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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-28 · Heft 52 (28.12.1894) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
Seite 620 (sequence 8)
Language
German
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620 so z. B. der berühmte Sanskritist Prof. Theodor Goldstiicker, damals Professor für Sanskrit am University College in London. Von dem großen Gelehrten entwirft Pulszky in seinen Memoiren eine sehr anziehende Skizze, der ich das Nachstehende entnehme: Er war ein äußerst liebenswürdiger Gelehrter; in Königsberg geboren, war er doch gänzlich Engländer geworden; in der Bibliothek der ostindischen Compagnie durchforschte er mit großem Eifer die Sanskrithandschriften, besonders die der Grammatiker. Er verstand es, die Resultate seiner Forschungen so bestechend vorzutragen, daß ich mich ebenfalls zum Studium des Sanskrit entschloß und bei ihm mit mehr Eifer als Erfolg Unterricht nahm. Während meines Aufenthalts in England übernahm die englische Regierung die Leitung Indiens von der ostindischen Compagnie und führte bei der Ernennung von subalternen Beamten Konkurrenzpriifungen ein. Diejenigen, welche am besten antworteten, wurden zu Beamten ernannt. Als ich einmal bei Goldstiicker arbeitete, kam ein junger hübscher Mann zu ihm und bat ihn, er möge ihm einige Lektionen im Sanskrit geben. Er reflektire nämlich auf ein Amt in Indien und habe sich's schon ausgerechnet, wie viele Einheiten er bei der Prüfung aus den übrigen Gegenständen, die er studirt habe, beiläufig bekommen könne, und da brauche er denn, um das Minimum zu erreichen, noch zwei-- bis dreihundert Einheiten, dies könne er nicht leicht aus andere Weise als durch die Prüfung aus der Sanskritsprache erreichen. Goldstiicker entgegnete, daß er keinen Privatunterricht ertheile, endlich aber gab er den Bitten des jungen Mannes nach und bemerkte gar bald, daß dieser im Sanskrit sehr schwach sei, daß ihm sogar das Lesen Schwierigkeiten bereite; trotzdem schrieb sich der junge Mann Alles pünktlich auf, was ihm der Professor in den einzelnen Stunden vortrug. Dieser fragte ihn, warum er dies thue. „Weil dies durchwegs äußerst gescheute Bemerkungen sind und ich dies Alles bei der Prüfung Vorbringen will." „Wenn man Sie aber nicht nach diesen, sondern nach andern Dingen fragt?" „Das gilt mir gleich; ich werde dennoch von dem, was ich hier gehört, sprechen; die Prüfenden mögen sich überzeugen, daß ich, wenn ich anch auf ihre Fragen nicht antworten kann, dennoch etwas weiß." In der That wurde der junge Mann, obzwar er eine sehr schlechte Prüfung abgelegt, zum Beamten ernannt, indem seine Findigkeit und Schlauheit, mit der er, ohne sich verwirren zu lassen, alles das vortrug, was er wußte, den Examinatoren imponirte. Pulszky ermüdet nicht, in seinen Büchern und Artikeln stets auf den Segen der Duldung aufmerksam zu machen und nachznweiseu, welch' heilsamen Einfluß auf die Entwickelung des betreffenden Landes die Juden-Emauzipation stets gehabt habe. So erzählt er u. A. von Livorno, der einst so berühmten Handelsstadt des Großherzogthums Toscana, welche mit Genua erfolgreich wetteiferte, daß sie ihr Eniporblühen in erster Linie dem Umstand zu verdanken hatte, daß Großherzog Leopold ihr das Privilegium ertheilte, wonach dort Jedermann, ohne Unterschied der Religion, also anch Juden, wohnen und Häuser besitzen durften. In der That entwickelte sich in Folge dessen Livorno zu einem gewaltigen und reichen Emporium des Handels, ja, des Weltmarkts; der Geist der Toleranz gelangte in dem kleinen Staat zur Herrschaft, Dank einer Regierung, welche frei von Vorurtheilen