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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-01 · Heft 1 (1.1.1904) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 ergeben sich hieraus für die , Anstellungssähigkeit^ der deutschen Lehramtskandidaten jüdischen Glaubens auch an den, vom Staat unterhaltenen Anstalten, deren Dezernent Herr Geheimer Rat Matthias ist? Ein deutscher Oberlehrer jüdischen Glaubens." * Eine erfreuliche Antwort hat die Regierung zu Posen auf die antisemitischen Tiraden eines dortigen Korrespondenten deutsch-nationaler Blätter gegeben, die angeblich die Auffassung der leitenden Regierungskreise in Posen Widerspiegeln sollten. Mit Bezug hierauf schreibt die „Posener Zeitung": „Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß die Poseuer Negierung dem mehrfach charakterisierten hiesigen Korrespondenten auswärtiger Blätter völlig sernsteht und daß sie insbesondere nichts mit dem von diesem Herrn ans Anlaß der letzten Stadtverordnetenwählen in der Provinz Posen veröffentlichten Artikel zu tun hat. Die Negierung ist weit davon entfernt, die in jenem Artikel zum Ausdruck gebrachten antisemitischen Tendenzen zu billigen, sie wird vielmehr nach wie vor auf das Zusammenfassen aller deutschen Elemente der Provinz großer: Wert legen." * Während die einen behaupten, daß die Stellung des Ministers Plehwe in Rußland fester sei als je, singen andere Blätter ihm schon ein Abschiedslied. „Gut informierte" Quellen versichern „mit aller Bestimmtheit", daß Plehwe bereits in nächster Zeit seines Postens enthoben und wahrscheinlich zum Ziviladlatus des Statthalters vom Ostasien, des Admirals Alexejew, ernannt werden wird. Wir brauchen die verderblichen Wirkungen des brutalen Plehwe'schen Regiments nicht erst zu schildern, das mit seiner frevelhaften Gewaltspolitik die revolutionäre Bewegung, im Zarenreiche durch die Erbitterung, die es schuf, fast systematisch gefördert hat, noch auch der häßlichen Rolle zu gedenken,, die Plehwe^ und seine Kreaturen bei der Inszenierung der furchtbaren Judenverfolgungen in Südrußland gespielt haben. Die Vermutung liegt nahe, daß die Enthüllungen, die der Kifchinew-Prozeß in dieser Beziehung gebracht hat, in inneren: Zusammenhang mit der beabsichtigten Kaltstellung Plehwes stehen dürften. Inzwischen geht die Plehwe'sche Politik ihren Gang weiter. Bekanntlich hat die russische Regierung ein Rundschreiben! an die besonders in Betracht kommenden Provinzgouverneure! gelangen lassen, um ihre Gutachten bezüglich der die Juden! betreffenden Gesetze und der Notwendigkeit einzüholen, diese verschiedenen Bestimmungen zu kodifizieren. Während eine große Anzahl der eingegangenen Berichte -ungünstig für die Juden lautete, wurden doch auch Stimmen im entgegegensetzten j Sinne laut; einige Gouverneure möchten sogar alle Ausnahmegesetze gegen die Juden abgeschafft sehen. Das ist auch besonders die Ansicht des Fürsten Urussow, des neuen Gouverneurs von Bessarabien, in dessen Verwaltungsbereich Kischinew, der Schauplatz der jüngsten blutigen Judenhetzeliegt. Die Regierungsbeamten in Petersburg, denen die Zusammenstellung und Bearbeitung der verschiedenen Berichte pbliegt, sind über die Aeußerungen des Fürsten Urussow, die zu ausgiebiger Erörterung Veranlassung gegeben haben, höchst betroffen. Fürst Urussow .erklärte nämlich, wie es scheint, sehr . bestimmt, es bestehe in seinem Verwaltungsbezirk kein wirklicher Gegensatz zwischen der jüdischen und der christlichen Bevölkerung. Er schrieb den. dort herrschenden Wohlstand zum großen Teil dem Fleiße der Juden zu, die sich nicht ausschließlich aus geschäftliche' Tätigkeit beschränken, sondern auch in der^, Nähe der Städte Ackerbau treiben., Besonderen Erfolg haben sie dabei in der Tabakkultur erzielt. Auch haben sie sich