Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1894)
- Date
- 1894-12-28
- Page
- Seite 624 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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er trotz der Bitteli seiner Gäste nicht den Schluß fingen wollte, weil ihn dann stets ein so heißes Sehnen Überkain nach einer märchckrhaften Ferne, und jetzt kam es ihm plötzlich in den Sinn, und er mußte ihm folge»: „Nun bin ich manche Stunde Entfernt von jenem Ort, Und immer hör' ich's rauschen: „Du fändest Ruhe dort." Ja — Ruhe! Ach, hatte er sie gefunden in seiner eitlen Gier nach Ruhm und Genuß? Hatte er nicht vielmehr alle Stürme des Daseins empfunden, hatte er nicht mit Verrath und Haß und Mißgunst und allen bösen Leidenschaften zu kämpfen gehabt, seit er sein friedlich Heim verlafieu? Und jetzt, großer Gott! War er jetzt nicht ausgestoßen ans der Gesellschaft, ein Flüchtling, ein Verbrecher mit dem Kainszeichen des Mordes auf der Stirn? Ach! Und verweht waren all' die schönen Träume, und das grause Bild der Wirklichkeit trat vor seine Seele. Und jetzt — sein Haar sträubte sich, und sein Herz drohte stille zu stehen — ja, er hatte sich nicht getäuscht — ganz deutlich hatte er es gehört: Er wurde verfolgt, und da, er glaubte sie schon ganz nahe, er glaubte schon ihre Schritte zu hören — mit keuchender Brust bahnte er sich einen Weg durch das dichte Nadelholz: -ins mm rsnbx mm 'rar Und es war, als hätte der Gott Israels den Angstschrei seines gequälten Herzens vernominen, denn da, am Ausgang des Waldes, noch ivenige Schritte entfernt, sah er ein sanftes Licht erstrahlen — da mußten Leute sein, vielleicht ließ ihn ein Galt hier barmherzige Menschen finden, die sich seiner annahmen, und bei denen er ein Versteck finden konnte. Seine Füße berührten nicht den Boden — in tollem Läufe durchmaß er die Entfernung — da — noch eine Armeslänge trennte ihn von dem verheißenden Lichtschein — und jetzt, sein Herz jubelte auf in glücklichem Frohlocken, jetzt sah er das Licht, das ihm geleuchtet in der Drangsal seines Herzens, es ging von einem Chanukalichte aus, und es waren sieben Flämmchen, die da brannten. Ec hatte Rettung gefunden! Noch eine letzte verzweifelte Anstrengung — noch ein letztes Mal mußte er seine Kraft zusauimenraffen, um jenes verheißende Licht zu erreichen, um dort Rettung, Hilfe zu finden bei seinen Glaubensgenossen. — Jetzt hatte er es erreicht — aber da hatte ihn seine Kraft verlassen, noch einen letzten Blick sandte er zu jenem Lichte hin, dann sank er mit einem jähen Aufschrei nieder — und — erwachte. Vor ihm aber brannten in ruhiger Klarheit die sieben Flämmchen auf der silbernen Menorah und die Eherubim mit den goldenen Flügeln lächelte wie ehedem. Kprerhfaat. erlaube mir das Wort zu nehmen, um festzustellen, daß Herr Jsaac Hirsch mit seiner Auffassung nicht allein steht. Das Unrichtige in den Ausführungen des Herrn Rechtsanwalts Meyer wird in weiten Kreisen herausgefunden worden sein und läßt sich kurz in die Worte zusammenfassen, daß wir es zurückweisen, von den Antisemiten uns vorschreiben zu lassen, welchen Beruf wir erwählen sollen, und daß wir es ablehnen, mitzumachen, wenn man sich erlaubt, die Arbeit des Handwerkers und Landmannes allein als eine produktive zu bezeichnen gegenüber der Arbeit, die der Kaufmann, Banquier, Arzt und Gelehrte verrichtet. Dieser Gegensatz ist von den Antisemiten ad hoc künstlich konstruirt worden Niemand, der einen unparteischen Standpunkt einnimmt und das praktische Leben thatsächlich kennt, wird im Ernste behaupten, büß die Arbeit des Kaufmanns:, der den Austausch lder Werthe vermittelt und zu dieser Vermittelungsarbeit heute noch so nothwendig ist wie im Alterthum und Mittelalter, eine