und Fanatismus war. Auch über den alten Baron Rothschild in Wien, mit dem Pulsky Zeit seines Lebens sehr befreundet war, und dem er sich als Kunstkenner noch besonders lieb und werth machte, berichtet dieser in seinen Memoiren manches Jntereffante. Ueber den Ursprung des Vermögens des Hauses erzählt der ungarische Publizist so Manches, was zwar nicht mehr, neu, aber immerhin interessant genug ist, um unfern Lesern vielleicht ein anderes Mal mitgetheilt zu werden. Gin Hetzka-plnn vor fünfhundert Jahren und sein Ende. Von Dr. M. Kayserling. f ie Gegenwart mit ihren trüben Erscheinungen drängt unwillkürlich zu Vergleichen mit früheren Zeiten, selbst mit dem Mittelalter. Es hat in Judenhaß rurd Judenverfolgungen das Möglichste geleistet, dieses finstere, barbarische Mittelalter; es fehlt in ihm aber auch nicht an Beispielen von Duldsamkeit und Gerechtigkeit, welche lehrreich sind für unsere weit fortgeschrittene, erleuchtete Gegenwart. Ein judenfeindlicher Prediger und ein gerechter Fürst, ein Kirchenfürst, der mit dem Hetzkaplau kurzen Prozeß machte, tritt uns in der Geschichte der Juden im Erzstift Trier entgegen*). Unter der Bevölkerung des Trierer Erzstifts hatte sich um das Jahr 1387 eine feindselige Stimmung gegen die dortigen Juden herausgebildet und zwar um deswillen, weil, wie behauptet wurde, „in einzelnen Ortschaften die Christen geradezu unter der Herrschaft der Juden standen". Dieser feindseligen Stimmung begegnete Erzbischof Kuno von Falkenstein, indem er einzelne seiner Städte zur Ausstellung von Privilegien veranlaßte, durch welche den Juden die gleiche Rechtssicherheit wie den Einwohnern christlichen Glaubens zugesichert wurde. Der Nachfolger Kunos, der Erzbischof Werner von Falkenstein, welcher der judenfreundlichen Haltung seiner Vorgänger treu blieb, hatte zur Bekämpfung der Anhänger des Gegenpapstes Clemens VII. im Jahre 1388 Johannes Malkaw, einen streitbaren Theologen, nach Koblenz berufen. Von Adligen und Klerikern aufgereizt, benutzte Malkaw sehr bald die Kanzel, um gegen die Juden zu donnern und die ihnen eingeräumten Rechte als unstatthaft zu bezeichnen; es dauerte nicht lange, und Malkaw wurde ivegen seiner Hetzpredigten, wie er behauptet aä instaneiam Judaeorum, gefangen gesetzt. Dem „kecken Agitator", wie Haupt ihn nennt, wurde dann im Gesängniß seitens des Erzbischofs mit allen Mitteln zugesetzt, uni ihn zum Widerruf seiner Behauptungen zu bewegen. Auch ein Jude, Namens Abraham soll, wie Malkaw versichert, zu ihm ins Gesängniß gekommen sein und ihm eine Summe Geldes angeboten haben mit den Worten: „Herr Johannes! Was haben Euch die Juden gethan, daß Ihr ihnen so gehässig seid? Wenn Ihr Alles das, was Ihr gegen uns gepredigt habt, widerruft, so gebe ich Euch fünfhundert Gulden." Wenn wirklich ein Jude auf Malkaw im Gesängniß einen Bestechungsversuch machen konnte — und zu einer Anzweifelung dieser Angabe liegt, wie Haupt meint, ein ‘triftiger Grund nicht vor —. so würde das nur darauf Hinweisen, daß auch unter Erzbischof Werner das Verhältniß der Trierer Juden zum Landesherrn ein recht trostloses gewesen ist. Da Malkaw nicht widerrufen wollte, so wurde er aus dem Erzstift ausgewiesen, was er natürlich dem Einfluß der Juden znschrieb, und ihm die Rückkehr unter Androhung der Todesstrafe untersagt. <) M. s. H. Haupt: „Zur Geschichte der Juden im Erzstift Trier" (Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst), XIEI, 146 f. Vgl. auch H. Haupt: „Johannes Malkaw aus Preußen und seine Verfolgung durch die Inquisition zu Straßburg und Köln" in der Zeitschrift für Kirchengeschichte, VI, 328—389.

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