten uns mit dem Bewußtsein' nieder, daß auch uns der Gott der Makkabäer beschützen und stets behüten werde. So war unsere Feier, schlicht und einfach^ wie das ganze Judentum, eine wahre Familienfeier, wie das Judentum seine beglückendsten Augenblicke in der Familie suchte und fand. Und weil euer Judentum heute ein anderes geworden, weil ihr es — ganz unjüdisch — auf die Straße traget, fremder Sitte uachahmend, wie einstens die Hellenisten, weil ihr das tut, was ihr phrasenhaft bei anderen vermrteilt, darum laßt mich wieder lieber in das Jenseits zurückkehren, in das ich nach schweren Lebenskämpfen eingezogen bin. Ihr gebt euch heute so ver-- schiedene Namen: Nationale, Zionisten, Reformer und Orthodoxe, ihr möget alle diese Namen mit Recht oder Unrecht tragen, Juden' seid ihr nicht. — So würden unsere Ahnen, sprechen, und ich glaube, jeder wahrhafte Jude würde ihnen beistimmen. Es mag ja richtig fein, jede Zeit hat ihre eigenen Erscheinungen, und jede hat auf unser Judentum gewirkt. Griechentum, - Muhammedanismus und Christentum haben manchen Bräuchen im Judentum oft ein gewisses fremdartiges Gepräge gegeben und es auch sonst beeinflußt, aber deshalb ist es nicht nötig, daß das Judentum durch alle unschönen Auswüchse der Zeit verunstaltet werde. Eine Verunstaltung deS Judentums aber ' ist das prunkhaste Hervortreten mit allerlei Feiern, die gewiß keinen religiösen Charakter, aber auch nicht den in unseren Tagen so viel gepriesenen nationalen aufzuweisen im stände sind. -Mit dem Worte „national" wird überhaupt im Judentum viel Mißbrauch getrieben. Freilich die Juden tragen nicht schuld daran. Wo alles national-chauvinistisch angehaucht ist, warum sollte es nicht auch das Judentum fein? Wenn unsere Gegner uns zur Nation stempeln, was Wunder, wenn dies Wort den jugendlichen Heißspornen zu Kopfe steigt und derartige Früchte zur Reife bringt, wie sie sich in den sehr geräuschvollen Makkabäerfeiern mit langatmigen Reden, Operngesängen und lustigern Tanze bis zürn Morgengrauen zeigen. Aber eines vergißt man. Sind wir eine Nation, dann erhält sie ihr Gepräge nur durch die Religion. Und so möchte ich die Frage erklären: „Was ist , Chanukah?", die schon im Talmud Sabbath aufgeworfen wird. Offenbar war gerade diese Denkfeier verweltlicht worden, sie erzählte zuviel von Menschensiegen, von Helden- und Feldherrnruhm; der religiöse Charakter hatte sich im Verlaufe der Zeiten verwischt, und die Gesetzeslehrer hatten wohl erkannt, daß im Judentum nur das für ewige Zeiten fortleben könne, was seine Wurzel in der Religion hat. Wir werden heute wahrlich nicht mehr fragen: „Was ist Chanukah?", wir sind zu sehr historisch geschult, wir sind auch zu viel durch die Schule des Lebens gewandelt, wir haben sie kennen gelernt die Antiochusse und die modernen Hellenisten, wir haben sie am Werke gesehen die „Abtrünnigen vom heiligen Bunde", wir haben uns mit Abscheu abgewendet von ihren Götzen, am liebsten möchten wir sie zerschlagen, wie der greise Priester zu Modin es gethan, — und deshalb wissen wir auch, was das Chanukahfest für uns und unsere Jugend bedeutet. - Aber vor einem wollen wir uns hüten: an die Stelle der zerstörten alten Götzen neue zu setzen. Und es ist sehr zu befürchten, daß das Gespenst Nationalismus das reine Judentum verfinstern könnte. Das Judentum gehört in die Synagoge und - ins Familienhaus, im Leben draußen möge der Jude durch Werke edelster Humanität zum Ruhme seines Stammes beitragen, aber sich wohl hüten, durch lärmende Feiern die Aufmerksamkeit seiner ihn umlauernden Gegner zu erregen. — Geräuschvolle Festlichkeiten sind jetzt wahrlich nicht an der Zeit. Sie wider- . sprechen aber auch ganz dem Geiste des Judentums. Wir waren immer stolz daraus, unsere Feste nicht inr Wirtshause zu feiern, und schon der alte Josephus sagte: „Mäßigkeit ist der Anfang unserer Erziehung." Wofür wir aber eintreten würden, das ist eine shnagogale Ausgestaltung der Chanukahfeier. Es scheint wirklich, als hätte mau sich gerade an diesem Feste früher versündigt. Den beiden . Makkabäerbüchern, und insbesondere dem ersten, sollte man mehr Aufmerksamkeit zuwenden. Sie sollten auch in der hebräischen Uebersetzung ~ und wir besitzen deren ja zwei — in den Schulen gelesen werden. Gerade an der Makkabäergeschichte könnte mit besonderem Vorteile die Geschichte unseres Volkes überharrpt studiert werden. Wie wir unsere Macht und Größe und Kraft, nur in'uns selber finden, wie törichte Nachahmung fremder Unsitten uns den größten Schaden bereitet, wie das wahre Heldentum Judas in der Heilighaltung unserer Religion besteht,^ wie wir ihr bescheidenes und doch so helles Licht vor jeder Entweihung bewahren, das sagt uns die Makkabäergeschichte. Schlicht, und doch eindringlich spricht sie daher zu uns: „Entfache dein Lichtlein, Jude, im stillen Kämmerlein, feiere darum ruhig und bescheiden Chanukah, und vermeide die geräuschvolle, lärmende — Makkabäerfeier. ' Iwri.