nicht produktive sei; ebenso ist es mit den anderen genannten Berufsarten. Ich bedaure, daß ohne Noth in diesen Streit Persönliches hineingetragen ist, und meine, daß dieses hätte vermieden werden sollen; ich will nicht persönlich werden, meine aber doch, daß derjenige, welcher sich von Antisemiten derartig über das Tadelnswerthe der Juden in ihrem Berufe belehren läßt, der Gefahr ausgesetzt ist, sich von ihnen durch dialektische Künste blenden zu lassen. Die Juden find seit Jahrhunderten gezwungen worden, sich dem Handel zu widmen; es ist anzunehmen, daß durch diesen Zwang ihre Fähigkeiten für diesen Beruf sich besonders entwickelt haben; nun will der Feind, der "es bös genug mit ihnen meint, sie von dem Beruf, in dem sie tüchtig find, abdrängen, da gilt es, die Augen offen zu halten und dies sich nicht gefallen zu lassen. Nun bin ich nicht etwa der Ansicht, daß kein Jude Handwerker werden soll. Im Gegentheil. Ich glaube, daß der Kaufmannsstand Jahr aus Jahr ein geschädigt wird dadurch, daß Unfähige airch zu diesem Berufe bestimmt werden, und ich glaube, daß dieses besonders häufig bei den Juden vorkommt, weil man mit Vorliebe die Kinder Kaufleute werden läßt. Wenn auch der Jude dafür vorzugsweise Anlage hat, so haben doch nicht alle Juden Befähigung dazu. Es muß unsere Aufgabe sein und bleiben, unsere Glaubensgenossen solchen Berufsarten zuzuführen, zu welchen sie geeignet und befähigt sind. Ich halte es deshalb für die Pflicht eines jeden Juden, diejenigen Bestrebungen und Veranstaltungen zu!unterstützen, welche verhüten wollen, daß Juden für den Kausmannsstand bestimmt werden, ohne genaue Prüfung, ob die betreffenden Individuen auch Fähigkeiten dazu besitzen, und welche dagegen bewirken wollen, daß geeignete Knaben anderen Berufsarten, insbesondere dem Handwerk und der Landwirthschaft zugeführt werden. Ich sage „deshalb" und betone, daß ich diese Bestrebungen nicht billige und unterstütze wegen der antisemitischen Agitation, welche aufgebaut ist auf Entstellung oder Lüge auch in dieser Sache wie in jeder anderen, sondern weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß es gerade die unfähigen und ungeeigneten Elemente sind, die ihrem Stande später zur Unehre gereichen. Aus solchen für den Berus unpassenden Elementen bildet sich ein Proletariat des Kaufmannsstandes, welche den Verunglimpfungen dieses Standes die Basis bieten, während tüchtige Männer, die ehrenhaft und fleißig arbeiten, diesem Beruf Ehre machen, wie jedem andern. Ungeeignete zurückzuhalten, ist Pflicht, aber Geeignete zurückzuhalten vom Berufe des Kaufmanns wegen des Antisemitismus, wäre — mehr als verfehlt. Halberstadt, im Dezember. Moritz Joseph. * Sehr geehrter Herr! Interesse der allgemeinen Wohlthätigkeit gestatten Sie mir die (35 Frage, ob von dem Verein für Krankenpflegerinnen auch ausgebildete Krankenpflegerinnen in andere Städte und kleinere Orte gesandt werden, wo man dieselben verlangt und nicht aus eigenen Mitteln einen solchen Verein gründen kann. Bei allen christlichen Konfessionen ist dieses längst eingeführt. Könnte dieses auch bei uns eingeführt werden, so wäre das von ganz außerordentlichem Werthe, ganz besonders für Armenpflege. Gerne möchte ich wissen, wie man darüber denkt; verwirklichen ließe sich diese Sache gewiß in vielen Städten und kleineren Orten. Ich will hier nur das Schwesternhaus in Kaiserswerth nennen. Vielleicht bedarf es nur einer Anregung, denn in Amerika, wo ich lange gelebt habe, sagt man: wo ein Wille ist, giebt es auch einen Weg. Leipzig-Plagwitz. Mit vorzüglicher Hochachtung A. Ullmann. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.in Berlin. Verantwortlich firr die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.