Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Wenn noch etwas für die nationale Erziehung der Juden ' getan werden kann, so kann dies ganz allein seitens der Regierung . geschehen. Daß ungerechte Behandlung, - Zurücksetzung in ihrer Liebe zum Vaterlande, in jeder nationalen Gesinnung .mehr oder weniger erschüttern, mag schon sein. Aber das wird wohl nicht nur bei Juden der Fall sein. Wir haben im Lause der Jahrhunderte Söhne aller Länder ihr Vaterland verlassen sehen, weil sie wegen ihrer Religion, ihrer politischen Gesinnung verfolgt worden sind; und wenn Urgermanen im Auslande säst stets nach kurzer Zeit schon sogar ihre Muttersprache aufgeben, wird man es doch nicht etwa russischen und rumänischen Juden verargen, wenn sie gern den Staub ihres sie mehr als stiefmütterlich behandelnden Vaterlandes von ihren Füßen schütteln und sich ein neues aufsuchen und dieses schnell lieben lernen. Es waren nicht Juden, die das Wort ubi bene ibi patria geprägt haben, und Juden handeln nicht mehr als alle anderen Menschenkinder nach diesem römischen Worte. Die Juden sind genau so gute Deutsche wie die meisten, und bessere wie viele, die deutsche Reichsbürger sind. Wenn die Herren durchaus deutsche Bürger zur nationalen Gesinnung erziehen wollen, dann mögen sie sich solche aussuchen, die es nötig haben. Leider werden sie sie finden und oft an Stellen, wo man.es nicht glauben sollte. Die Juden, die in deutschen Schulen, in der deutschen Armee erzogen worden sind,-die in Deutschland ungestört ihren Geschäften und Berufen leben dürfen, brauchen nicht die unbekannten Herren als nationale Erzieher. Allenfalls könnten Graf Bülow, die Herren v. Hammerstein, Dr- Studt, Dr. Schönstedt, der Reichstag die Juden in ihrer nationalen Gesinnung noch etwas bestärken, nicht etwa durch Auszeichnungen und Liebesgaben, sondern indem sie dafür sorgen, daß ihnen ihr gutes verbürgtes Recht voll und, ganz zu teil wird. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Man hat noch nicht gehört von mangelndem Nationalgesühl bei den Juden, noch nicht das Bedürfnis sie zu nationaler Gesinnung zu erziehen empfunden in Schweden, Dänemark, Holland, Belgien, Italien, Frankreich, außer der Drehsuszeit, England, den Vereinigten Staaten. Im Gegenteil haben in allen diesen Ländern die Juden zum Teil ganz Hervorragende, sogar erstklassige Dienste dem Staate geleistet. Geklagt wird jetzt, d. h. nach den Kischinewer Gräueltaten und anderen neuen Verfolgungsmaßnahmen in Rußland, daß die Juden sogar zu Gewaltakten, zu Attentaten ihre Zuflucht nehmen. Wir können natürlich Attentate niemals billigen und würden den russischen Juden schon deshalb von Attentaten auf das dringendste abraten, weil ihre Leiden daselbst dann nur noch mehr gesteigert werden würden. Aber wir können begreifen, daß zur Verzweiflung getriebene Menschen mitunter alle Rücksichten vergessen und Verzweiflungsakte begehen, die kein Vernünftiger billigen, die aber jeder Vernünftige begreifen wird. Und dennoch sind ge- ' rade die russischen Juden wahrhafte Patrioten, und die Liebe, mit der sie an dem Vaterlande hängen, das sie zurücksetzt, ist geradezu rührend. Diese Liebe zum Vaterlande ist ein hervorstechender Zug in dem Charakter der Juden überhaupt. Man spare sich also die Mühe, den Juden besonderen Nationalunterricht M erteilen. Man behandle sie, wie ihnen zulommt, als deutsche Bürger, und sie werden genau so gut oder so schlecht ihre nationalen Pflichten erfüllen wie andere auch, und wenn nicht, dann sollen sie dieselbe Strafe, dieselbe Verachtung erleiden wie andere Leute, die lässig sind in ihrer Liebe und Treue zum deutschen Vaterlande. -ÄM Dir Woche. Berlin, 