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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-01 · Heft 1 (1.1.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang, Ko. 1. Berlin, 1. Januar 1904. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljührl. 3 M. Redakteur: Gustav «arpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind, an die Adresse : Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/4S, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Lrdürken die Juden einer belonderen nstionnien Erziehung? Berlin, 1. Januar. I^s ist zwar schon von der Vereinigung deutsch-nationaler Juden Notiz genommen worden, und so kann der von „der „Kreuzzeitung" ausgesprochene Verdacht, man werde den seltsamen Verein totschweigen, unser Blatt nicht mehr treffen. Auch wissen wir^ nicht, ob es als ein Zeichen günstiger Vorbedeutung angesehen werden kann, daß wir an der Schwelle des bürgerlichen neuen Jahres gerade obige Frage aufwerfen müssen. Wir werden es aber gleichwohl tun und zeigen, daß der Vereinigung das Schlimmste nachgesagt werden muß, was einer Vereinigung, die öffentlich und Politisch wirken will, nachgesagt werden kann, nämlich, daß sic — überflüssig ist. In der Literatur ist jedes Genre erlaubt, nur nicht das langweilige. In der. Politik und im öffentlichen Leben ist jedes Genre erlaubt, nur nicht das überflüssige. Das langweilige literarische Werk kann noch etwas Gutes ausrichten, es kann den Leser einschläfern, ihm den süßen, in unserenr nervösen Zeitalter oft . so schwer erreichbaren, erquickenden Schlaf bringen. In der Politik aber ist das Ueberflüssige auch schädlich. Der geringste Schaden, den es anrichtet, ist, daß es Kräfte und Mittel, die bessere Verwendung finden könnten, unnütz beschäftigt. Aber der hier in Rede stehende überflüssige Verein schadet mehr;-er setzt als selbstverständlich voraus und nimmt an, daß seine Voraussetzung in weiten Kreisen Glauben findet, daß nämlich die Juden in Deutschland erst einer nationalen Erziehung bedürfen, ihrer mehr als andere deutsche Bürger bedürfen. Diese Prämisse stellen wir auf das allerentschiedenste in Abrede. Um national zu. sein bedarf es ebenso wenig wie um religiös zu sein, eines besonderen Genies oder auch nur eines besonderen Talents. Im Gegenteil sind oft, wenn nicht meist, die schlichtesten Leute ganz besonders religiös veranlagt und national gesinnt. Wir kannten einen vortrefflichen jüdischen Gelehrten, der seine Jugend in einem kleinen Städtchen im jetzigen Ansiedelungsgebiete zugebracht hat. Da las man noch, wie er selbst berichtet, keine Werke deutscher Literatur, las kaum in der Woche einmal ab und zu eine Zeitung, und in der Schule, in der e i n polnischer Lehrer über hundert polnischen und jüdischen Kindern die spärliche Schulweisheit beibrachte, war kein Raum für Geschichtsunterricht. Selbst das Wort „Geschichte" war der Jugend unbekannt, außer in dem Sinne einer Erzählung, gewöhnlich einer Räuber- und noch häufiger einer. Spukgeschichte. Was die jüdischen Kinder von Patriotismus Hütten, hatten sie von Eltern und Ureltern, fast durchweg allereinsachften jüdischen Handwerkern und Kleinkrämern. Aber in ihren Kinderspielen schlugen sie die Franzosen und ersannen die verzwicktesten strategischen Pläne, wie sie' die Franzosen mit Gewalt, oder List aus der Stadt herausbringen würden, falls ihnen jemals einfallen sollte, im Lande zu erscheinen. ... In den Lehren, die., sie erhielten, hieß es: Bete für das Wohl der Regierung. Das Gebet für den König machte stets Eindruck auf sie, schon wegen der deutschen Namen in dein hebräischen Gebete. In den Unterhaltungen der älteren Leute hörten sie stets die preußische Ordnung und Gesetzmäßigkeit loben, so daß es geradezu ebenso unnatürlich gewesen - wäre, wenn sie ohne Liebe und Dankbarkeit gegen das Vaterland ausgewachsen wären, wie es, zumal für jüdische Kinder, unnatürlich gewesen wäre, ohne Liebe und Dankbarkeit gegen die Eltern heranzuwachsen. „Als die Nachricht vom Siege bei Sedan nach der Stadt gelangte, war es ein Jude,- der ein Freudenfeuer auf dem Marktplatze anzündete, und die Tonne Teer, die er in der Freude seines Herzens spendierte, war bei , den armseligen Verhältnissen ein größeres Opfer als etliche braune Scheine, die ein ostelbischer Gutsbesitzer auf dem Altar des Vaterlandes opfert. Ich erinnere mich auch des Eintreffens der Nachricht von der Verlobung Kaiser Friedrichs und wie cha, während die Gemeinde zum^ Gebete versammelt war, wo die einfachen Leute also ganz unter sich waren, ein Hoch auf die Verlobten ausgebracht wurde." „Ich habe dann in einer anderen Stadt eine jüdische Elementarschule dnrchgemacht, und ich muß gestehen, daß ich in dieser mehr von preußischer Geschichte gelernt habe, als später die ganze, Zeit auf dem protestantischen Gymnasium von der Quinta bis zum Abiturientenexamen. Auf dem Gymnasium, habe ich gelernt, Römer und Grieche, in der Elementarschule Preuße sein. Ich erinnere mich, wie wir befreundete jüdischen Schüler in den oberen $1(1^11 entre iious diskutierten, ob es für Juden nicht klüger sei, sich nicht politisch zu betätigen, hervorzutun, gar zu opponieren, und wie dann gerade die tüchtigeren, genialeren und stärkeren betonten, daß man doch dem Vaterlande sein Bestes geben müsse, und alles das so sagen und tun müsse, wie man es als das Beste für das Vaterland ansehe. Und nun der Einfluß der Literatur, der Schiller und Körner und anderer mehr aus uns." Wir wüßten wahrlich nicht, was die Herren uns noch besonders hinsichtlich des nationalen Fühlens und Denkens .lehrten könnten. Auf der Universität und im Auslande haben wir allerdings manche nationale Auffassungen etwas revidieren gelernt, gelernt, daß es noch andere. Darstellungen historischer Vorgänge gibt,'als die in Haus und Schule gegebenen. Aber so wird es wohl jeden, Juden oder Nichtjuden, ergehen, und wir glauben nicht, daß das der Liebe zum Vaterlande Abbruch tut.

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