Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1894)
- Date
- 1894-12-28
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Moritz lachte höchst vergnügt, als er des Advokaten erwähnte. „Er ist kinderlos," klärte er den Gefährten auf, „und füttert Hündchen, während die gnädige Frau ihre Kätzchen hat. Hat er doch keine bessere Beschäftigung; die Kanzlei wird von seinen Leuten geführt, und er übt sich blos in immer neuen und kunstvollen Kombinationen seiner ehrenfesten Unterschrift." Sie blieben vor einem Hause in der jüdischen Gasie stehen. „Hier muß ich eintreten," sprach Moritz. „Wissen Sie was, kommen Sie mit." „Was giebt es> hier?" „Ich werde Ihnen sagen. Ich habe mit einigen Freunde» eine Versammlung der jüdischen Jugend einberufen, bei welcher viele uns nahe berührende Fragen der Erörterung unterzogen werden, darunter das Projekt zur Bildung eines neuen Vereins." In einem Saale des zweiten Stockes gingen schon mehrere junge Leute umher; die Einen durchblätterten verschiedene Zeitschriften, Andere plauderten auf dem Tische sitzend, die Füße auf die Sessellehuen gestützt, oder machten sich auf Sopha und Stählen breit. Es war dies offenbar eine zu öffentlicher Benützung eingeräumte Wohnung. Bauer wurde von Manchen freundschaftlich, von Anderen mit einem Anfluge von Ironie begrüßt. * „Servus, Messias!" „Zu früh und zu schmeichelhaft," entgegnete der Angekommene. „Sehen Sie," wendete er sich an Jizchak. „Es handelt sich darum, die Machinationen der Assimilatoren zu Hintertreiben und ihnen einen Verein jüdischer Bürger, zu denen ich mich zähle, entgegenzustellen." Jizchak schloß daraus, daß sein Beschützer den Ideen, zu welchen er sich erst vor Kurzem bekannt hatte, und welche von Ludwig verkündet wurden, gerade entgegen wirkte. Erstaunt, beinahe erschrocken, wollte er um Aufklärung bitten, aber Moritz fügte rasch hinzu: „Uebrigens werden Sie unsere Debatten hören. Es ist mir sehr darum zu thun, daß Sie als Kenner des Judenthums das Wort ergreifen — natürlich vom jüdischen Standpunkte." „Ich?" „Ja. Sprechen Sie ganz ungenirt im Jorgon. Wir alle Nationaljudeu bedauern, Eurer Sprache nicht mächtig zu sein. Uebrigens werden Sie nicht der Einzige sein. Schauen Sie hin." In der That saßen einige Jünglinge in langen Röcken, bedeckten Kopfes um den Tisch. „Das sind Söhne der reichen Altgläubigen, mit denen wir uns jetzt vereinigen," bemerkte Moritz. „Trachten Sie, mit denselben bekannt zu werden." Er gesellte sich zu den Anderen, Jizchak aber setzte sich in eine Ecke, zuhörend und beobachtend. Aus dem im Saale herrschenden Geräusche, dem Hin- und Herrennen und Sesselrücken vermochte er nicht klug zu werden. Nach einer Viertelstunde bestieg Moritz eine Erhöhung. Hoch aufgerichtet warf er das reiche, schwarze Haar zurück, stützte die Hände auf den Tisch und warf einen Blick auf die Versammlung. Die Bewegung und das Getöse verstummten. Moritz klingelte zwei Mal. „Kollegen!" sprach er mit reiner, klangvoller Stimme. „Ich habe es gewagt, Euch einzuladen, uni Eurem klaren Urtheile einige, uns lebhaft berührende Fragen zu unterbreiten und gemeinschaftlich und einhellig mit Euch einige Beschlüsse zu fassen, welche uns die Wegweiser auf dem sturmgepeitschte» Meere des gesellschaftlichen Lebens sein sollen. Ehe wir aber an die eigentliche Arbeit schreiten, bitte ich, meine Kollegen, Ordnung in unsere Berathung zu bringen und einen Vorsitzenden zu wählen." Wieder entstand eine lärmende Bewegung, aus welcher endlich die Rufe deutlich wurden: „Kollege Bauer prüsidirt, Bauer, Bauer!" Moritz verneigte sich, sein Antlitz strahlte von Stolz und Befriedigung. „Dank Euch, meine Herren, für die Ehre und das Vertrauen." Manches höhnische Lachen zischte in Jizchaks Nähe auf. Nachdem er zwei von den anwesenden Herren zu Schriftführern gewählt hatte, begann Moritz von seinen Ansichten über die Judenfrage zu sprechen. Jizchak entnahm daraus, daß Redner so unglücklich gewesen sei, in einer jener, leider so zahlreichen Familien, welche beinahe alle Kennzeichen des Judenthums abgestreift haben, das Licht der Welt zu erblicken. Die, alle europäischen Völker nachahmende, und besonders deutschem, polnischem lind französischem Muster nachgeformte Erziehung und Bildung derselben hat sie vom eigentlichen nationalen Stamme, von Israel — gelöst. Jetzt erst, durch die Erfahrung belehrt, unter der Einwirkung ernster Studien und langen Nachdenkens (hier ließen sich unter den Zuhörern halbunterdrücktes Lachen und zahlreiche „Oho" - Rufe vernehmen) wendet sich Redner den Traditionen seines uralten Volkes, den Wünschen und Jdealeir des Volkes Israel zu, und alle assimilatorischen Gaukelbilder und Täuschungen (frenetischer Beifall) abschüttelnd, betonte er das nationaljüdische Lager, ihm seine Fähigkeiten, seinen Fleiß, sein Leben anbietend. Allgemeiner Tumult herrschte nach dieser feurigen Rede. Die kleiire Schaar der Kaftanträger war entzückt und äußerte ihre übermäßige Freude in wilden Ausrufen. Moritz, mit hochgehobenem Haupte und glänzenden Augen, von seiner Rolle und der Wichtigkeit des Momentes durchdrungen, athinete tief, dankte mit einem anmuthigen Lächeln auf deni schönen bleichen, jetzt leise gerötheten Gesichte, und fuhr im Sprechen fort. „Zeit ist es schon, daß wir uns wie ein Mann gegen Diejenigen erheben, welche unser Volk vergiften. Denn was sind sie denn weiter, diese sogenannten Assimilatoren, als eine Bande von Emporkömmlingen, Phrasendreschern, oder im besten Falle Utopisten, welche unsere armen, unglücklichen Brüder auf Abwege leiten? Was sind diese ihre Ideen?