Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1894)
- Date
- 1894-12-28
- Page
- Seite 623 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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623 Wochen hier in Wien wiedergesehen, da war er bald in ihren Banden, und all die Zeit her, die er an ihrer Seite lebte, war er wie in einem wirren Taumel befangen — die Leute aber, die ihn jetzt hörten, sagten, das wäre erst echtes und rechtes Künstlerthum, und die Leidenschaft, die ihn für das schöne Mädchen beherrschte, spiegelte sich in seinem Spiele wieder. Der Wagen hielt. Benno zahlte dem Kutscher und durchschritt den kleinen Vorgarten, der die Villa von der Straße trennte; die Thür, die in den Garten mündete und zu der mehrere Stufen hinaufführten, war versperrt. Benno klingelte mehrmals hintereinander, und jetzt endlich, nachdem mebrere Minuten vergingen, näherte sich Jemand der verschlossenen Thür. „Was ist's?" rief Benno dem öffnenden Mädchen zn, indem er mit nervöser Hast sich seines Pelzes entledigte, „weshalb habt Ihr heute versperrt? Fürchtet Ihr etwa Diebe oder ungerufene Gäste?" lachte er, aber er wandte sich jetzt um und seine Miene wurde ernst, als er in das verlegene Gesicht des Mädchens sah. „Was hast Du? Ist Deine Herrin krank?" Und rasch wollte er an der Zofe vorbei seinen Weg in die Gemächer nehmen. Erschreckt wehrte ihm das Mädchen ab. „Gehen Sie nicht, ich bitte," stotterte sie verlegen, „wir haben den gnävigen Herrn heute nicht erwartet — und . .." „Da hat sich das Fräulein schon zur Ruhe begeben?" „Das nicht," entgegnete noch verwirrter die Zofe, „das nicht, aber das gnädige Fräulein ist nach der Stadt gefahren." „Nach der Stadt gefahren, sagst Du, jetzt, des Abends?" Und dabei zuckten seine Hände nervös und in seineil Zügen wetterleuchtete es. Noch einen Blick warf er auf die verwirrt Dastehende, mit einem Ruck seiner Hand hatte er ihr den Leuchter entriffen, sie heftig zurückstoßend und sich den Weg in das Gemach bahnend, war er im nächsten Augenblick an der Thür des Wohnzimmers, die er hastig öffnete. Taumelnd fuhr er zurück. Das, was er nie gedacht, was aber in den letzten Augenblicken dlirch die augenscheinliche Verwirrung der Dienerin zur Gewißheit geworden, das trat jetzt als Schreckbild vor sein Auge. Das Licht entglitt seiner Hand, kraftlos lehnte er sich an die Thür zurück, dann aber fuhr er auf, und wie ein Rasender stürzte er auf jene Beiden hin, die da im süßen Geflüster fern dem Treiben der Außenwelt und ihrer Pflicht vergessen hatten. Mit einem lauten Aufschrei war sie emporgeschreckt, und jetzt flüchtete sie in bebender Angst alis dem Gemach. Benno achtete ihrer nicht. Mochte sie fliehen, die Verrätherin!— Aber er, jener Mann, der ihm die Liebe des Mädchens gestohlen, er, in deffen Gesellschaft sie seiner gelacht lind gehöhnt hatte — er sollte nicht straflos ausgehen. . . Und jetzt, als Jener Miene machte, die Thür zu erreichen, sprang Benno wie ein Rasender auf ihn hin, und seinen Arm mit beiden Fäusten umklammernd, zischte er: „Du wirst nicht fliehen, Du mrißt mir Rede stehen!" „Fort! Geben Sie meinen Arm frei!" Und er trat zurück. „Sie werden mir Genugthuuilg geben," sagte Benno, „Sie müssen sich mit mir schlagen." Einen Schritt hatte der Andere gegen ihn gemacht, dann maß er ihn mit einem höhnischen Blicke. „Schlagen?" lächelte er, „warum nicht gar, einer solchen Lappalie wegen." „Ich habe sie geliebt." „Ha, ha! was thut's? „Sie verweigern mir also?" kam es keuchend aus Bennos Brust „Verweigern?" und er zuckte mit den Achseln, „das