sehr nützlich gemacht im Vertriebe bessarabischer Weine nach dem Auslande. Wie die letzten Berichte aus Kischinew befürchten lassen, hat man auf den Fürsten dahin eingewirkt, daß er sein Urteil über die Juden „revidiere". Und wie es scheint, ist diese Absicht gelungen. Die letzten Nachrichten aus Kischinew melden von panikartiger Angst, die seit einigen Tagen unter der dortigen Judenschaft herrscht, da sich wieder Anzeichen lebhafter Agitation bemerkbar machen. Insbesondere sind die Agitatoren eifrig am Werke, die nach der Behandlung, die ihnen in dem eben zu Ende gehenden Prozeß zu teil geworden ist, ihre alte Kühnheit wieder gefunden haben. Für die augenblickliche Lage ist aber ein Ausruf der christlichen sozialdemokratischen Arbeiter Rrrßlands bezeichnend, der augenblicklich in den großen Städten und Industriezentren des russischen Reiches massenhaft verbreitet wird. Der Ausruf, der ein interessanter Beweis dafür ist, in welch hohem Grade das Regiment Plehwe die Zersetzung im Zarenreiche fördert, knüpft an die Judenverfolgungen in Kischinew und Homel an und weist daraus hin, daß es zweifellos der Plan der Regierung fei, durch Veranstaltung von Judenkrawallen aus i der einen Seite die Juden von einer Beteiligung an der revolutionären Bewegung abzuschrecken und auf der anderen Seite zugleich der immer bedrohlicher anwachsenden Erbitterung der Arbeitermaffen einen neuen, für das Zarentum weniger gefährlichen Ausweg zu schaffen, indem sie systematisch . den Zorn des Volkes auf die Juden abzulenken suche. „Den zielbewußten Arbeitern der russischen Sozialdemokratie" — so schließt die Proklamation — „erwächst/aus der neuen Taktik der Regierung eine neue Ausgabe. Wir haben jede Gelegenheit zu benutzen, um die Massen über die provokatorische Rolle, welche die Regierung bei den Judenkrawallen spielt, auszuklären. In allen derartigen Fällen, wo die Behörden den einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen aufzuhetzen und einen Krawall anzustiften suchen, haben wir mit Waffengewalt auszutreten, um die Juden gegen Mörder zu verteidigen. Wir wollen der Regierung zeigen, daß wir in ihr und nicht in dem jüdischen Volke den Feind erblicken!" Diese Sprache läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig; die' russische Politik hat Sturm gesäet, sie wird eine Windsbraut ernten. * Die Juden Rumäniens haben zu den drückenden Sorgen, die auf ihnen lasten, auch noch die des sogenannten Eides „mvre judaico“. Jetzt ist dort eine Agitation im Gange, um die Abschaffung dieses mittelalterlichen Eidschwurs durchzusetzen. Die jüdische Gemeinde Braila sandte deshalb an alle anderen Landtagsgemeinden das folgende Rundschreiben: „Den vom Kongreß der jüdischen Gemeinden zu Jassy getroffenen Verfügungen gemäß, haben wir den Eidschwur in der Synagoge verboten und unserem Rabbiner untersagt, einer solchen Eidesleistung beizuwohnen. - Da von der Verfassung die freie Religionsübung zugesichert wird, so stcht es nicht in der Macht irgend einer Behörde zu befehlen, daß ein Tempel oder eine Synagoge zu einer Eidesleistung, nämlich im weltlichen Interesse, einer Privatperson geöffnet werde. So wie es den Priestern anderer Konfessionen nicht zukom'mt, einer Eidesleistung beizuwohnen, so solleil sich auch unsere Rabbiner, nicht daran beteiligen, da ihre Anwesenheit bei solcher nicht religiösen Angelegenheit der Würde unserer Religion widerspricht. Unserer Ansicht waren zu-wiederholten Malen manche Gerichtshöfe und Ortsgerichte; sie verzichteten auf die Synagoge und aus das Beisein des Rabbiners bei; der Eidesleistung. Wir bitten Sie. also, dem von uns gegebenen Beispiele zu folgen. Sicher ist, daß, wenn alle Gemeinden so verfahren, dem Eid „more judaico“ und der abge-

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