1?JaNuar. ie Angelegenheit der Handelsvertüäge wird auch im neuen "Jahre im Vordergründe der politischen Interessen stehen. In enger Verbindung bleibt damit für uns der Wunsch verknüpft, - daß den deutschen Reisenden' jüdischen Glaubens in Rußland 'bei den Verhandlungen über den Handelsvertrag mit diesem Lande dieselbe Behandlung erwirkt werde wie den Andersgläubigen. Wenn eine offiziöse Stimme in der „Süddeutschen Reichskorrespondenz" den Blättern, die diese Forderung vertreten, den Rat erteilt, aus „das nationale Pathos" in diesem Falle zu verzichten, so könnte man diesen Rat schließlich bei jeder Angelegenheit geben, wo es sich um vaterländische Interessen handelt. Die Art, wie die Berliner Zuschrift des offiziösen Organs der russischen Regierung das Wort redet, gibt wenig Hoffnung auf Erfüllung auch mix der bescheidensten Wünsche; es wird darin der Standpunkt vertreten, Rußland sei zu seinem Vorgehen berechtigt, seine internen Judengesetze dürfe es mit Fug auch auf deutsche Juden ausdehnen, gleichviel, ob diesen als vollberechtigten Bürgern des Deutschen Reiches dieselben Rechte durch den Handelsvertrag garantiert werden, wie ihren christlichen Mitbürgern! Hoffentlich nimmt die deutsche Regierung diesen Standpunkt nicht ein, sondern ist auch ferner bei der Vorbereitung des künftigen Handelsvertrages mit Rußland bemüht, auf die Verbesserung der Lage der jüdischen Handelsreisenden hinzuwirken. $ Die Antisemiten haben unsere letzte Statistik über jüdische Oberlehrer in Preußen zum Anlaß lebhafter Klagen benutzt. Demgegenüber dürste es von Wert sein, die nachfolgende, von hochachtbarer Seite uns zugehende Zuschrift zu veröffentlichen : „Eine „sehr notwendige" Frage. Das Dezemberheft der „Monatsschrift für höhere Schulen" bringt an erster Stelle eine eingehende Besprechung von Albert Bielschowskhs Goethebiographie aus der Feder des Herausgebers der Zeitschrift, Geheimen Rats und Vortragenden Rats im königlich preußischen Kultusministerium Dr. A. Matthias. In warmen, bisweilen geradezu begeisterten Worten würdigt der Verfasser, selbst ein hervorragender Goethesorscher, die großen Vorzüge dieser trefflichen Lebensbeschreibung und weist am Ende seiner Besprechung mit bewährtem Stolz darauf hin, daß „Bielschowsky, geboren am 3. Januar 1847 zu Namslau in Schlesien.. dem höheren Lehrfach angehört und 16 Jahre im Schuldienste, zumeist als Oberlehrer im heimatlichen Brieg" gestanden habe. ,An diese biographische Notiz schließt Herr Geheimer Rat Matthias die Beantwortung einer Frage, die er beim Erscheinen seiner. Monatsschrift gestellt hat, und die die wissenschaftlichen Leistungen des höheren Lehrerstandes betrifft. Der Herr Vortragende Rat im königlich preußischen Kultusministerium möge uns gestatten, an seine Frage eine andere an ihn gerichtete zu knüpfen: Ist es ihm bekannt, daß der jüdische Ober-' lehr er Albert Bielschowsky seines Glaubens wegen — wie so vielt andere jüdische Philologen — Jahre voll bitterer Nahrungssorgen durchkämpft hat, daß er — wie wiederum so viele andere — ein AM an einer jüdischen Anstalt (wenn wir nicht irren, am Philanthropin zu Frankfurt a. M.) aufsuchen mußte, bis er entzlich nach harten Kämpfen, die ihn frühzeitig altern machten und später zu vorzeitigem Ausscheiden aus dem Berus führten, an der Gewerbeschule seiner Vaterstadt eine kümmerliche Anstellung fand. Ist ferner nicht Bielschowskh ein typisches Beispiel dafür, wie streng objektive Wissenschaftlichkeit und völliges Versenken in den deutschen Geist bei allen Konfessionen und Religionen und bei allen Teilen, aus Herren sich die deutsche Nation zusarnmensetzt, zu finden ist? Welche Folgerungen