Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1894)
- Date
- 1894-12-28
- Page
- Seite 622 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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622 Was erstreben sie denn? Uns, das älteste Reis an dem Baume der Civilisation, uns, die Nachkommen der Priester und Märtyrer, wollen sie umgestalten, aus uns — sprechen wir offen — die Leiter machen, auf der sich ein Häuflein Betrüger emporschwingen soll (bravo! bravo und Händeklatschen), oder sie wollen uns im günstigsten Falle unserer uralten Religion (Bravorufe und Zischen), unserer, von den Patriarchen herrührenden Sitten, unserer biblischen Sprache berauben, in welcher die besten, herrlichsten Denkmäler der Weltlitteratur, des menschlichen Geistes geschrieben wurden." Bei den letzten Worten ließ sich plötzlich ein Ausruf aus der Mitte der Altgläubigen vernehmen: „Wieso des menschlichen Geistes? Die Bibel ist göttlich!" Moritz wurde verlegen, aber nur für einen Moment. Rasch hatte er sich gefaßt. . . . „Selbstverständlich! .... Sie wollen uns geistig tödten, moralisch vernichten; an unsere kulturelle Bedentung vergessend, unsere Menschenwürde außer Acht lassend, werfen sie uns den Polen zu Füßen, damit wir sie anbetteln und anflehen: Nehmt uns auf, wir wollen Euch dienstbar sein. . . . Und für die täglich erlittene Beschimpfung und Demüthigung danken sie mit Liebedienerei, Schmeichelei und heucheln ... In Frankreich, verkünden sie, müffen wir Franzosen sein, in Böhmen natürlich Böhmen, in Rußland — Rüsten — in der Tartarei — Tarieren, in China — Chinesen, in Afrika — Neger oder Zulus . . . Müssen wir doch Brüder desjenigen Bolkes sein, in dessen Mitte wir leben. . ." Ein Beifallssturm unterbrach ihn. Bravo! bravo! wurde von allen Seiten gerufen, und über diesen Witz gelacht. Eine heisere Stimme aus der Mitte der Kaftanjuden übertönte den allgemeinen Tumult. „Also wir Juden sollen in Rom Katholiken, in Deutschland Protestanten, in der Türkei Mohammedaner, irr Australien Heiden werden. Denn die vollständige Assimilirung besteht in der Taufe, bedeutet das Eintauschen der mosaischen Religion gegen die landesübliche." „Oho!" riefen Andere. „Vorläufig ist es mir nicht um die Religion zu thun," setzte Moritz seine Rede fort, von dem hervorgerusenen Erfolge äußerst befriedigt. „Was heißt das, es ist nicht um die Religion zu thun?" donnerte Einer. „Nur die Religion, einzig und allein die Religion," schrie der Kaftanjude. Ein Rauschen ging durch die Versammlung, aber die metallische Stimme Moritz' wußte die Verwirrung zu beherrschen. „Meine Herren! In Eineni stimmen wir Alle überein; in dem Hasse gegen die Assimilirung, in der Ueberzeugung, daß unser jüdisches Volk lebt, blüht und volle Existenzberechtigung besitzt. Unter dieser heiligen Losung fordere ich Euch Alle zur Einmüthigkeit, zur gemeinsamen und solidarischen Vereinigung unserer Kräfte auf, damit wir der feindlichen Macht eine eigene, feste Organisation eutgegenzustellen vermögen, damit wir dem konzentrirten Vorgehen des Feindes unsere systematische, einhellige, ehrliche Arbeit entgegen halten können! Ich stelle den Antrag, einen zionistischen Verein zu gründen!" „Bravo! Vivat Bauer!" riefen die Versammelten, bis der in dieser Weise ausgezeichnete Präsident diese Demonstrationen durch das Glockenzeichen unterbrach. „Kollegen! zur Sache. Wer verlangt das Wort?" - »Ich!" Und ein hübscher, eleganter Jüngling trat vor. „Vor Allein," begann er, „muß ich gegen das formwidrige Vorgehen unseres Vorsitzenden protestireu. Alle parlamentarischen Bräuche sind mir bekannt, und ich weiß, daß es dem Vorsitzenden nicht gestattet ist, das Wort zu ergreifen, umsoweniger Anträge zu stellen." Moritz unterbrach ihn: „Was bedeutet dies? Der Kollege richtet sein Augenmerk auf Formalitäten, während dieselben mir ganz gleichgiltig sind. Hier ist es nur um den Kern der Sache zu thun." „In diesem Falle habe ich nichts weiter zu sagen," zog sich der Parlamentarier zurück. Leises Gelächter begleitete ihn. (Fortsetzung folgt.) „Am Brunnen vor dem Thorr." Eine Chanuka-Geschichte von Carl Griot. (Schluß.) angsam hatte sich das Haus geleert, das jetzt in tiefes Dunkel i gehüllt dalag; der vorhin so bewegte Platz war nun in lautlose Stille gesunken, rill' die Geister, die da ihren holden Zauberspuk getrieben und Aug' und Herz der Hörer gefangen genommen, waren verschwunden, und nur von der Loggia herab grüßten die Lichtgestalten Pamina's und Tamino's nieder, die von guten Genien geleitet, „in des Tones Macht den Weg der düstern Todesnacht schreiten." Beim Bühnenausgaug hatte sich eine kleine Schaar Theaterenthusiasten zusammengefunden die hier den Ausgang des Künstlers abwarten wollten; unterdeffen aber schritt Jener in seinen Pelz gehüllt, den Rockkragen aufgestülpt, von den Leuten, die seiner harrten, unbemerkt aus dem Theater. Auf der Ringstraße winkte er einen vorüberfahrenden Wagen und sich wohlig in die Kiffen zurücklehnend, rief er: „So schnell als möglich in die Cottage!" Der Wagen rollte pfeilgeschwind durch die Straßen, die jetzt zumeist einsam und menschenleer waren; so lange man sich noch im Weichbilde der Stadt befand, begegnete man noch einigen heimkehrenden Theaterbesuchern, dann auch wieder Menschen, die in eine Gesellschaft gingen, später jedoch, als sie die frühere Linie hinter sich hatten, da wurde es ganz still und öde. Die Menschen, die hier wohnen, für die giebt es keine Gesellschaft und kein Theater, hier herrscht die Noth und die Armuth; und wenn diese Leute todtmüde und wundgehetzt von des Tages Lasten ihr elend Heim aufsuchen, da verlangen sie nichts anderes als Ruhe, um des anderen Tages von Neuem an ihr hartes Tagewerk zu gehen und so des Lebens Frohne weiter bis ans Ende zu führen. Benno achtete gar nicht des Weges, den sie im raschesten Tempo zurücklegten; wozu auch? Er kannte ihn ja, diesen Weg, er fuhr ihn doch seit seinem Aufenthalte in der Residenz oft genug. Und er wußte auch genau die Zeit, wenn sie das Arbeiterviertel verlassen hatte», man sich jener eleganten Villenansiedlung näherte, die knapp an der Grenze der Proletarierwohnungen errichtet worden, wohl um den Abstand zwischen Glanz und Pracht und Elend und Verkommenheit recht deutlich zu veranschaulichen. Seine Gedanken eilten der Fahrt voraus, und er sah sich schon am Ziel seiner Fahrt, in der kleinen, wohligen Villa, in dem behaglich luxuriösen Gemach seiner angebeteten Braut. Er hatte sie vor Jahresfrist kennen gelernt; schon damals hatte die große Schönheit des Mädchens auf sein leicht erregtes Herz mächtigen Eindruck gemacht — und dann, später, als er sie vor einigen