nicht, aber, ich schlage mich nicht mit einem Juden." „Hund!" Und wie ein Rasender war er auf ihn zugestürzt und hatte ihn zu Boden geworfen, und jetzt kniete er auf deffen röchelnder Brust, und seine Nägel bohrten sich tief in das Fleisch seines lvehrlosen Gegners. Seine Augeil rollten in wildem, unheimlichem Feuer, die Lippen hielt er fest allfeinander gepreßt, keuchend und stoßweise ging sein Athem, und seine Hände krampften sich mit mörderischem Griffe um den Hals seines Opfers — jetzt aber hatte das leise schmerzliche Stöhnen des Unterliegenden plötzlich aufgehört, noch ein leiser, gurgelnder Laut, und ein schwacher Blutstrom glitt einem rothen Faden gleich aus seinem Munde und färbte das Hemd des Mörders. „Mörder!" Hatte es Jemand gerufen, oder kam die Stimme aus seinem plötzlich sich besinnenden Denken? „Mörder!" Er glaubte es zu hören. Schon sah er sich verfolgt, ergriffe» und gerichtet. Fort, fort! aus der Nähe jenes Ortes, aus jenem Zimmer, in dem auf dem Teppich hingestreckt der Gemordete lag, mit den gräulich verzerrten Gesichtszügen und den im Todeskampfe qualvoll weit aufgeriffenen Augen. Fort! Und wie von Furien gepeitscht, eilte er aus dem Hause, aus dem Garten, auf die Straße. In wildem, wahnsinnigem Jagen floh er durch die nächtlich stillen Straßen; jetzt hatte er das Villenviertel hinter sich und war auf der öden Landstraße, die über die Weinberge hinüber in den Wiener-Wald führt; nur fort, rasch, athemlos in fliegender Hast, nur aus dem Bereiche der Wohnungen hinüber in den nachtschwarzen Wald — immer toller, immer wahnwitziger wurde sein Lauf, nur erst im Schatten des Waldes, da würde er sicherer sein, den Berfolgern, die gewiß schon seiner Spur folgten, leichter entgehen — und so floh er weiter, mit fliegendem Athem, die Stirn von glühendem Schweiße bedeckt, die Augen in bangem Grauen weit geöffnet, die Füße drohten ihm zu versagen; Frost und tödtliche Angst schüttelten seinen Körper, nur sein Kopf brannte wie glühendes Eisen. Jetzt mußte er den Wald erreichen, nur noch wenige Schritte war er davon entfernt, und er verdoppelte sein wildes, athemloses Jagen — er drohte umzusinken, seine Kniee wankten, und ein Fieberschauer ging durch seinen Körper; jetzt hatte ihn der Wald umfangen, aber die tiefe Stille, die da über dem Walde lag, gab ihm nicht die ersehnte Ruhe; angstvoll bebend horchte er dem Knacken der Zweige, und wenn die herbstlichen Bäume ihre kahlen Wipfel neigten und einander zuflüsterten von der Gräuelthat, die jener Flüchtige begangen, da überkam ihn tödliche Angst, und hinter jedem Baume tauchte vor seinem entsetzten Blicke das verzerrte Antlitz des Gemordeten hervor. Jetzt war er hingesunken in den schlammigen Boden, ach! einen Augenblick der Ruhe nur, und dann wollte er sich aufraffen und weiter flüchten. Sein Denken verwirrte sich und er sah sich nicht hier im Schlamm und Koth des Waldes, flüchtig, geächtet — nein, sein inneres Auge zauberte ihm Trugbilder vor, Bilder einer glücklichen Vergangenheit — er sah sich wieder in seiner Vaterstadt, in seinem behaglichen Heim, das er im tollen Drang nach Genuß verlassen hatte, und seine verwirrten Gedanken hafteten an jenem Abende, der dem Tage seiner Flucht voranging — an jenem Geburtstagsabend seines Vaters, o! seines Vaters, den der Gram um den verirrten Sohn sicherlich ins Grab gebracht hatte — und er sah sich wieder an der Seite seiner Gattin, umringt von der Gesellschaft — und Alles, Alles aus jener glücklichen Zeit trat jetzt vor seine Seele — er dachte jenes Liedes, das er gesungen, und wie